Rezension über:

Frank Britsche: Geldscheine im Geschichtsunterricht. Historisches Lernen mit Sachquellen, Frankfurt/M.: Wochenschau-Verlag 2020, 47 S., ISBN 978-3-7344-1091-8, EUR 19,90
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Rezension von:
Benjamin Bräuer
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Christian Kuchler
Empfohlene Zitierweise:
Benjamin Bräuer: Rezension von: Frank Britsche: Geldscheine im Geschichtsunterricht. Historisches Lernen mit Sachquellen, Frankfurt/M.: Wochenschau-Verlag 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/35290.html


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Frank Britsche: Geldscheine im Geschichtsunterricht

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Heute ein Buch über Banknoten herauszugeben, heißt es selbstironisch in der Eröffnung eines Tagungsbandes, komme der Lesung einer "Totenmesse" nahe. [1] Geld ist in unserer Gegenwart im Wesentlichen Giralgeld und selbst für kleinere Beträge wird Bargeld zunehmend durch Plastik und Apps ersetzt. Aus geschichtsdidaktischer Perspektive lassen solche Phasen kulturellen Wandels jedoch aufhorchen: Können sich doch daraus Kontingenzerfahrungen und das Bedürfnis nach historischer Reflexion des Wandels ergeben.

Zur rechten Zeit also legt Frank Britsche seinen Band zum Einsatz von Banknoten im Geschichtsunterricht vor. Damit widmet er sich einer geschichtsdidaktisch bisher wenig beachteten Quellengattung. Dass Geldscheine sowohl in allgemeinen Handbüchern zu Methoden und Medien im Geschichtsunterricht als auch in spezielleren Werken zu Sach- und Bildquellen meist nur am Rande erwähnt werden oder ganz durchs Raster fallen, könnte an ihrer fluiden Zuordnung zu einer Quellengattung liegen. Es hängt vom Verwendungszusammenhang (im Original oder als Kopie) und insbesondere von der leitenden Fragestellung bei der Beschäftigung ab, ob eher die materielle Beschaffenheit und Gegenständlichkeit der Geldscheine (als Sachquelle) oder die enthaltene Bildsprache (als Bildquelle) in den Blick gerät. Der eher zurückhaltenden Reflexion der Quellengattung in der bisherigen geschichtsdidaktischen Literatur steht ein reichhaltiger Einsatz in praxisorientierten 'ready to use'-Unterrichtsmodulen [2] und Geschichtsschulbüchern gegenüber. Dies lässt darauf schließen, dass dem Medium ein großes didaktisches Potenzial zugemessen wird.

Erfrischend verzichtet Britsche auf die Modellierung einer neuartigen 'Banknotenkompetenz' oder die Konzeption hochtrabender spezifischer Lehr-Lernformen. Vielmehr integrieren seine Empfehlungen bewährte Arbeitsweisen: Die Kontextualisierung von Quellen, die Analyse der dargestellten Motive, Symbole und bildlichen Narrationen, aber auch typische Umgangsweisen mit Sachquellen, wie die Untersuchung materieller Beschaffenheit und Größe sowie schließlich die Quelleninterpretation. Ihm geht es darum, die bisher kaum beachtete Quellengattung für den Geschichtsunterricht zu erschließen.

Der Band gliedert sich in eine kompakte methodische Einführung und didaktische Reflexion sowie die Kopiervorlagen mit Hinweisen zum historischen Kontext, den Gestaltungselementen und Interpretationsvorschlägen zu insgesamt 18 Banknoten.

In der methodischen Einführung betont Britsche besonders die Funktion von Banknoten, staatliche Repräsentationsansprüche durch eine bewusst gewählte Bildsprache und Symbolik zu transportieren. Didaktisch ergibt sich daraus das Potenzial, "die kommunizierten Botschaften [...] fragengeleitet zu dekonstruieren, um eigenständige Sinndeutungen und Narrationen über den jeweiligen historischen Zeitkontext zu befördern" (5). Die Quellengattung erscheint ihm für den kompetenzorientierten Geschichtsunterricht als sehr geeignet. Besondere Potenziale sieht Britsche in einer Förderung historischer Methodenkompetenzen, dem Umgang mit Geschichtskultur sowie der Fähigkeit, Veränderungen in der Zeit ausgehend von ästhetischen Erscheinungen wahrzunehmen. Letzteres liegt besonders deshalb nahe, da Schülerinnen und Schüler in ihrem Alltag häufig mit gegenwärtigen Banknoten in Kontakt stehen. Um eine entsprechende Förderung zu erreichen, so der Appell, dürfen Banknoten nicht nur in illustrativer Funktion eingesetzt werden, sondern müssen gründlich als Quellen behandelt werden.

Die Auswahl der Banknoten ist auf das 20. Jahrhundert und den deutschsprachigen Raum beschränkt und orientiert sich an zwei Kriterien. Die Scheine sollen einerseits potenziell einen Einfluss auf das kollektive Bewusstsein der Gesamtbevölkerung der Länder gehabt haben, weil sie überregional und über einen längeren Zeitraum im Umlauf waren. Andererseits "erfolgte die Auswahl anhand der darstellungsreichen Motivik auf den Banknoten" (9), die einen vielfältigen methodischen und thematischen Einsatz im Unterricht ermöglichen. Da sich die kontextualisierenden Informationen teilweise auch auf die ganzen Banknotenserien beziehen bzw. die ausgewählten Scheine exemplarischen Charakter haben, können Geschichtslehrerinnen und -lehrer weitere Scheine leicht ergänzen.

