Rezension über:

Katharina Rudolph: Rebell im Maßanzug: Leonhard Frank. Die Biographie, Berlin: Aufbau-Verlag 2020, 496 S., 33 s/w-Abb., ISBN 978-3-351-03724-6, EUR 28,00
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Rezension von:
Isabelle Stauffer
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Isabelle Stauffer: Rezension von: Katharina Rudolph: Rebell im Maßanzug: Leonhard Frank. Die Biographie, Berlin: Aufbau-Verlag 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/35076.html


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Katharina Rudolph: Rebell im Maßanzug: Leonhard Frank

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Biographien sind sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der Literaturwissenschaft eine gefragte und aktuelle Gattung: beispielsweise die Biographie von Antonia Fraser zu Marie Antoinette oder diejenige zu den Gebrüdern Grimm von Steffen Martus - um nur zwei sehr bekannte zu nennen. [1] Mit Antonia Frasers Biographie von Marie Antoinette hat Katharina Rudolphs Biographie von Leonhard Frank zwei Dinge gemeinsam: Sie sind beide aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive geschrieben und sie streben beide das Umschreiben der aktuellen öffentlichen Wahrnehmung einer historischen Person an. Es gibt jedoch auch massive Unterschiede: Marie Antoinette ist in Reichtum geboren, während Leonhard Franks Elternhaus bitterarm war. Marie Antoinette als abgesetzte und guillotinierte Königin Frankreichs war und ist bekannt, während der Schriftsteller Leonhard Frank zu Unrecht vergessen worden ist. Letzteres möchte die von Katharina Rudolph sorgfältig recherchierte Biographie ändern.

Diese Biographie ist zugleich eine Dissertation, die am Historischen Seminar der Goethe-Universität Frankfurt am Main entstanden ist. Ihr Titel macht auf einen zentralen Widerspruch bei Leonhard Frank aufmerksam: Obwohl Frank politisch links eingestellt war, gönnte er sich, sobald er es sich leisten konnte, sehr elegante und teure Kleidung, ja er wurde sogar von Zeitgenossen als "Dandy" (209) bezeichnet. Unterteilt ist die Biographie in neun Kapitel, die verschiedene Lebensphasen umfassen, Kindheit und Jugend, die Jahre in München und Berlin, die Exiljahre während des ersten und zweiten Weltkriegs sowie die Rückkehr nach Deutschland. Ein Anhang mit Personenregister, Nachweisen, der verwendeten Literatur und einer editorischen Notiz runden das Buch ab. In der editorischen Notiz wird deutlich, dass Rudolph verdienstvollerweise viele unbekannte Quellen "in rund fünfzig Archiven" (493) über die Welt verstreut erschlossen hat.

Der Ausgangspunkt von Franks Biographie ist die These, dass sich in seinem Leben "auf besondere Art ein Stück deutscher Zeitgeschichte spiegelt" (9). Frank, das macht die Biographie gleich auf den ersten Seiten deutlich, gehörte zu den bekannten und hochgeehrten Schriftstellern der Kaiserzeit und der Weimarer Republik: 1914 erhielt er den Fontane-Preis, 1917 avancierte seine Novellensammlung Der Mensch ist gut zu einem der bekanntesten Antikriegswerke seiner Zeit und 1928 nahm man ihn in die Preußische Akademie der Künste auf. Franks Bücher erreichten Auflagenhöhen bis zu 100'000 Exemplaren und seine zu Dramen umgearbeiteten Erzählungen wurden auf den Bühnen der europäischen Metropolen gezeigt. Der Bruch kam - wie für viele Autoren und Autorinnen seiner Generation - mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. 1933 ging Frank ins Exil und seine Bücher wurden verboten und verbrannt.

Leonhard Frank wurde am 4. September 1882 in Würzburg in sehr einfachen Verhältnissen geboren. Seine Mutter war ein ehemaliges Dienstmädchen und sein Vater ein Schreinergeselle. Franks Mutter aber, Maria Frank, schrieb ihre Autobiographie und veröffentlichte diese mit über 60 Jahren unter dem Pseudonym Marie Wegrainer. Diese Autobiographie ist als eines der seltenen Selbstzeugnisse von Frauen aus der untersten Gesellschaftsschicht ein hochinteressantes historisches Dokument. Frank leitete sein Schriftstellertum von seiner Mutter ab: "Was ich bin, kommt von ihr" (24), zitiert Rudolph aus Franks Autobiographie.

