Mit der vorliegenden Studie legt der Hamburger Journalist und Publizist Wolfgang Klietz eine detailreiche Abhandlung über den Im- und Export von Militärgütern durch die DDR vor. Klietz, Verfasser mehrerer Bände über Schifffahrt und Hafenbau in der DDR, widmet sich nunmehr dem speziellen Außenhandel, wie der Rüstungshandel in der DDR verschleiert wurde. Dabei sei angemerkt, dass alles, was als "speziell" bezeichnet wurde, mit Militär, Rüstung oder Kriegsvorbereitung in Verbindung stand.
Klietz' Buch über den DDR-Waffenhandel gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten Teil beschreibt der Autor die Entwicklung des Ingenieurtechnischen Außenhandels (ITA) und seiner Vorläufer von seiner Entstehung bis zu seiner Abwicklung. Diese reichte bemerkenswerter Weise noch bis in die Mitte der 1990er Jahre, nicht zuletzt, um das überschüssige Material der aufgelösten Nationalen Volksarmee zu veräußern - Schadensersatzansprüche an die DDR und die Bundesrepublik für nicht mehr erfüllte Verträge inklusive. Auch die belieferten Regionen sowie das zwangsläufige Agieren der östlichen wie westlichen Geheimdienste wird hier abgehandelt.
Im zweiten Teil geht der Autor noch weiter ins Detail und ergründet Strukturen und Personen des ITA. Dazu zählt Klietz auch Anlagen wie Lager und Ausstellungsgelände sowie die Umschlaghäfen in Rostock oder Mukran. Ein QR-Code bzw. ein Internetlink führen zu Zusatzmaterial auf der Verlagswebseite, wobei sich die ITA-Kataloge meistens im Buch abgedruckt finden. Wesentlicher Zusatz bleibt daher ein 27-minütiger Imagefilm von der Militärtechnischen Ausstellung auf dem ITA-Gelände Horstwalde aus dem Jahr 1988.
Aufmacher des Buches sind jeweils ein Auszug aus der Verfassung der DDR und aus dem Strafgesetzbuch, wobei der Verweis auf den unerlaubten Waffenbesitz im DDR-Strafgesetzbuch nicht so relevant erscheint. Die wesentliche Passage in der DDR-Verfassung, die u.a. die Vorbereitung kriegerischer Handlungen zur Unterdrückung eines Volkes verbietet, ist demgegenüber sehr viel wichtiger und zieht sich als roter Faden in Form von Informationskästen zu den bisweilen unzureichend missachteten Menschenrechten in den mit Waffen belieferten Ländern durch das Buch.
Der Autor bezeichnet sein Buch als "Wagnis", vor allem weil der Aktenbestand lückenhaft ist (14). Dass eine quellenbasierte Auseinandersetzung mit diesem Teil des internationalen Handels der DDR erst so verspätet erfolgt, liegt dem Autor zufolge an der erst zwischen 2015 und 2020 vollzogenen Aktenerschließung. Zudem lag lange Zeit die Aufmerksamkeit auf den Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit, seinem Bereich Kommerzielle Koordinierung und dem damit einhergehenden Devisen- und Waffenhandel.
Die Geschichte des Rüstungshandels in der DDR beginnt mit ihrer Aufrüstung. Die Gründung einer schlagkräftigen Armee erforderte eine entsprechende Ausrüstung. Anfänglich mit Altbeständen und deutschen Beutewaffen von vor 1945 aufgefüllt, musste das Gerät aufgrund fehlender Rüstungsindustrie vor allem aus der Sowjetunion importiert werden, um die Anforderungen an die Bündnisstreitkräfte zu erfüllen. Die entsprechend mit der Beschaffung dieses Materials betraute Struktureinheit wurde im Ministerium für Außenhandel eingerichtet. Akteure waren zumeist Militärs, die zwar dem zivilen Ministerium angehörten, als NVA-Soldaten aber disziplinarisch dem Verteidigungsministerium unterstanden.
Nicht immer lassen sich der Handel des planmäßigen ITA und die Firmengeflechte des Bereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) sauber voneinander abgrenzen. Oftmals traten ITA und die der KoKo unterstellte IMES GmbH zusammen oder sich gegenseitig ergänzend in Erscheinung. Das zweite Kapitel zum ITA und zur Internationalen Meßtechnik Import-Export GmbH (IMES) hätte deshalb an den Anfang gehört. Der Kontextualisierung des gesamten Untersuchungsgegenstandes hätte dies sehr gut getan.
Wiederkehrendes Beispiel neben den nach Ländern und Weltregionen gegliederten Fallstudien bleibt die Rolle der DDR als Waffenlieferantin im Ersten Golfkrieg, als der ITA Irak, die IMES dagegen Iran belieferte. Damit lässt sich vor allem die Prinzipienlosigkeit der DDR illustrieren. Aus der Perspektive der sozialistischen DDR war es weniger wichtig, dass der "vermeintlich friedliebende Staat" (66) Waffen in Konfliktgebiete lieferte - Kampf und Konflikt waren genuine Bestandteile der kommunistischen Ideologie, Frieden als Dauerzustand erst bei Überwindung des Imperialismus möglich, wie Klietz ebenfalls einräumt. Jenseits von Solidaritätslieferungen entwickelte sich der Handel mit Rüstungsgütern aber zunehmend zum Instrument der Außenpolitik, etwa beim Streben nach internationaler Anerkennung, der Devisenerwirtschaftung und damit der "Ökonomisierung der Entwicklungspolitik" (71). Auch, dass die DDR Waffen und Gerät der NVA für den Export freigab, passte nicht zur permanent propagierten Kriegsgefahr in Mitteleuropa und der daraus gefolgerten hohen Gefechtsbereitschaft.
Das Spektrum des DDR-Rüstungshandels lag, wie der Autor umfassend darstellt, im Spannungsfeld von ideologisch konnotierten Solidaritätslieferungen, ökonomisch bedingtem Rüstungsimport und -export sowie illegalen Waffenschiebereien, wobei die Grenzen fließend waren. Das zeigen insbesondere die Beispiele, in denen sich die DDR beim Waffenexport über das Votum der sowjetischen Hegemonialmacht hinwegsetzte, sowie an dem bisweilen im Warschauer Pakt unabgestimmten Handel.
Bei über 300 Textseiten fällt das Fazit mit nur zweieinhalb Seiten eher knapp aus. Hier hätten die wesentlichen Erkenntnisse aus Klietz' Nachforschungen zusammengeführt werden müssen. So bleibt das Buch über weite Strecken deskriptiv und wenig analytisch. Auch die Einordnung des "speziellen Außenhandels" in den Gesamtkontext von Militarisierung und der wirtschaftlichen wie politischen Zwangslage der DDR zwischen Ost und West wäre spätestens hier noch einmal wünschenswert gewesen. Insgesamt handelt es sich jedoch um eine gründliche und materialreiche Studie.
Wolfgang Klietz: Waffenhändler in Uniform. Geheime Im- und Exporte der DDR, Stuttgart: W. Kohlhammer 2024, 395 S., Diverse s/w-Abb., Diverse Tbl., ISBN 978-3-17-043460-8, EUR 33,00
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