sehepunkte 26 (2026), Nr. 5

Kai Hering (Hg.): Klosterleben in der Kritik

Der Sammelband entstand aus einem im August 2020 an der Forschungsstelle für vergleichende Ordensgeschichte der TU Dresden veranstalteten Workshop im Rahmen des von Kai Hering geleiteten Projekts "Spätmittelalterliche Mönche und Nonnen im Spiegel der Satire". In sechs Beiträgen werden "Angriffe gegen religiöse Orden und Gemeinschaften" beleuchtet, die laut Klappentext - anders als "Herabsetzungen des Säkularklerus" und "mit Ausnahme der feindseligen Reaktionen auf die Bettelorden - ein noch immer randständiges Thema" in der Forschung darstellen. Dies hebt der Herausgeber auch im Vorwort, der Einleitung und seinem thematischen Beitrag immer wieder hervor - ein überraschender Befund, denn wie Hering selbst in der Einleitung feststellt, ist die Kritik an klösterlichen Gemeinschaften praktisch so alt wie diese selbst, was angesichts der "hoch gesteckten Ideale" (1), die fast zwangsläufig nicht immer erfüllt werden konnten, auch zu erwarten ist.

Hering gibt in seinem Beitrag Qui vult Satanae servire, / Claustrum debet introire zunächst einen Forschungsüberblick zur Kritik an der Geistlichkeit und religiösen Orden, um sich dann mit "satirisch-kritische[n] Darstellungen des Religiosentums im lateinischen Hoch- und Spätmittelalter" auseinanderzusetzen. Exemplarisch nimmt er den Topos der mönchischen Völlerei in Spottgedichten und die in Ständesatiren geäußerte Kritik an Mönchen und Nonnen in den Blick. Dabei interessiert ihn weniger die Frage nach der Faktizität der Vorwürfe als vielmehr die "bedeutende Stellung" solcher Satiren "in den zeitgenössischen Diskursen über religiöse Lebensformen". Zwar sollten sie oft vor allem unterhalten, doch dienten sie auch der Bildung, Abgrenzung und (De-) Legitimierung von Gemeinschaften und schrieben als "wichtiges Medium der Meinungsbildung [...] bestimmte Deutungsmuster nachhaltig in das kollektive Gedächtnis ein".(68)

Sita Steckels Beitrag zu "inhaltliche[n] und kommunikative[n] Transformationen der Ordenskritik im langen 12. Jahrhundert" schöpft aus den Forschungen für ihre Habilitationsschrift.[1] Am Beispiel der Figur des Faus Semblant aus dem Rosenroman beleuchtet Steckel zunächst einen häufig gegen Säkularkleriker wie Ordensmitglieder erhobenen Vorwurf, den der Heuchelei, und wirft die Frage auf, warum die von dem Kleriker Jean de Meun um 1280 formulierte heftige Polemik bereits zu dieser Zeit "als legitim und 'sagbar' befunden wurde".(75) Die aus den Orden selbst kommende Forschung bewertete Kritik an den Gemeinschaften oft als stereotyp und wenig gerechtfertigt. In reformationsgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Studien wurde sie dagegen vielfach in eine teleologische Erzählung eines auf die Reformation zuführenden religiösen Verfalls im Spätmittelalter eingeordnet.

Unter Rückgriff auf die von Hans-Joachim Schmidt entwickelten "Kategorien zur Typisierung von Ordenskritik" [2] differenziert Steckel deren "Verlaufs- und Entwicklungsmodell".(79) Grundsätzlich "wurde Kritik an religiösen Orden während des Hochmittelalters meist nicht als legitim wahrgenommen".(111) Scharfe Polemiken, wie sie im 12. Jahrhundert etwa von Abaelard, Bernhard von Clairvaux oder Walter Map vorgebracht wurden, sind als bewusste Grenzüberschreitungen zur Erzeugung von Aufmerksamkeit zu verstehen, die mit der Zeit auch zur Verschiebung der Grenzen des Sagbaren führten. Motor der Kritik war aber sowohl im 12. Jahrhundert als auch in der Folgezeit weniger ein Verfall als vielmehr "Wachstum und Pluralisierung innerhalb der vita religiosa".(114)

Mirko Breitenstein untersucht die satirischen Verse, mit denen Guiot de Provins um 1200 die Antoniter aufs Korn nahm. Treffend bezeichnet Breitenstein Guiots Äußerungen als "Ordenssatire ohne Orden", denn die Gemeinschaft wurde ob der vielen Spenden, die sie einwarb, bereits heftig kritisiert, als sie formal noch gar kein Orden war. Ironischerweise ist gerade Polemik eine wichtige Quelle für Selbstverständnis und Außendarstellung der Antoniter, da Zeugnisse aus der Frühzeit der Gemeinschaft rar sind.

