sehepunkte 26 (2026), Nr. 5

Maximilian Röll: "Vom übrigen deutschen Leben ganz abgelöste Winkelkultur"?

Der Kulturkampf in Preußen-Deutschland in den 1870/80er war Teil eines langandauernden Kampfes um Deutungshoheit und deren soziokulturelle Grundlagen. Seine Zuspitzungen schienen kein Raum für jeweils andere Perspektiven zu bieten. Diese von Liberalismus und Katholizismus, um zwei der wesentlich relevanten Parteien zu nennen, forcierte Überzeichnung - denn wie könnte ein solches Projekt je gelingen? - war gleichermaßen nach innen gerichtet. Der gegen die Anderen gerichtete Furor diente mehr oder minder dazu, Positionen innerhalb des eigenen Spektrums durchzusetzen, Abweichler zu brandmarken und die eigenen Reihen fester zu schließen. Bismarcks vor allem gegen die Zentrumspartei als politische Kraft gerichtete Entfesselung des preußisch-deutschen Kulturkampfs war dagegen trotz der Kampagne gegen katholische 'Reichsfeinde' eher opportun. Er machte sich den antikatholischen und antiklerikalen Impetus des Liberalismus zunutze, entzweite diesen und korrumpierte dessen politisch-ideelle Grundlagen. Die katholische Seite erwies sich in der Folge trotz aller Maßnahmen als gefestigt, wobei bis zum Ersten Weltkrieg zumindest Bischöfe und in anderer Weise das Zentrum immer deutlicher "reichsfreundlich" gestimmt waren, wie sich auf verschiedenen Politikfeldern beobachten lässt. Das alles ist gut bekannt, auch, dass Kulturkämpfe ein gesamtdeutsches (Baden, Bayern) und europäisches Phänomen im langen 19. Jahrhundert (Österreich in den 1850er Jahren, Ungarn in den 1890er Jahren; Italien besonders nach 1870; Grundthema in Frankreich seit 1789) waren, sämtlich à la longue zu verstehen als Teil von Modernisierungskonflikten.

Was gibt es zum preußisch-deutschen Kulturkampf noch neues zu sagen? Die deutsche Katholizismusforschung hat für das 19. Jahrhundert und darüber hinaus seit vielen Jahren in hohem Maße von Regionalstudien profitiert, die auf Grundlage mehr und minder theoretisch fundierter Quellenstudien die empirische Basis erweitert und das allgemeine Bild modifiziert und bereichert haben. [1] Maximilian Rölls hier anzuzeigende Studie, hervorgegangen aus einer Dissertation an der Goethe-Universität Frankfurt/M., schließt daran an. Röll widmet sich dem preußisch-deutschen Kulturkampf der 1870er/1880er Jahre für die Region Limburg in wechselseitiger Verflechtung mit dem großen Ganzen, d.h. dem Kulturkampf- und Modernisierungsgeschehen. Wie es sich für eine Dissertation gehört, wurden Quellen gesucht, die entweder noch gar nicht beachtet wurden oder nun aus einem neuen Blickwinkel bzw. mit neuer Methode interpretiert werden. Umfänglich ausgewertet werden vergleichend die Nassauer Zeitung, einem der katholischen Perspektive verpflichteten und im Raum Limburg gelesenen Regionalblatt mit einer Auflagenhöhe 1888 von 4.500 (154), sowie die linksliberale, überregionale Frankfurter Zeitung, Auflagenhöhe 20.000 bis 35.000. (131) Über den regionalen Ansatz hinausführend und methodisch neu sei sodann die konsequente Anwendung des wissenssoziologischen Ansatzes für die Analyse von Zeitungen. Perspektivisch bewegt sich die Studie laut Röll somit im Schnittfeld von vier Forschungsschwerpunkten zum 19. Jahrhundert, neben der regionalen Geschichte sind dies die Katholizismusforschung sowie die Zeitungs- und Liberalismusgeschichte.

Die Rekonstruktion der in der zeitgenössischen Wahrnehmung fundamentalen Konfliktlagen in den Zeitungen bildet das Kernstück von Rölls Studie. In drei Kapiteln, die sich in ihrer Einteilung zeitlich an den bekannten Phasen des preußisch-deutschen Kulturkampfs orientieren und das Beobachtete in den allgemeinen Konfliktverlauf einbetten, gelte es, "die Deutungsmuster auszuwerten, die sich im Rahmen des Kulturkampfes zeigten." (169) Röll analysiert, wie die katholische Lebenswelt jeweils beschrieben, bewertet und gedeutet wurde aus einer regionalen binnenkatholischen und einer überregionalen linksliberalen Perspektive. Beide zogen dabei ausführlich, zustimmend und ablehnend, eigene Meinungen maskierend, Beiträge anderer Zeitungen heran. Vergleichend zeigt Röll anschaulich, wie die Bewertungen divergieren. Während der Nassauer Bote bemüht ist, katholische Praxis als legitimen Ausdruck regionaler Identität und religiöser Selbstbehauptung darzustellen, konstruiert die Frankfurter Zeitung das katholische Milieu häufig als antimodern, partikularistisch und national problematisch. Gleichwohl arbeitet Röll Ambivalenzen und Brüche der jeweiligen Deutungsmuster heraus und vermeidet eine schematische Gegenüberstellung. Die Analyse macht deutlich, dass innerhalb der regionalen katholischen Publizistik Unsicherheiten und Anpassungsprozesse sichtbar werden, während liberale Zuschreibungen nicht einfach homogen sind. Bekanntlich übte die Frankfurter Zeitung herbe Kritik an Bismarcks Politik und sah trotz ihrer grundsätzlichen Abneigung gegen das ultramontan-klerikale System das liberale Grundprinzip individueller Freiheitsrechte gefährdet. Im Nassauer Boten deuteten sich Differenzen zum Vatikan an, dessen Interessen seit dem Amtsantritt Leos XIII. mit denen des deutschen politischen Katholizismus in Spannung standen. "Es zeigt sich damit, dass Deutungsmuster, bei aller Autonomie, doch an das Geschehen in der Umwelt rückgebunden sind." (443)

