Rezension über:

Verena Ebert: Koloniale Straßennamen. Benennungspraktiken im Kontext kolonialer Raumaneignung in der deutschen Metropole von 1884 bis 1945 (= Koloniale und Postkoloniale Linguistik / Colonial and Postcolonial Linguistics; Bd. 16), Berlin: de Gruyter 2021, XVI + 306 S., 39 Abb., 40 Tbl., ISBN 978-3-11-071812-6, EUR 99,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Jörn Retterath
Berliner Kolleg Kalter Krieg am Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Jörn Retterath: Rezension von: Verena Ebert: Koloniale Straßennamen. Benennungspraktiken im Kontext kolonialer Raumaneignung in der deutschen Metropole von 1884 bis 1945, Berlin: de Gruyter 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 9 [15.09.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/09/36694.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Verena Ebert: Koloniale Straßennamen

Textgröße: A A A

Diskussionen über belastete Straßennamen und deren mögliche Tilgung wurden in den vergangenen Jahren an vielen Orten in Deutschland teils äußerst kontrovers geführt. Im Mittelpunkt der Debatten stand zumeist das Verhalten der mit einem Straßenschild gewürdigten Personen während der Zeit des Nationalsozialismus. Gleichwohl - trotz der vielfältigen Kontroversen auf lokaler Ebene, an denen nicht zuletzt auch Historikerinnen und Historiker teilnahmen - fehlt es bislang an Studien mit einem überregionalen Blick auf Straßenbenennungspraktiken.

Diese Lücke versucht die nun publizierte Arbeit von Verena Ebert zu füllen, die auf eine 2019 an der Universität Würzburg verteidigte Dissertation zurückgeht. Die Verfasserin widmet sich darin den Straßennamen mit kolonialen Bezügen im ehemaligen Deutschen Reich aus sprachwissenschaftlicher Perspektive und betritt damit neues Terrain, da Straßennamen seitens der Linguistik (wie auch seitens der Geschichtswissenschaft) bislang nur wenig Aufmerksamkeit zuteilgeworden ist.

Systematisch und methodisch reflektiert wertet Ebert in ihrer Studie historische Straßenverzeichnisse, Adressbücher, Stadtpläne und kommunales Archivgut aus und destilliert mithilfe zeitgenössischer Koloniallexika Benennungen heraus, die "als 'kolonial motiviert' zu beurteilen" (47) sind. Ein Indikator für eine entsprechende Motivation bildet für die Verfasserin die Bezugnahme auf das (untergegangene) Kolonialreich in den die Straßennamen erläuternden Quellen. Ihre empirisch-deskriptive Untersuchung erstreckt sich dabei auf die Jahre 1884 bis 1945 und umfasst über 370 Groß- und Mittelstädte in den jeweiligen Grenzen des Deutschen Reichs - sie bezieht also etwa für die Zeit des Zweiten Weltkriegs auch Städte in den Teilen Polens ein, die ins Reichsgebiet eingegliedert worden waren. Die zusammengetragenen Daten werden sodann etwa auf Fragen der Benennungsgegenstände und -phasen sowie der stadttopografischen Verteilung hin analysiert.

Insgesamt kann Ebert für knapp 100 der 430 Groß- und Mittelstädte des Deutschen Reichs "koloniale Namensvergabepraktiken" (77) und über 520 entsprechende Straßennamen nachweisen. Zu Recht betont sie daher, dass es sich bei Benennungen mit kolonialen Bezügen nicht um Ausnahmefälle gehandelt habe, sondern "um usuelle sprachhistorische Phänomene, die ortsübergreifend im (Alltags-)Raum des Deutschen Reichs Verwendung fanden" (77). Solche Praktiken hätten sich also keineswegs nur auf "Kolonialmetropolen" wie Berlin, Hamburg oder Bremen erstreckt (80). Gleichwohl fanden koloniale Straßenbenennungen in Großstädten wesentlich häufiger statt als in Mittelstädten. Interessant ist die zeitliche Verteilung: 47 der von Ebert gefundenen Namensgebungen erfolgten zwischen 1884 und 1919, 41 während der Jahre 1919 bis 1933 und 439 in der NS-Zeit (109). Besonders beliebt waren Straßenbenennungen nach Anthroponymen - wie Carl Peters, Adolf Lüderitz, Hermann von Wissmann oder Gustav Nachtigal - sowie nach Toponymen - wie Togo, Kamerun, Windhuk oder Tanga - mit Bezug auf die (ehemaligen) deutschen Kolonien.

Die Deutsche Kolonialgesellschaft hatte sich schon vor 1914 und dann verstärkt nach dem Versailler Vertrag für die Verwendung von "kolonialen Bezeichnungen" (155) bei der Benennung von Straßen und Plätzen im Deutschen Reich eingesetzt. In der NS-Zeit forderte dann das Reichsinnenministerium die Bürgermeister auf, Straßenbenennungen unter anderem nach Orten in den "deutschen Kolonien" sowie "Männern [...], die sich [...] im Kampfe um das deutsche Volkstum besonders ausgezeichnet haben" (156), vorzunehmen. Insbesondere Personen wie Carl Peters oder Paul von Lettow-Vorbeck wurden während des "Dritten Reichs" im öffentlichen Raum gewürdigt.

Die meisten Straßennamen mit kolonialen Bezügen kamen innerhalb von Clustern vor. Nach der Auswertung Eberts gab es in 31 Großstädten und 17 Mittelstädten des Deutschen Reichs mindestens ein Cluster von mehr als zwei in unmittelbarer Nähe zueinander liegenden Straßen mit kolonialem Bezug im Namen. Die überwiegende Mehrheit wurde während der NS-Zeit geschaffen. Einen Spezialfall (und bezüglich der Namenswahl ein Kuriosum) stellten die Umbenennungspraktiken in den von Deutschland annektierten polnischen Gebieten dar: So wurden etwa in Łódź/Litzmannstadt, Pabianice/Pabianitz oder Chorzów/Königshütte zahlreiche Straßen von den deutschen Besatzern mit kolonialen Namen versehen - und dabei auch Bezeichnungen wie "Kakaoweg, Kokosweg, Korallenweg, Palmenweg" (225) verwendet.

Die sprachwissenschaftliche Methodik und Darstellungsweise, inklusive der verwendeten Fachbegriffe, mag Historikerinnen und Historikern zwar vielfach fremd und ungewohnt erscheinen, doch ist die Pionierstudie von Verena Ebert auch für die Geschichtswissenschaft von Belang. So liefert die Untersuchung etwa wichtige Informationen zur quantitativen Verteilung kolonialer Straßennamen im Deutschen Reich und gibt Aufschluss über Benennungszeiträume und -praktiken. Darüber hinaus kann die Arbeit als Anregung - nicht nur an die Linguistik, sondern auch an die Geschichtswissenschaft - verstanden werden, sich intensiver und systematischer mit Straßenbenennungen zu beschäftigen. Schließlich sind Straßennamen Erinnerungsorte im Lokalen, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte. Mithin, so lässt sich aus Eberts Studie ableiten, hielten durch die kolonialen Straßennamen imperialistische Vorstellungen und Ansprüche Einzug in die städtische Alltagssprache und -welt.

Jörn Retterath