Volker Leppin analysiert Erzählungen über lasterhafte Mönche und Nonnen im Decamerone. Nachdem er eingangs konstatiert, das Werk lese sich "streckenweise wie ein Handbuch des Antiklerikalismus" (129), würdigt er Boccaccio jedoch als subtilen Kritiker der Kirche mit "tiefgehende[n] theologische[n] Einsichten". Die Mönche und Nonnen mit ihren sexuellen Verfehlungen sowie den Ausflüchten, die sie bemühten, um diese zu vertuschen, seien letztlich Exempel der allgemeinen Sündhaftigkeit der Menschen. (143)

Nach Heuchelei, Betrug, Geldgier, Völlerei und Wollust stellt Jörg Sonntag die Freude der "Klosterleute" an Glücks- und anderen Spielen in den Mittelpunkt. Auch hier war es vor allem die Diskrepanz zwischen dem von den Gemeinschaften selbst postulierten Anspruch eines vorbildlichen Lebenswandels und den wahrgenommenen Verstößen dagegen, die Unmut hervorrief.

Den "reformatorischen Deutungskampf" um ein 1522 geborenes deformiertes Kalb stellt Lisa-Marie Richter vor, die an der TU Dresden im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 1285 "Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung" reformatorische Angriffe auf das Mönchtum erforscht. Da die Darstellung des Kalbs auf einem Einblattdruck an einen Mönch erinnerte, veröffentlichte Martin Luther eine Flugschrift, in der er das Tier als "Mönchkalb" bezeichnete und "als göttliches Zeichen gegen das Mönchtum" deutete.(165) Richter zeigt, wie Luther seine Wortschöpfung als "prägnante Verdichtung" seiner "antimonastischen Programmatik" (197) etablieren konnte. Versuche seiner Gegner, ihn selbst als Mönchkalb herabzusetzen, blieben weniger erfolgreich.

Die Betonung der Randständigkeit des Themas durch den Herausgeber scheint der Rezensentin übertrieben. Doch ist die Lektüre des Bandes allemal gewinnbringend, zumal er die Betrachtung dankenswerterweise nicht auf das nicht-mendikantische Religiosentum beschränkt. Der in der Einleitung formulierte Anspruch "neue Anregungen und Impulse" für die "Auseinandersetzung mit diskursiven Einschätzungen der vita religiosa" zu geben (7), wird voll eingelöst. Wie Steckel resümiert, kann "die Erforschung mittelalterlicher Ordenskritik" wichtige Aspekte zu einer "langfristige[n] Geschichte religiöser Pluralisierungen und ihrer Auswirkungen" beitragen. (115)


Anmerkungen:

[1] Sita Steckel: Criticizing the Religious. Debating the Diversity of the New Religious Orders in Western Europe, c. 1120-1220 (in Druckvorbereitung).

[2] Hans-Jürgen Schmidt: Klosterleben ohne Legitimität. Kritik und Verurteilung im Mittelalter, in: Institution und Charisma. Festschrift für Gert Melville, hgg. von Franz-Josef Felten / Annette Kenel / Stefan Weinfurter, Köln / Weimar / Wien 2009, 377-400.

Rezension über:

Kai Hering (Hg.): Klosterleben in der Kritik. Geschichts- und literaturwissenschaftliche Perspektiven auf Herabwürdigungen des Religiosentums in Mittelalter und Reformationszeit (= Vita regularis. Ordnungen und Deutungen religiosen Lebens im Mittelalter. Abhandlungen; Bd. 83), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2023, IX + 230 S., 10 Farb-Abb., ISBN 978-3-643-15400-2, EUR 39,90

Rezension von:
Iris Holzwart-Schäfer
Asperg
Empfohlene Zitierweise:
Iris Holzwart-Schäfer: Rezension von: Kai Hering (Hg.): Klosterleben in der Kritik. Geschichts- und literaturwissenschaftliche Perspektiven auf Herabwürdigungen des Religiosentums in Mittelalter und Reformationszeit, Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2023, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/05/40239.html


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