Rezension über:

Marita Krauss: "Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen". Das Leben der Lola Montez, München: C.H.Beck 2020, 343 S., 42 s/w-Abb., ISBN 978-3-406-75524-8, EUR 24,00
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Rezension von:
Laura Pachtner
Universität Passau
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Laura Pachtner: Rezension von: Marita Krauss: "Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen". Das Leben der Lola Montez, München: C.H.Beck 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/34529.html


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Marita Krauss: "Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen"

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Dank ihres ikonischen Porträts in der Schönheitengalerie König Ludwigs I. gehört Lola Montez zu den wenigen Frauen der bayerischen Geschichte mit kollektivem Wiedererkennungswert. Nicht zuletzt deshalb mag das Thema Lola Montez, noch dazu anlässlich ihres 200. Geburtstags im Februar 2021, ewig jung und attraktiv erscheinen. Wenig überraschend kreiste ihre Darstellung in vielen populären, aber auch in wissenschaftlichen Werken primär um den großen Skandal ihrer sehr speziellen Beziehung zu Ludwig I., die manche Historiker noch mehr als ein Jahrhundert später zu Aussagen hingerissen hat, die weniger ein Licht auf die bayerischen Verhältnisse um 1848 als auf subjektive und geschlechterbedingte Vorurteile dieser Autoren werfen, so z.B. auch bei dem sonst nüchtern distanzierten Heinz Gollwitzer.

Tatsächlich hatte Eliza Gilbert (1821-1861), schon bevor sie sich in die Kunstfigur Lola Montez verwandelte und auch nach der bayerischen Episode, eine im Kontext der Gesellschafts- und Geschlechtergeschichte des 19. Jahrhunderts bemerkenswerte Lebensgeschichte. Marita Krauss, die sich schon mehrfach mit für ihre Zeit unerhört agierenden Frauen wie z.B. der Ärztin und Sozialdemokratin Dr. Hope Bridges Adams Lehmann (1855-1916) befasst hat, nimmt in ihrem Werk die Kunstfigur Lola Montez ernst. Dabei orientiert Krauss ihre Darstellung eben nicht nur an der Perspektive eines der größten Skandale des Wittelsbacher Königshauses, sondern untersucht die vielen Legenden und bis heute bereitwillig übernommenen Gerüchte um Lola Montez kritisch. Die hier erstmals systematisch als Quelle genutzten, bislang wenig bekannten Tagebuchnotizen Ludwigs I. aus der Bayerischen Staatsbibliothek erwecken zwar besonderes Interesse, aber es findet sich darin nichts grundlegend Neues. Besonders überzeugt dagegen die akribisch recherchierte Darstellung der vielen Stationen des Lebens von Eliza Gilbert bzw. Lola Montez: von ihrer Kindheit und Jugend in Indien und Großbritannien über die Zeit in europäischen Metropolen und dem Schwerpunkt in München bis hin zur letzten Phase vornehmlich in Nordamerika. Als beeindruckend breite Quellengrundlage stehen hier den altbekannten Memoiren Lolas und ihren Selbstdarstellungen in der Presse sowie umfangreichen Briefwechseln, in erster Linie natürlich mit Ludwig I., zeitgenössische Publizistik, private und öffentliche Zeugnisse von Gegnern wie Unterstützern sowie amtliche Unterlagen gegenüber.

Das bislang meist wenig beachtete frühe Leben Eliza Gilberts wirft faszinierende exemplarische Schlaglichter auf die britische Gesellschaft der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, oder, wie Krauss es formuliert, die Protagonistin und ihr Schicksal scheinen "wie aus einem Jane-Austen-Roman" (7). Nach der frühen Kindheit in Indien wurde die Tochter eines anglo-irischen Paares, wie für die britische Kolonialelite üblich, alleine nach Großbritannien zurückgeschickt, um dort eine angemessene Erziehung zu erhalten. Sie gehörte also, wie ungezählte andere Kinder, zu den im Kontext der Kulturgeschichte des britischen Empires sogenannten 'orphans of the Raj'. Doch noch während der Pensionatszeit in Bath ruinierte Eliza Gilbert durch die überstürzte Heirat mit einem mittellosen Kolonialoffizier und die rasch folgende Scheidung alles gesellschaftliche und damit auch ökonomische Kapital, das auf ihre Erziehung und Ausbildung aufgewendet worden war.