Mit dem Wunsch Kunstmaler zu werden, ging Frank 1904 nach München und wurde im darauffolgenden Jahr an der Akademie der Bildenden Künste als Student angenommen, wofür er ein Stipendium einer Würzburger Stiftung erhielt. Schon bald aber zog Frank den Unterricht an einer moderneren und weltoffeneren privaten Malschule, der Ažbe-Schule, vor und tauchte tief ein in die Schwabinger Boheme. 1909 wechselte er nach Berlin und war auch dort in regem Austausch mit der Künstlerboheme. Ab 1910 hatte er mit dem Schreiben begonnen. Der Erfolg als Schriftsteller stellte sich 1914 mit dem Roman Die Räuberbande ein. Als Kriegsgegner ging Frank 1916-1918 ins Schweizer Exil. In der Schweiz verkehrte er mit Hugo Ball und Emmy Hennings, den Gründern des Cabaret Voltaire, der Keimzelle des Dadaismus. Und er publizierte in René Schickeles expressionistischer Zeitschrift Die weißen Blätter.

In der Weimarer Republik feierte Frank seine größten Erfolge, so mit der Novelle Karl und Anna (1927), die von der UFA als Die Heimkehr, Joe May, (D 1928) verfilmt und als Theaterstück adaptiert am 16. Januar 1929 gleichzeitig an sechzehn deutschen Bühnen uraufgeführt wurde. Die Verbindung zum Film steigerte noch Franks Bekanntheit. 1929/30 schrieb er am Drehbuch einer Dostojewski-Verfilmung mit, 1931 am Drehbuch für Niemandsland, Victor Trivas (D 1931), der 1933 verboten wurde. Frank ging wieder ins Exil. In Frankreich kam er in ein Lager für deutsche Flüchtlinge in der Bretagne, aus dem es ihm aber, als die deutschen Soldaten näher rückten, gelang nach Marseille zu fliehen. Anders als Walter Benjamin glückte ihm die Flucht nach Portugal und in die USA. Frank wurde in den USA nie richtig heimisch, es gab für ihn nur einen "American way against life" (326). In den Bohemejahren in München und Berlin sowie in den beiden Exilen hatte Frank viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller kennengelernt wie Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, Franz Werfel, Frank Wedekind, Alfred Döblin und Bertolt Brecht. Er schloss auch Bekanntschaft mit der Familie Mann, insbesondere mit Thomas Mann war er zeitlebens befreundet.

1950 kehrte Frank nach Deutschland zurück. Wegen seines Romans Die Jünger Jesu (1949), in dem er die Verbrechen der NS-Zeit anprangerte, fiel der Empfang kühl aus. In der BRD war er weitgehend vergessen, in der DDR gehörte er jedoch bald schon zum Kanon. Zwischen 1955 und 1957 erhielt Frank wichtige Auszeichnungen sowohl in West- als auch in Ostdeutschland: 1955 den Nationalpreis I. Klasse der DDR, 1957 das Große Bundesverdienstkreuz der BRD. Ebenfalls 1957 erhielt er einen Ehrendoktor der Humboldt-Universität zu Berlin. In seinen letzten Jahren hatte Frank jedoch mit neuen Werken kaum noch Erfolg. Er starb am 18. August 1961 in München an Herzversagen.

Katharina Rudolphs Biographie von Leonhard Frank meistert das Problem aller wissenschaftlichen Biographien, wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig für ein breiteres Publikum zugänglich zu sein, sehr gut. Stellenweise könnte jedoch aus literaturwissenschaftlicher Sicht stärker auf Franks Ästhetik und Erzählverfahren eingegangen werden. Auch wenn die Biographie hinsichtlich der Geschichtsschreibung traditionellen Ansätzen folgt, so liefert sie durch die intensive Quellenarbeit bezüglich der Person Leonhard Franks neue Erkenntnisse.


Anmerkung:

[1] Antonia Fraser: Marie Antoinette. Biographie. Deutsch von Gabriele Gockel und Jochen Schwarzer, München: Deutsche Verlags-Anstalt 2006 und Steffen Martus: Die Gebrüder Grimm. Eine Biographie, Berlin: Rowohlt 2009.

Isabelle Stauffer