Den drei Kapiteln, die sich der inhaltlichen Analyse der beiden Zeitungen widmen, gehen vier Kapitel zum Ansatz der Studie voraus. Hervorzuheben sind neben der Orientierung an einem soziologischen Ansatz allgemeine Ausführungen zum Verhältnis von Moderne und Katholizismus im 19. Jahrhundert, die Beschreibung der Region Limburg als Umfeld und schließlich der Presse in Preußen-Deutschland. Manchmal könnte es scheinen, als ob eine doch wohl aufgrund ihres Duktus an ein Fachpublikum gerichtete Studie potentiellen Leser:innen zu viel Bekanntes, teils in etwas umständlicher Weise, präsentiert. Ein Basiswissen um die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit gehört ebenso zum historischen Handwerkszeug wie um Modernisierungskonflikte des 19. Jahrhunderts einschließlich lebensweltlich verorteter Milieus, seien es nun das katholische, liberale oder sozialistische. Völlig richtig ist die Betonung der Notwendigkeit von Differenzierungen, unter anderem durch die Rekonstruktion der Ausprägungen von Großkonflikten auf regionaler Ebene, die eine Bereicherung für das große Ganze sein können.

Ein Vorteil von Regionalstudien, die "dichte Beschreibung" (Clifford Geertz) von historischen Phänomenen in ihrer soziokulturellen Ausprägung in einem begrenzten Raum, wird nicht so recht genutzt. Denkmuster, das von Röll bevorzugte Wort, brauchen einen Sitz im Leben. Einen guten Ansatz in diese Richtung stellen die Ausführungen über Verbreitung und Leserschaft des Nassauer Boten im Raum Limburg dar.(154-160) Darüber hinaus spielten - und spielen - vor allem personale Netzwerke eine zentrale Rolle bei der Ausformulierung und Durchsetzung von Deutungssystemen in ihrem jeweiligen Kontext. Einen Ansatzpunkt für die katholische Seite böten von Röll benannte treibende Kräfte hinter der Gründung des Nassauer Boten (153, mit Anm. 429), unter ihnen der langjährige Frankfurter Stadtpfarrer Franz Joseph Münzenberger (1833-1890) und der in Limburg beheimatete, streng katholische, weit über die Region hinaus aktive und bekannte Kaufmann, Abgeordnete und Sozialpolitiker Peter Paul Cahensly (1838-1923). Eine Verortung innerhalb des regionalen katholischen Milieus oder, im Fall der Frankfurter Zeitung, im liberalen Bildungsbürgertum findet nicht statt. Der Studie Rölls hätte eine in diesem Sinne erweiterte Anlage des Forschungsdesigns gutgetan.


Anmerkung:

[1] Wesentlich waren Anstöße aus dem englischsprachigen Raum, insbesondere Jonathan Sperber: Popular Catholicism in Nineteenth-Century Germany, Princeton, NJ 1984; David E. Blackbourn: Marpingen. Apparitions of the Virgin Mary in Nineteenth-Century Germany, New York 1988. Ein neuerer Forschungsbericht, der eine Vielzahl von vornehmlich deutschsprachigen Monografien, Sammelbänden, und Aufsätzen zu berücksichtigen hätte, fehlt.

Rezension über:

Maximilian Röll: "Vom übrigen deutschen Leben ganz abgelöste Winkelkultur"? Deutungsmuster in der katholischen Lebenswelt der Region Limburg während des Kulturkampfes in vergleichender Perspektive (= Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte; Bd. 149), Münster: Aschendorff 2022, 528 S., ISBN 978-3-402-26633-5, EUR 69,00

Rezension von:
Thomas Schulte-Umberg
Wien
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Schulte-Umberg: Rezension von: Maximilian Röll: "Vom übrigen deutschen Leben ganz abgelöste Winkelkultur"? Deutungsmuster in der katholischen Lebenswelt der Region Limburg während des Kulturkampfes in vergleichender Perspektive, Münster: Aschendorff 2022, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/05/37823.html


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