sehepunkte 26 (2026), Nr. 5

Alexander Walther: Die Shoah und die DDR

Am 12. April 1990 entschuldigte sich die erste frei gewählte Volkskammer bei den "Juden in aller Welt" für die "Demütigung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder". Auch "das Volk in Israel" wurde um Verzeihung gebeten "für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigungen jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande." (460 f.)

Diese Erklärung verwundert zumindest auf den ersten Blick vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses der DDR als antifaschistischer Staat, der für sich seit seiner Gründung 1949 in Anspruch genommen hatte, den Faschismus mit allen seinen Wurzeln, inklusive des Antisemitismus, ausgerottet zu haben. Dass diese Verwunderung fehl am Platz ist, zeigt Alexander Walther in seiner Dissertation über den Umgang der DDR mit dem Nationalsozialismus und der Ermordung der europäischen Juden.

Der Autor nähert sich dieser Thematik nicht über die weitgehend bekannte und gut erforschte Ideologie des Antiimperialismus und Antizionismus oder die Politik der DDR gegenüber Jüdinnen und Juden, sondern über die "verborgene Präsenz", wie das zentrale Kapitel überschrieben ist. Die Beschäftigung mit der Shoah fand in der DDR durchaus statt, aber eben verborgen, in gesellschaftlichen und politischen Nischen, die Walther ausleuchtet.

Das Buch gliedert sich in drei große Teile mit jeweils drei bis vier Unterkapiteln und will "einen Beitrag zur Geschichte der kulturellen, intellektuellen und sozialen Auseinandersetzung mit der Shoah in Deutschland nach 1945 leisten" (21). Im ersten Kapitel zeichnet Walther das frühe Gedenken in der DDR nach, das von Überlebenden ausging, plural war und die jüdischen Opfer häufig explizit miteinschloss und benannte. Zugleich entbrannte politisch eine Auseinandersetzung um die Anerkennung und damit Entschädigung von Jüdinnen und Juden als Verfolgte des NS-Regimes. Dabei entwickelten sich auch zusehends Spannungen zwischen jüdischen Verbänden und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die mehr und mehr unter den Einfluss der SED geriet.

Diese relative Offenheit der Auseinandersetzung mit der Shoah in der frühen DDR wurde zu Beginn der 1950er Jahre beendet. Ausschlaggebend waren nicht zuletzt die antisemitischen Schauprozesse in Osteuropa. Das gesellschaftliche Klima verschärfte sich dadurch für alle Juden in realsozialistischen Ländern deutlich. Die anfängliche Pluralität wich dem Dogmatismus der SED-Ideologie, die zu einer "monotonen, sinnstiftenden Erzählung" (174) erstarrte.

Das zweite Kapitel spürt den Nischen und Möglichkeiten nach, die es in der ostdeutschen Gesellschaft trotz der dogmatischen Faschismusauffassung gab, um die Ermordung der europäischen Juden zu thematisieren. Der herrschende Marxismus-Leninismus erklärte das NS-Regime primär aus den ökonomischen Interessen des Finanzkapitals und blendete seine ideologischen Grundlagen, allen voran den Antisemitismus, weitgehend aus. Dennoch gelang es immer wieder einzelnen, den staatlichen Dogmatismus zu unterlaufen. Dies anhand verschiedener Beispiele aufzuzeigen, markiert das große Verdienst von Walthers Studie.

Zunächst zeigt er, wie Verlagslektoren gegen die offizielle Zensur und Parteilinie literarische Werke und Anthologien herausbrachten, darunter auch Werke in jiddischer Sprache. Der Autor resümiert diesen Spielraum folgendermaßen: "Der Literatur wurde nicht nur politische Bedeutung beigemessen, sie konnte auch eine Nische sein für Überlegungen, wie der Antifaschismus zu interpretieren sei und wo darin der Ort der jüdischen Opferperspektive liegen konnte." (259)

In den folgenden drei Unterkapiteln behandelt Walther den Schriftsteller Arnold Zweig, die Sängerin Lin Jaldati und den Historiker Helmut Eschwege. Sie haben in ihren Disziplinen auf spezifische Weise die Shoah thematisiert und die Erinnerung an die ermordeten Juden Europas wachgehalten. Bei allen Schwierigkeiten durch die staatliche Zensur und die herrschende Ideologie fanden sie jeweils einen Weg, damit umzugehen, ohne sich völlig unterzuordnen.