Dieser Tiefpunkt war der Ausgangspunkt für die Neuerfindung Eliza Gilberts als Maria de los Dolores Porrys y Montez, kurz Lola Montez. Auch wenn sowohl die künstlerischen Fähigkeiten der angeblichen spanischen Tänzerin als auch ihre Identität immer wieder in Zweifel gezogen wurden, gelang es ihr, die wirtschaftliche, obzwar nicht gesellschaftliche, Existenz auf diese Weise zu sichern, wenn auch mit wechselndem Erfolg. An den verschiedenen Stationen ihres auf Reisen bzw. Tournee verbrachten Lebens polarisierte Lola Montez immer wieder. Den Gerüchten um ihr angeblich skandalöses Verhalten begegnete sie offensiv und spielte effektiv mit Vorurteilen und Erwartungen. Nicht wenige geschäftstüchtige Unternehmer aus der Unterhaltungsbranche, ob in London, Paris, Berlin oder Warschau, erkannten das besondere Potential der gutaussehenden, charmanten jungen Frau: Gerade der ihr vorausseilende Ruf zu erwartender Skandale lockte das Publikum und sorgte für wirtschaftliche Erfolge - so lange, bis das Maß der gesellschaftlichen Toleranz voll schien, missgünstig Gesinnte das Geschäft verdarben oder aber Lola selbst für so viel Unmut sorgte, dass die nächste Station angelaufen werden musste. Am bekanntesten (und bis zur Wahl der Abbildung auf dem Werk von Krauss wirksam) ist dabei wohl die Episode um Lolas angeblich bevorzugten Ge- und Missbrauch von Reitgerten. Dabei lässt sich, so Krauss, das diesem Topos zugrunde liegende Ereignis, eine angebliche Attacke auf einen Berliner Polizisten, nicht zweifelsfrei belegen. (57-60) Ihre Anpassung an das jeweilige Publikum und die Öffentlichkeit war jedenfalls meisterhaft, so z.B. auch während ihrer späteren Jahre in Nordamerika als Schauspielerin und Vortragsrednerin, wo sie dort gegebene Ressentiments gegenüber europäischer Rückständigkeit und Bigotterie zu nutzen wusste, indem sie ihren Lebensweg als nicht makel- und fehlerlos, aber sich als Person immer aufrichtig präsentierte.

Mit dem Aufenthalt in München ab 1846 und dem besonderen Verhältnis zu Ludwig I. sorgte Lola Montez, von des Königs Gnaden dann Gräfin Landsfeld, direkt wie indirekt für die bekannten Verwerfungen in der nur oberflächlich beschaulichen bayerischen Residenzstadt. Um deren ganzes Ausmaß im Kontext der revolutionären Ereignisse 1848 erschließen zu können, sind vertiefte Kenntnisse der zeitgenössischen politisch-gesellschaftlichen Realitäten des Königreichs Bayern hilfreich, die Krauss im gegebenen Rahmen zugegeben nicht näher eingehend erläutern kann. Brillant auf den Punkt bringt Krauss die Bedeutung der Ächtung Lolas und ihrer Anhänger als einer "Möglichkeit [der bayerischen Gesellschaft], sich über ihre gemeinsamen Werte zu verständigen": Neben "katholischen Moralprinzipien", die "Forderung nach Einhaltung ständischer Hierarchien, die Ablehnung als unangemessen empfundenen weiblichen Verhaltens, die Angst vor fremdbestimmter Herrschaft und der tiefe Widerstand gegen das absolute Regiment des Königs." (180) So wird nachvollziehbar, dass und wie durch Lola Montez die überraschende, wenn auch nur partiell und zeitweise tragfähige, gemeinsame Basis für kirchlich-konservative wie liberal Gesinnte entstand - und dann Ludwigs nicht ganz freiwillige Abdankung bedingte.

Wer auf der Suche nach historisch kontextualisierten Erklärungen zum Phänomen Lola Montez ist, wird bei Marita Krauss in gut lesbarer Form fündig. Überzeugend macht Krauss deutlich, wie geschickt und oftmals aus der Not eine Tugend machend Eliza Gilbert alias Lola Montez ihre gesellschaftlich und vor allem wirtschaftlich oft prekäre Situation ein ums andere Mal zu drehen wusste durch eine gewandte und die Erwartungen ihres Umfelds offensiv bedienende Selbstdarstellung. Indem sie stets die Flucht nach vorn antrat und eben nicht dem weiblichen Rollenbild gemäß defensiv-passiv blieb, warf Lola Montez tatsächlich den meisten Zeitgenossen - nicht nur dem starken Geschlecht - den Fehdehandschuh hin.

Laura Pachtner