Rezension über:

Anna Lingnau: Lektürekanon eines Fürstendieners. Die Privatbibliothek des Friedrich Rudolf von Canitz (1654-1699) (= bibliothek altes Reich (baR); Bd. 32), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2021, XVI + 498 S., 5 s/w-Abb., 6 Tbl., ISBN 978-3-11-068516-9, EUR 79,95
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Rezension von:
Annelen Ottermann
Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Annelen Ottermann: Rezension von: Anna Lingnau: Lektürekanon eines Fürstendieners. Die Privatbibliothek des Friedrich Rudolf von Canitz (1654-1699), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2021, in: sehepunkte 23 (2023), Nr. 3 [15.03.2023], URL: https://www.sehepunkte.de
/2023/03/37253.html


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Anna Lingnau: Lektürekanon eines Fürstendieners

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Die Zahl von Untersuchungen über historische Privatbibliotheken der Frühen Neuzeit ist um eine wichtige Arbeit reicher geworden: Die Buchwissenschaftlerin und Historikerin Anna Lingnau legte 2019 ihre Osnabrücker Dissertation zur Privatbibliothek des Geheimen Rats und Gesandten Friedrich Rudolf von Canitz (1654-1699) vor, die 2021 als überarbeitete Buchversion bei de Gruyter in der Reihe "bibliothek altes Reich" erschienen ist, einem innovativen Forum zur "Zusammenführung von Forschungsergebnissen aus unterschiedlichen historischen Sub- und Nachbardisziplinen" (495). Lingnau, deren Forschungsinteresse deutlich über den bibliotheksgeschichtlichen Rahmen hinausgeht, hat hier den passenden Rahmen für ihre Doktorarbeit gefunden.

In der Einleitung macht sie mit der Gattung politischer Leseanweisungen für die Ausbildung des angehenden oder schon aktiven homo politicus zum fähigen Staatsmann vertraut und zeigt die Bedeutung des bisher kaum untersuchten politischen Kanons für "Werdegang und Wissenssoziologie politischer Funktionsträger" (1) auf. Für die Ermittlung eines an den Universitäten vertretenen politischen Kanons stehen Lingnau vier frühneuzeitliche Leseanweisungen zur Verfügung, darunter eine nachweislich von Canitz selbst erworbene und beim Bibliotheksaufbau berücksichtigte. [1]

Zielsetzung der Arbeit zu Canitz ist, "die ideellen Ursprünge der in seiner Bibliothek enthaltenen Literatur zu entschlüsseln und Thesen zu ihren Funktionalitäten zu entwickeln" (1), ihre verborgenen Strömungen zu "decodieren" und die Deutungszusammenhänge zwischen den einzelnen Titeln aufzudecken, Themenschwerpunkte herauszuarbeiten und zu bewerten.

Methodisch beschreitet Lingnau neue Wege, indem sie die Kanonforschung als Instrument der Bibliotheksanalyse einsetzt, Canitz' Sammlung mit dem Lesekanon zeitgenössischer Lektüreanweisungen abgleicht und die in der Bibliothek enthaltene politische Literatur von ihr auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit hin "abgetastet" (17) wird.

Definition von Forschungsfragen und Aufzeigen des Forschungsstands schließen sich wegweisende Hinterfragungen zu methodischen Fallstricken an: Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren bei der Analyse historischer Sammlungen und Zeugnisse, Quellenwert von Auktionskatalogen, belastbare Indikatoren literarischer Rezeption, Entstehung von Büchersammlungen, Zeitverhaftung von Perspektiven und Bewertungsmaßstäben. Lingnaus methodische "Manöverkritik" verdeutlicht, dass eine historische Bibliothek nicht ohne Weiteres "zum Echolot ihres Sammlers avancieren" darf (15).

Im mit Abstand größten Kapitel 3 widmet sie sich den vier Leseanweisungen. Lingnau führt in den Forschungsstand dazu ein, erläutert die für die Analyse entscheidenden Begrifflichkeiten von Material- und Deutungskanons, blättert die Bestandteile einer idealen Bibliotheca Politica und deren Bestandteile auf und demonstriert das dynamisch-stratigraphische Entstehen eines Lesekanons.

Vor dieser Folie analysiert sie im Folgekapitel 4 die Bibliothek des Gesandten Canitz, dessen Rezeption des akademisch-politischen Lesekanons und stellt dem Idealbild die hier erkennbaren Einflüsse, spezifischen Ausprägungen, Ideen und Ideale des Besitzers gegenüber. Dabei untersucht sie, inwieweit Canitz die zur staatsbürgerlichen Ausbildung geeigneten Titel erworben, den Materialkanon ergänzt und neu nuanciert ergänzt hat.

