Schon der Einband des Bandes weist auf die fortdauernde Aktualität seines Gegenstands hin, denn er zeigt eine vom Autor selbst im Einwohnermeldeamt der Stadt Turin aufgenommene Fotografie. Die Frage nach Bürgerschaft, Zugehörigkeit und politischer Teilhabe besitzt eine offenkundige Aktualität. Umso wichtiger ist es, dass Massimo Vallerani sie mit großer methodischer Vorsicht behandelt. Die Einleitung setzt mit einer klaren Warnung vor dem Anachronismus ein: Wer von "cittadinanza" im Mittelalter spricht, läuft leicht Gefahr, moderne Vorstellungen eines an Geburt gebundenen Bündels von Rechten und Pflichten auf eine anders strukturierte historische Wirklichkeit zu übertragen. Eben hier liegt der erste Vorzug der Studie. Vallerani sucht nicht nach einer vormodernen Vorstufe heutiger Staatsbürgerschaft, sondern rekonstruiert die Eigenlogik der civilitas in den italienischen Städten des späten Mittelalters.
Diese Klärung bleibt nicht abstrakt. Vielmehr zeigt Vallerani, dass civilitas in den italienischen Kommunen und Städten weder einen einheitlichen noch einen dauerhaften Status bezeichnete. Es handelte sich um eine labile und stark pragmatische Bedingung, die sich aus wiederholten und sichtbaren Handlungen zusammensetzte: in der Stadt wohnen, Steuern zahlen, militärische Pflichten erfüllen, vor Gericht auftreten, eine gute fama bewahren. Bürgerschaft erscheint damit zunächst als praktizierte Zugehörigkeit. Gerade diese performative Dimension gehört zu den stärksten Einsichten des Buches. Sie erlaubt es, die mittelalterliche Stadt aus ihren eigenen Mechanismen der Einbindung, Kontrolle und Unterscheidung heraus zu verstehen.
Von hier aus erschließt sich auch die Anlage des Bandes. Die sechs Kapitel (Classificazione, Valutazione, Esclusione, Negoziazione, Selezione, Moltiplicazione dei livelli di civilitas) bilden keine lose Reihung, sondern markieren Stationen einer historischen Entwicklung. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Regime des Popolo im späteren 13. Jahrhundert eine rasch anwachsende und immer heterogenere Stadtbevölkerung politisch und administrativ ordnen mussten. Daraus entstanden jene Instrumente, die Vallerani ins Zentrum rückt: Listen, Register, estimi, Matrikeln, Verzeichnisse neuer Bürger und der malpaghi, Prozesse um den Bürgerstatus. Darin liegt eine der größten Stärken des Buches. Die Quellen werden als Werkzeuge verstanden, mit denen soziale Wirklichkeit überhaupt erst gefasst und geordnet wurde.
Besonders gelungen ist die Verbindung von Bürgerschafts- und Dokumentationsgeschichte. Vallerani zeigt, wie die kommunale Schriftlichkeit eine doppelte Funktion besaß: Sie diente der Verwaltung und zugleich der politischen Konstruktion eines sozialen Körpers. Personen mussten erfasst und in ihrem Verhältnis zur Stadt qualifiziert werden. Deshalb misst der Autor den "transversalen" Quellen ein so großes Gewicht bei: Registern, Prozessen, Revisionen und Beschwerden, also Dokumenten, in denen Status behauptet, bestritten, angepasst oder neu verhandelt wurde. Auf diese Weise erscheint Bürgerschaft nicht als abstrakte Kategorie, sondern als ein fortwährendes Feld administrativer und sozialer Aushandlung.
Den stärksten interpretativen Akzent setzt der Epilog. Dort bündelt Vallerani die leitende These des gesamten Buches mit besonderer Klarheit. Sichtbar wird die Tiefe der Wandlungen, welche die Begriffe civilitas und civis zwischen der zweiten Hälfte des 13. und dem 15. Jahrhundert erfuhren. Im kommunalen Kontext des Duecento war Bürgerschaft noch in hohem Maß verhandelbar, pragmatisch und abgestuft. Rechte und Pflichten hingen vom jeweils erreichten Grad der Zugehörigkeit ab; selbst negative Qualifikationen blieben vielfach reversibel. Erst die Verschärfung politischer Konflikte, die bürokratische Verdichtung und die oligarchischen Umbildungen des 14. und 15. Jahrhunderts führten zu einer tiefgreifenden Umdeutung dieses Modells. Die ältere performative Dimension von Bürgerschaft wich immer stärker hierarchisch organisierten Regimen der Zugehörigkeit, in denen der Zugang zu Ämtern, Räten und politischen Funktionen zum entscheidenden Merkmal höherer ziviler Qualität wurde.
Gerade hierin liegt das eigentliche historiographische Gewicht der Studie. Vallerani beschreibt nicht einfach die Entwicklung eines Bürgerstatus; er rekonstruiert die allmähliche Fragmentierung der Bürgerschaft in ungleiche Ebenen rechtlicher und politischer Teilhabe. Besonders prägnant ist seine Beobachtung, dass der Begriff civis im späteren Quattrocento einen Teil seines früheren sozial-politischen Gehalts verlor. Einerseits konnte er nun einen mittleren, rechtlich reduzierten Status bezeichnen; andererseits trug diese semantische Verschiebung zur schärferen Polarisierung zwischen politisch befähigten nobili oder gentili und einer breiten, von der Repräsentation ausgeschlossenen städtischen Bevölkerung bei.
"Regimi di cittadinanza nell'Italia comunale" ist ein ausgesprochen wichtiges Buch. Es zeigt mit großer Präzision, dass Bürgerschaft im spätmittelalterlichen Italien kein homogener Besitzstand, sondern ein variables und umkämpftes Ordnungsprinzip war. Gerade weil Vallerani Zugehörigkeit als Ergebnis von Praktiken, Verfahren, Konflikten und Machtbeziehungen analysiert, gewinnt der Gegenstand historische Schärfe und zugleich weiterreichende interpretative Bedeutung. Der Band dürfte sich daher als wichtiger Bezugspunkt für die künftige Forschung zur politischen Kultur der italienischen Städte etablieren.
Massimo Vallerani: Regimi di cittadinanza nell'Italia comunale (= La storia. Temi; 124), Roma: Viella 2024, 238 S., ISBN 979-12-5469-672-9, EUR 25,00
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