sehepunkte 26 (2026), Nr. 4

Rainer Karlsch / Stefanie van de Kerkhof / Andrea H. Schneider-Braunberger: Waffeningenieure im Zwielicht

Als die Ingenieure Edmund Heckler, Theodor Koch und Alexius Seidel 1949 in Oberndorf am Neckar einen Betrieb gründeten, der Haushaltsgeräte und Fahrradteile herstellen sollte, bemerkte ein französischer Besatzungsoffizier vor Ort sarkastisch: Eines Tages werde, wenn man die dort gefertigten Einzelteile zusammensetze, eine Pistole auf der Werkbank liegen. Die Prognose erwies sich als treffend: Die Firma avancierte binnen zehn Jahren zum Massenproduzenten von Feuerwaffen, fertigt seit 1959 die Standardgewehre der Bundeswehr und ist heute unter dem Namen Heckler & Koch bekannt. Nachzulesen sind die resignierten Vorhersagen des französischen Offiziers, vor allem aber die Gründe, aus denen diese wohl schon seinerzeit nicht mehr allzu prophetisch waren, in dem hier besprochenen Band. Die Studie ist aus einem Forschungsvorhaben der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte hervorgegangen, das Heckler & Koch selbst in Auftrag gab. Den Anlass, die frühe Firmenhistorie und die Aktivitäten der drei Hauptgründer in der NS-Zeit untersuchen zu lassen, gab die Enthüllung, dass Heckler Mitglied der NSDAP war und im Krieg für den Waffenbauer Hugo Schneider AG (HASAG) ein Werk leitete, in dem Zwangsarbeit verrichtet wurde.

Auch Theodor Koch und Alexius (genannt Alex) Seidel arbeiteten vor 1945 bei einem Rüstungskonzern, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unter menschenunwürdigsten Bedingungen beschäftigte: dem Gewehrhersteller Mauser. Ausgehend von diesen Befunden gliedert sich das Buch in drei Teilstudien: Stefanie van de Kerkhof rekonstruiert die Biografien von Koch und Seidel sowie deren Rolle im NS-Rüstungskomplex. Rainer Karlsch betrachtet die Karriere Edmund Hecklers bei der HASAG seit 1934. Das abschließende Kapitel von Andrea Schneider-Braunberger beschreibt wie die als Drei-Mann-Betrieb gegründete Firma Heckler & Koch innerhalb einer Dekade zu einem Hauptlieferanten der Bundeswehr werden konnte.

Wenn van de Kerkhofs Studie sich nicht nur Kochs und Seidels Laufbahnen bei Mauser vor 1945 widmet, sondern auch der Geschichte des Unternehmens selbst, dann ist das mehr als bloße Kontextualisierung. Die Gewehrfabrik ist im Hinblick auf die spätere gemeinsame Firmengründung nicht allein als Ort der ersten Zusammenarbeit von Koch und Seidel interessant. Der nach Kriegsende demontierte Betrieb befand sich auch just am späteren Heckler & Koch-Standort Oberndorf. Eine Stärke des Beitrags ist es, dass er darzustellen vermag, was es für eine Kleinstadt und ihre Einwohnerschaft bedeutet, wenn ein einzelner Großbetrieb der einzige maßgebliche Arbeitgeber der Region ist. Die Geschichte des Unternehmens reicht bis 1811 zurück. In der Stadt lebten viele Familien, deren Angehörige über Generationen für den Waffenbauer arbeiteten. Auch der 1909 geborene Seidel, der eine Mechanikerlehre bei Mauser absolvierte und nach einem Studium wieder zu seiner Lehrfirma zurückkehrte, entstammte einer "Mauser-Familie" (116). Die große Zahl lokal verwurzelter, auf den Bau von Feuerwaffen spezialisierter Fachkräfte prädestinierte Oberndorf, auch nach 1945 wieder ein Zentrum der Rüstungsindustrie zu werden.