Grundlage ihrer Untersuchung ist der rasch nach dem Tod des Halters erschienene Auktionskatalog, in dem mit knappen Angaben mehr als 2.000 Titel aufgeführt werden. [2] Der Versuch, die davon heute noch erhaltenen Exemplare zu ermitteln, führte zu nur 21 Nachweisen. [3] Dieses ernüchternde Ergebnis unterstreicht einmal mehr die Wichtigkeit einer flächendeckenden, exemplarspezifischen Erschließung von Provenienzen mit Normdaten durch die Bibliotheken als ein nach wie vor bestehendes Desiderat!

Auch in Kapitel 5 und 6 bewegt sich die Autorin zwischen Ideal und dem Befund in der Bibliotheca Caniziana, wenn sie sich mit "Funktionsformen und Nutzungsarten politischer Literatur" und der "Bibliothek als politisches Ideenreservoire" befasst.

Nach einen kurzem 'Ausblick' auf das lyrische Werk Canitz' fasst Lingnau in der 'Schlussbetrachtung' die Ergebnisse ihrer Untersuchung im Blick auf die formulierten Forschungsfragen zusammen, beschreibt den entschlüsselten Individualcode der Canitzbibliothek nach dessen Material- und Deutungskanon und streicht Übereinstimmungen und Differenzen im Vergleich mit den zeitgenössischen Leseempfehlungen noch einmal heraus. Sie hebt nicht nur die eingelösten Ansprüche hervor, sondern benennt auch klar, wo die methodischen Grenzen der "Analyse von Bibliotheken, deren Bestand nur als Titellisten überliefert sind" (396), liegen.

Den Band beschließen das umfangreiche Literaturverzeichnis und ein Personenregister.

Wenige Kritikpunkte seien abschließend erlaubt: Lingnau unterliegt über weite Strecken einer verbreiteten stilistischen Schwäche akademischer Qualifizierungsarbeiten: klare Botschaften durch artifizielle Ausdrucksweise und modische Attituden der Wissenschaftssprache zu verunklaren. Das stört und steht im Gegensatz zum Anspruch der Reihe, die sich als "Beitrag zur Wissenspopularisierung" (495) versteht und kurze Wege zur Vermittlung von Fachwissen schaffen will.

Die von der Autorin vorgenommene Gewichtung ihrer einzelnen Arbeitsschritte, die sich im Umfang der Kapitel widerspiegelt, hätte auch eine andere Titelformulierung nahegelegt, etwa 'Die ideale Bibliotheca Politica der Frühen Neuzeit und ihre Ausprägung in der Bibliotheca Caniziana'.

Bei der Buchgestaltung wurde bis auf zwei eher 'verschämt' wirkende Schwarzweiß-Illustrationen in mäßiger Qualität auf Abbildungen verzichtet, obwohl dies bei Einzelstücken aus der Bibliothek sinnvoll und hilfreich gewesen wäre. Man fragt sich, wann endlich alle Verlage begriffen haben, dass die Lektüre fußnotengesättigter Wissenschaft nicht entsagungsreich sein muss, sondern auch Lesevergnügen mit optischen Lichtblicken bieten darf, durch die das Gesamtwerk gewinnt.

Derlei marginale Einwände behalten nicht das letzte Wort: Entscheidend ist die uneingeschränkt überzeugende Leistung von Lingnaus Studie und der hier erreichte bleibende Erkenntniszugewinn, auf den die Frühneuzeitforschung interdisziplinär aufsetzen kann. Mit ihrer methodisch innovativen und inhaltlich ertragreichen Studie hat die Autorin unstrittig den von den Herausgebern der de Gruyter-Reihe erwarteten "Impuls für die interdisziplinäre Behandlung der Reichsgeschichte" (495) geleistet. Forschungsbibliotheken sollten das Werk daher unbedingt anschaffen!


Anmerkungen:

[1] Daniel Hartnack: Anweisender Bibliothecarius der studirenden Jugend durch die vornehmsten Wissenschaften. [...] Stockholm 1690. (Bibl. Can. Ms, XII, 251).

[2] Bibliotheca Caniziana [...] 1700. Distrahenda (https://kxp.k10plus.de/DB=1.28/CMD?ACT=SRCHA&IKT=8079&TRM=%2712:653547F%27). Die zwei erhaltenen Exemplare befinden sich in der Bayerischen Staatsbibliothek (Cat. 123 m, teildigitalisiert) und in der Bibliothek des Oberlandesgerichts Celle (B XI 101). Aufgeführt werden 2232 Titel in insgesamt 2607 Bänden.

[3] Hervorzuheben ist die gute Provenienzerschließung in den Sammlungen der Franckeschen Stiftungen Halle http://www.francke-halle.de, wo die Autorin 20 Exemplare ermitteln konnte.

Annelen Ottermann