Das dritte Kapitel beschreibt die Veränderungen in der DDR in den 1980er Jahren hinsichtlich des Umgangs mit der Shoah. Sie stehen im Zusammenhang mit generellen Verschiebungen in der SED-Diktatur und gewissen Öffnungstendenzen. Diese nutzten wiederum Schriftsteller wie Heinz Knobloch, um einen neuen Blick auf die NS-Vergangenheit zu werfen.

Der damals erneut aufkommende Antisemitismus rückte wieder stärker auf die staatliche Agenda, da sich in Teilen der Jugend rechtsextremes Gedankengut verbreitete. Ferner stiftete der staatliche Antifaschismus nicht mehr den Konsens in der jüngeren Generation, die nicht mehr die politische Erfahrung der alten KPD-Kader teilte. Gerade oppositionelle Gruppen entzogen sich der erstarrten Gedenkkultur und etablierten neue Formen der Erinnerung, in der die jüdischen Opfer einen breiteren Raum einnahmen.

Doch auch die staatliche Politik veränderte sich in den späten 1980er Jahren. Der Versuch, das internationale Renommee der DDR zu verbessern und in Verhandlungen mit den USA zu treten, führte zu einer Neuakzentuierung der Gedenkpolitik gegenüber dem jüdischen Erbe. Der Umgang mit dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, die Gründung der Stiftung Neue Synagoge - Centrum Judaicum und die Ausstellung "Und lehrt sie: Gedächtnis" im Ephraim-Palais in Ost-Berlin stellen die prominentesten Beispiele dafür dar. Auch hierbei kam Einzelpersonen wie Irene Runge, Jalda Rebling oder Róza Berger-Fiedler eine wichtige Rolle zu.

Diese Entwicklungen stellten wiederum die Grundlage für den anfangs zitierten Appell der ersten frei gewählten Volkskammer dar. Es blieb dabei nicht nur beim theoretischen Schuldeingeständnis und der kritischen Betrachtung der SED-Politik. Dem Beschluss folgten auch Taten. Auf Vorschlag des 1986 gegründeten Jüdischen Kulturvereins wurden ab Mai 1990 sowjetische Juden, die in ihrer Heimat einem zunehmend stärkeren Antisemitismus ausgesetzt waren, in der DDR aufgenommen und versorgt. Zu diesem Zeitpunkt war die DDR in ihrer alten Form aber faktisch schon am Ende.

Es gelingt Walther überzeugend aufzuzeigen, dass es trotz des staatlich verordneten Antifaschismus, der dogmatischen SED-Ideologie und dem Fokus auf der kommunistischen Widerstands- und Märtyrererzählung im Nationalsozialismus möglich war, sich mit der Shoah und den jüdischen Opfern zu beschäftigen. Diese Beschäftigung lief allerdings in gesellschaftlichen Nischen ab, gewissermaßen unterhalb des offiziellen Radars und oft gegen die staatliche Erinnerungspolitik. Sie wäre aber dennoch für die Bevölkerung in der DDR eine Option gewesen: "Man konnte in der DDR durchaus etwas über die Shoah erfahren, man musste es nur wollen. Das jüdische Verfolgte nicht vergessen wurden, lag indes an einem überschaubaren Kreis engagierter Menschen, die oftmals selbst nur knapp dem Tod entkommen waren." (475)

Dieses Engagement von Individuen in der DDR von der Gründung bis zu ihrem Ende erstmals nachgezeichnet zu haben, ist das Verdienst dieser erkenntnisreichen und flüssig geschriebenen Studie. Zugleich lassen ihre Ergebnisse das antifaschistische Selbstverständnis der DDR und die herrschende orthodox-marxistische Faschismusinterpretation umso problematischer erscheinen.

Rezension über:

Alexander Walther: Die Shoah und die DDR. Akteure und Aushandlungen im Antifaschismus (= Buchenwald und Mittelbau-Dora Forschungen und Reflexionen; Bd. 7), Göttingen: Wallstein 2025, 566 S., 23 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5840-9, EUR 44,00

Rezension von:
Sebastian Voigt
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Voigt: Rezension von: Alexander Walther: Die Shoah und die DDR. Akteure und Aushandlungen im Antifaschismus, Göttingen: Wallstein 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/05/40382.html


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