Die historische Behördenforschung hat in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt. In diesem Rahmen hat sich auch die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) intensiv mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt stand zunächst die Entwicklung der Institution im Nationalsozialismus und in der SED-Diktatur. Was fehlte, war eine Studie zur Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main, dem westdeutschen Pendant zur Deutschen Bücherei in Leipzig.
Diese Aufgabe hat die Freiburger Historikerin Helke Rausch übernommen. Dabei hat sie keine herkömmliche Bibliotheksgeschichte geschrieben. Wie die bereits vorliegenden Studien zur Geschichte der Deutschen Bücherei spannt auch ihr Buch einen breiteren Bogen und fragt nach dem politischen Standort der Deutschen Bibliothek in der "alten" Bundesrepublik. Dafür wählt Rausch einen chronologischen Zugang, wobei sie sich auf institutionelle Wegmarken konzentriert.
Breiten Raum nimmt die Gründung der Bibliothek und ihre bis in die 1960er Jahre reichende Etablierung ein. Ihre Entstehung ist eng verbunden mit der deutschen Teilung nach dem 2. Weltkrieg - Rausch spricht pointiert von einem "Kollateralschaden". Ausgangspunkt war die für den Buchmarkt wichtige Nationalbibliografie, die traditionell die Deutsche Bücherei herausgab. Sie lag seit 1945 jedoch in der sowjetischen Besatzungszone, sodass die Branchenvertreter aus den westlichen Zonen keinen direkten Zugriff hatten. In dieser Situation rief der westdeutsche Börsenverein mit Zuspruch der US-amerikanischen Besatzungsmacht 1946 die Deutsche Bibliothek ins Leben. Ihre Aufgabe war die Sammlung des deutschsprachigen Schriftguts nach 1945, um auf dieser Basis eine eigene Bibliografie zu erstellen.
Anfangs mangelte es der Bibliothek nicht nur an einer eigenen, prestigeträchtigen Sammlung, sondern auch an geeigneten Räumen und einer auskömmlichen Finanzierung. Dass sich die Einrichtung dennoch behaupten sollte, lag nicht zuletzt am charismatischen und zielstrebigen Gründungsdirektor Hanns Wilhelm Eppelsheimer, wie Rausch überzeugend herausarbeitet. So gelang es ihm, die Finanzierung der Bibliothek auf ein breiteres Fundament zu stellen. Kamen die nötigen Gelder zunächst allein vom westdeutschen Börsenverein und der Stadt Frankfurt, beteiligten sich seit 1952 auch das Land Hessen und der Bund an der Förderung.
Zudem bezog die Bibliothek unter Eppelsheimer Ägide 1959 einen im Stil der Nachkriegsmoderne gehaltenen, funktional-sachlichen Neubau in Frankfurt, nachdem sie jahrelang ein Haus mit der Stadt- und Universitätsbibliothek geteilt hatte. Um seine Anliegen zu erreichen, nutzte Eppelsheimer geschickt den in der damaligen Bundesrepublik verbreiteten Antikommunismus als schlagendes Argument. Dafür präsentierte er die Deutsche Bibliothek als freiheitlichen Gegenspieler einer politisch gesteuerten Deutschen Bücherei in der DDR. Diese Rhetorik verfing insbesondere beim für Kultur zuständigen Bundesinnenministerium.
Darauf aufbauend befasst sich die Studie eingehend mit der inhaltlichen Profilierung der Deutschen Bibliothek jenseits des Vollständigkeitsprinzips. Hier hebt Rausch zu Recht die Exilsammlung hervor. Bereits Ende der 1940er Jahre hatte die Bibliothek zusammen mit Exilautoren- und publizisten begonnen, einen Bestand von deutschsprachigen Büchern aufzubauen, die im Nationalsozialismus nicht erscheinen durften. 1965 thematisierte das Haus die Sammlung mit der Ausstellung "Exil-Literatur 1933-1945" erstmals öffentlich. Sie wurde nicht nur in Frankfurt am Main gezeigt, sondern war in den folgenden Jahren auch an zahlreichen anderen Orten in- und außerhalb Westdeutschlands zu sehen. Für die öffentlich sonst positionsscheue Deutsche Bibliothek war die Ausstellung ein Novum, schließlich war die kritische Aufarbeitung der NS-Diktatur in den 1960er Jahren noch kein gesellschaftlicher und politischer Konsens. Für zusätzliche Konturen sorgte auch das Deutsche Musikarchiv, das 1970 als Außenstelle der Deutschen Bibliothek in West-Berlin gegründet wurde. Dessen Aufgabe war es, alle Tonträger, die in der Bundesrepublik verlegt wurden, zu sammeln.
Wesentlich kürzer fällt die Darstellung der Deutschen Bibliothek als zentrales Schrift- und Musikdepot der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren aus. Grundlage für diesen lange angestrebten Status war die gesetzliche Aufwertung zu einer Institution des Bundes im März 1969. Damit ging die Pflichtexemplarregelung einher, die die freiwillige Abgabe von Publikationen durch die Verlage ablöste. Auf diesen Bedeutungszuwachs ruhte sich die Deutsche Bibliothek jedoch nicht aus. Sie gehörte zu den Vorreitern im westdeutschen Bibliothekswesen, wenn es darum ging, mit Hilfe moderner Informationstechnologie die eigene Sammlung zu erschließen. Auch auf diese Weise schaffte sie es, ihre Bibliografien schneller und effektiver als die Deutsche Bücherei zu erarbeiten. Generell hatte das Leipziger Haus immer größere Probleme, Schritt mit der Deutschen Bibliothek zu halten, allen voran wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR. Zugleich pflegten beide Einrichtungen im Kontext der deutsch-deutschen Entspannungspolitik pragmatische Beziehungen, bei denen es vor allem um Publikationen aus dem jeweils anderen Staat ging. Den Status Quo der deutschen Teilung stellten damals weder die Deutsche Bibliothek noch die Deutsche Bücherei infrage.
Rauschs konsequent politischer Blick auf den Werdegang der Deutschen Bibliothek ist so kompakt wie aufschlussreich. Mit großer Souveränität ordnet die Autorin ihren Gegenstand in die Geschichte Deutschlands nach 1945 ein. Dabei ist Rausch darauf bedacht, keine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Dementsprechend geht sie stets auch auf die Schwierigkeiten und Rückschläge ein, mit denen die Deutsche Bibliothek konfrontiert war. Gleichwohl fehlt ihrer Institutionengeschichte ein wesentlicher Aspekt - das Verhältnis von Nutzern und Bibliothek. Dies ist aus zwei Gründen bedauerlich. Zum einen bleibt die Frage offen, wie die Leserschaft die Entwicklung des Hauses geprägt hat. Zum anderen entfällt der Vergleich mit der gesellschaftlichen Nutzung der Deutschen Bücherei im Nationalsozialismus und in der DDR.
Trotz dieses Mankos hat Helke Rausch ein stringentes, gut lesbares Buch über die Deutsche Bibliothek von ihrer Gründung in der Nachkriegszeit bis zur Epochenzäsur 1989 verfasst. Zusammen mit den anderen Studien liegt nun eine ebenso umfassende wie erhellende Darstellung der Deutschen Nationalbibliothek im spannungsreichen 20. Jahrhundert vor, an der sich zukünftige Arbeiten zur Zeitgeschichte von Bibliotheken messen lassen müssen.
Helke Rausch: Wissensspeicher in der Bundesrepublik. Die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main 1945-1990, Göttingen: Wallstein 2023, 430 S., 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5487-6, EUR 40,00
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