Eine besondere Stärke des Kompendiums ist in den geschickten thematischen Verknüpfungen der ausgewählten Banknoten zu sehen, wovon im Folgenden drei Beispiele skizziert werden. (a) Die Funktion von Mythen für die Konstruktion von Gruppenidentitäten lässt sich etwa über die Darstellung der personifizierten, schwer bewaffneten, wehrhaft und unbeweglich thronenden Germania auf dem 1911 in Umlauf gebrachten 'Flottenhunderter' (14f.) im Vergleich mit einer dynamischen, nach Westen auf eine strahlende Sonne blickenden Europa mit Stier, wie sie der 5-Mark-Schein aus der BRD von 1950 (28f.) zeigt, reflektieren. (b) Ergiebig erscheint auch eine vergleichende Analyse von Geschichtskulturen. Dafür kommt der nationalsozialistische Kult um 'Heinrich den Löwen', der die Ideen eines 'Tausendjährigen Reiches' und der Ostkolonisation historisch adeln sollte, infrage. In typischer NS-Bildsprache wird dieses Geschichtsbild auf dem 5 Reichsmark-Schein (24f.) inszeniert. Vergleichen lässt sich die ideologische Indienstnahme von Geschichte mit der Darstellung Thomas Müntzers auf der 5 Mark-Note der DDR von 1978 (36f.). Der Reformator, auf der Banknote bewusst ohne Bibel dargestellt, wird als ein Klassenkämpfer für die Bauern stilisiert. (c) Eine große Zahl der ausgewählten Banknoten ermöglicht Rückschlüsse darüber, mit welchen weiblichen Rollenbildern die verantwortlichen Staaten in Verbindung gebracht werden wollten: Ein Schein der k. u. k. Monarchie stellt eine weibliche Figur mit Kind kontrastierend einem muskulösen Mann mit Hammer und Amboss gegenüber (10f.); die 100 Franken-Banknote der Schweizer Eidgenossenschaft von 1912 zeigt fleißige Appenzeller Frauen, die in heimischer Erwerbsarbeit hochwertige Textilien herstellen (18f.); auf dem 10 Mark-Schein der DDR von 1975 ist eine selbstbewusste berufstätige Frau vor der komplexen Konsole eines Atomkraftwerkes abgebildet (34f.); etc. Durch solche Verknüpfungen wird es möglich chronologisches Denken, im Sinne sich verändernder Aussageabsichten der verantwortlichen Staaten zu den entsprechenden Themen, zu fördern bzw. die Perspektiven unterschiedlicher Staaten zu vergleichen. Dadurch eröffnet sich, neben einer Analyse einzelner Scheine mit unterschiedlichen Fragestellungen, auch die Möglichkeit größere Zusammenhänge in den Blick zu nehmen.

Neben den vielen Hinweisen zu 'klassischen' analytischen Zugängen zu den Quellen im Geschichtsunterricht, schlägt Britsche immer wieder inspirierende kreative Ansätze (z.B. Galerierundgänge oder Sprechblasen) vor. Eine hilfreiche 'Serviceleistung' wäre noch eine übersichtliche Darstellung über typischerweise vorkommende (Unterscheidung-)Merkmale von Banknoten für Schülerinnen und Schüler als Kopiervorlage gewesen, die sich auf Grundlage des einführenden Textes auch leicht selbst erstellen lässt.

Der Band ist eine erfreuliche Erweiterung des sehr gefragten Bestandes an Quellensammlungen für den Geschichtsunterricht und Prüfungsaufgaben. Britsche wird seinem Anspruch, möglichst vielseitig im Zusammenhang mit gängigen Themen der Bildungspläne einsetzbare Banknoten zur Verfügung zu stellen, gerecht und bereitet die sorgfältig ausgewählten Geldscheine sehr pointiert und praktikabel für den Einsatz im Unterricht auf.


Anmerkungen:

[1] Birger P. Priddat: Geleitwort, in: Der schöne Schein. Symbolik und Ästhetik von Banknoten, hgg. von Stefan Hartmann / Christian Thiel, Regenstauf 2016, 7-9, hier 7.

[2] Vgl. z.B. Peter Dempf (2019): Notgeld aus Geldnot. Von der Mangelwirtschaft zur Sammelidee, in: Geschichte lernen 189 (2019), 44-49; Elmar Wagener: Drei Tage im Juni. Die Banknoten im Spiegel der Währungsreform, in: Praxis Geschichte 4 (2014), 18-34; Martin Schnackenberg / Markus Bernhardt: Der "Lange Hunderter" von 1908 - Geld als Quelle, in:10 Stunden, die funktionieren. Geplante und erprobte Geschichtsstunden, hg. von Markus Bernhardt, Schwalbach/ Ts. 2017, 46-57.

Benjamin Bräuer