Der 1905 geborene Theodor Koch indes war ein Zugezogener. Nach seiner Ausbildung zum Feinmechaniker in Stuttgart studierte er - wie Seidel - an der Esslinger Maschinenbauschule und wurde nach seinem Abschluss Konstrukteur bei Mauser. 1931 verlor er seine Arbeit infolge der Weltwirtschaftskrise. 1933, kurz nach dem NS-Machtantritt und fast zeitgleich mit Seidel, wurde er wiedereingestellt. Da er Fördermitglied der SS wurde und im 'Dritten Reich' bei Mauser zum Abteilungsleiter aufstieg, wäre es interessant gewesen, eingehender zu diskutieren, inwieweit Koch seinen eigenen Aufstieg mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus verknüpft sah. Er hätte zwar, so van de Kerkhof, wie sein Kollege Seidel, "zu den Wissenden" gehört, die nach dem Krieg "über die massenhafte Rüstungsproduktion, den Einsatz von Zwangsarbeitenden, Kriegsgefangen, KZ- und A[rbeits]E[rziehungs]L[ager]-Häftlingen ebenso schwiegen, wie über ihre eigene Beteiligung daran". Ansonsten sei er aber ein "weisungsgebundener Manager" gewesen, dessen "Handlungsspielräume [...] als begrenzt" anzusehen seien (142). Noch weniger lasse sich eine genuine Mitverantwortlichkeit Seidels für die NS-Verbrechen in den Mauser-Werken feststellen, da er als Konstrukteur keine Personalverantwortung getragen habe. Diese Befunde erstaunen, haben doch neuere Forschungen zu den Funktionseliten des 'Dritten Reiches' erwiesen, um wie viel größer als lange angenommen die Handlungsspielräume von Akteuren der zweiten Reihe waren.

Das zweite Kapitel zeigt zunächst, welch erstaunliche Parallelen die frühe Biografie Edmund Hecklers zu den Lebensläufen seiner späteren Geschäftspartner aufwies. Ein Jahr nach Koch geboren, machte er wie sein Jugendfreund Seidel eine Ausbildung bei Mauser, studierte zur gleichen Zeit wie Koch in Esslingen und kehrte danach, wiederum wie Seidel, als Ingenieur in seinen Lehrbetrieb zurück. Anders als Koch und Seidel blieb er in der NS-Zeit aber nicht dort. 1934 wechselte er zur Leipziger HASAG. Ein Exkurs zur Entwicklung der HASAG vom Lampenhersteller zum Rüstungskonzern macht plausibel, dass die Rekrutierung des Waffeningenieurs Heckler in direktem Zusammenhang mit der entsprechenden Neuausrichtung des Unternehmens stand. Karlsch beschreibt im Folgenden - unterbrochen durch einen weiteren Exkurs zum Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern bei der HASAG [1] - Hecklers verschiedene Stationen im Konzern. Er legt überzeugend dar, dass Heckler nach dem Überfall auf Polen 1939 wahrscheinlich zum Technischen Kommando 23 gehörte, in dem Militärs und Beschäftigte der Waffenindustrie polnische Rüstungswerke inspizierten, um sie der deutschen Kriegswirtschaft dienstbar zu machen. Die Einheit begutachtete auch die Munitionsfabrik in Skarzysko-Kamienna. Nach der Übernahme durch die HASAG wurden dort schwerste Verbrechen an Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern begangen. Im Herbst 1939 wurde Heckler Leiter des HASAG-Werkes in Taucha bei Leipzig. Das betreffende Gelände war mittels 'Arisierung' in den Besitz des Konzerns gekommen. Unter Hecklers Verantwortung wurden dort Munitionsfertigungsstätten errichtet. Dabei kamen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zum Einsatz. 1940 wurde Heckler Mitglied der NSDAP. Trotzdem gesteht Karlsch ihm zu, "seine Haltung als unpolitischer Ingenieur" beibehalten zu haben (187). Dieses Urteil bedient das Narrativ des unpolitischen Technikers und lässt sich hinterfragen. [2] Karlsch stützt es vor allem darauf, dass sein Protagonist sich im "Gegensatz zu anderen leitenden Angestellten" der HASAG "mit politischen Äußerungen zurück[hielt]" (189). Aber - auch das haben jüngere Arbeiten gezeigt - gerade Fachkräften wurden kaum je politische Bekenntnisse abverlangt, solange sie den Zielen des NS-Regimes praktisch dienten. Zudem wirkt es widersprüchlich, wenn Karlsch die lange postulierte Behauptung, Heckler sei ein "fähiger aber unpolitischer Ingenieur" gewesen, eingangs in das Reich der "Legenden" (145) verbannt, um dann doch darauf zurückzukommen. Dennoch erscheint die Gesamtcharakterisierung Hecklers als "Opportunist", der seine Karrieremöglichkeiten "bedenkenlos nutzte", treffend (248 f.).

Das Kapitel von Schneider-Braunberger knüpft an beide vorstehenden Teilstudien an. Einerseits spielt auch hier Heckler als derjenige unter den Firmengründern, der sich bei Geschäftsabschlüssen "regelmäßig in der Rolle des Verhandlungsführers" (309) findet, die Hauptrolle. Andererseits demonstriert Schneider-Braunberger, wie sehr die Wirtschaftsstruktur Oberndorfs die Wiederansiedlung der Waffenindustrie nach 1945 begünstigte. Sie zeichnet nach, wie es Heckler & Koch trotz prekärer Kassenlage gelang, faktischer Mauser-Nachfolger und Bundeswehr-Lieferant zu werden. Ursächlich waren lokale Unterstützung, teils auf die NS-Zeit zurückgehende Kontakte in das Amt Blank als die Vorgängerbehörde des Bundesverteidigungsministeriums, die Weiterverwendung von im 'Dritten Reich' erworbenem Konstruktionswissen sowie Kooperationen mit dem im faschistischen Spanien beheimateten staatlichen Waffenbauer CETME. Als ökonomisch wie auch militärisch entscheidendes Kriterium bei der Auftragsvergabe arbeitet Schneider-Braunberger die Fähigkeit heraus, schnell und massenhaft zu produzieren. Ihr Aufsatz macht erfreulich klar, wie betriebswirtschaftliche und militärische Erwägungen in der Rüstungsindustrie zusammenhängen.

Insgesamt ist ein gut lesbares Buch entstanden. Wünschenswert wäre gewesen, die Befunde stärker an allgemeinere Überlegungen zur NS-Geschichte rückzubinden. So fordert etwa die Feststellung, dass Koch, Heckler und Seidel "zur gleichen Alterskohorte" (353), und zwar ausgerechnet zu jener der viel diskutierten "Generation des Unbedingten" gehörten, [3] geradezu dazu auf, nach entsprechenden Prägungen zu fragen. Derlei Kritik soll nicht das Verdienst des Bands im Ganzen übersehen lassen: Er beweist, dass neben Forschungen zur NS-Geschichte vor 1945 gegründeter Firmen auch Untersuchungen der nationalsozialistischen Vorgeschichte von Nachkriegsgründungen, wie sie bisher kaum vorliegen, höchst erkenntnisträchtig sein können.


Anmerkungen:

[1] Vgl. ausführlich Anne Friebel / Josephine Ulbricht (Hgg.): Zwangsarbeit beim Rüstungskonzern HASAG. Der Werkstandort Leipzig im Nationalsozialismus und seine Nachgeschichte, Leipzig 2023.

[2] Vgl. z. B. Wolfgang König: "Nazifizierung" und "Entnazifizierung" der Ingenieure. Der Verein Deutscher Ingenieure und seine Führungsgruppe im Nationalsozialismus (Teil 2), in: Technikgeschichte 92 (2025), 201-240, hier bes. 237 f.

[3] Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.

Rezension über:

Rainer Karlsch / Stefanie van de Kerkhof / Andrea H. Schneider-Braunberger: Waffeningenieure im Zwielicht. Die Mauserwerke, die HASAG und die Gründungsgeschichte von Heckler & Koch, München: Siedler 2024, 448 S., 92 s/w-Abb., ISBN 978-3-8275-0191-2, EUR 35,00

Rezension von:
Vivian Yurdakul
Stuttgart
Empfohlene Zitierweise:
Vivian Yurdakul: Rezension von: Rainer Karlsch / Stefanie van de Kerkhof / Andrea H. Schneider-Braunberger: Waffeningenieure im Zwielicht. Die Mauserwerke, die HASAG und die Gründungsgeschichte von Heckler & Koch, München: Siedler 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 4 [15.04.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/04/40186.html


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