Banner zierten Burg und Tore von Dol-de-Bretagne. Auf ihnen prangte jenes heraldische Zeichen, das untrennbar mit der Bretagne und ihren Herzögen verbunden ist - der Hermelin ("banniers d'armines", 611). So entnimmt man es einer Rechnungsrolle über die weltlichen Einnahmen und Ausgaben des vakanten Bistums Dol von 1390 bis 1392. Dieser Eintrag, der ganz und gar nicht zufällig gewählt wurde - wie am Ende dieser Besprechung zu erfahren sein wird -, führt mitten hinein in die Edition der Finanzdokumente Herzog Johanns IV., der das zwischen England und Frankreich stehende Fürstentum in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts für mehr als drei Jahrzehnte regierte.
Ganz so wie die Geschichte des bretonischen Herzogtums stets transregnal gedacht werden muss, so lebt und arbeitet der Editor dieses Werks seit Jahrzehnten grenzüberschreitend. Der aus Wrexham in Wales stammende und in England lehrende Historiker Michael Jones beschäftigt sich seit seiner Studienzeit in Oxford - und damit seit nunmehr beeindruckenden 60 Jahren - mit der spätmittelalterlichen Bretagne, wobei er Dutzende wegweisende Publikationen auf Englisch wie auf Französisch vorgelegt hat. Die hiesige Edition knüpft zeitlich an eine weitere Quellenpublikation an, die Jones in Zusammenarbeit mit dem französischen Archivar Philippe Charon im Jahr 2017 herausgebracht hat.[1] Gemeinsam mit einer ebenfalls von Jones erarbeiteten dreibändigen Urkundenedition liegen nunmehr sowohl ein Gutteil des überlieferten Finanzschriftguts für das 13. und 14. Jahrhundert als auch die wichtigsten Quellen zur Regierungszeit Johanns IV. gedruckt vor.[2] Dennoch lassen sich weiterhin weitgehend unbekannte Schätze heben. So harren beispielsweise noch die lokalen Rechnungen der englischen Besitzungen Johanns IV. (Honour of Richmond) einer Bearbeitung.
Die Leistungen von Michael Jones verdienen höchsten Respekt; umso mehr, als hinter den über 750 Editionsseiten ein enormer detektivischer Spürsinn steckt. Schließlich liegen viele der Rechnungen nicht wohlgeordnet in einschlägigen Beständen des Départementalarchivs in Nantes vor, sondern sind im Gegenteil über mehrere Bibliotheken und Archive verstreut, zudem häufig nur fragmentarisch überliefert, weil sie ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert als Einbandmakulatur herangezogen wurden. Das erhöht den Aufwand, sie zu lesen und zu interpretieren. Von den Schwierigkeiten, denen sich Michael Jones gegenübersah, kann man sich dank der überlegt ausgewählten Abbildungen auch ohne Konsultation der Originale überzeugen.
Was ist nun die Frucht dieser aufwendigen Arbeit? Mit dem Band liegen über 100 Dokumente vor, die in französischer Tradition auf Basis der Richtlinien der École des chartes transkribiert wurden. Sie entstammen unterschiedlichen Verwaltungsbereichen, an denen sich Michael Jones bei der Strukturierung seiner Edition orientiert: vom Generaleinnehmer respektive Schatzmeister (1A-F); aus der herzoglichen Hofhaltung in der Bretagne (2A-G) und dem fürstlichen Haushalt in England (3A-J); aus der lokalen Finanzverwaltung (4A-W); aus Herrschaften, die sich zeitweilig in den Händen Johanns IV. befanden (5A-D); aus vakanten Bistümern (6A-F) und Erhebungen der Herdstättensteuer (7A-E). Abgeschlossen wird die Edition von diversen Dokumenten (8A-J) sowie heute im Original verlorenen Rechnungen (9A-I). Diese Breite erlaubt es, Verwaltungstraditionen herauszuarbeiten, wie etwa das Festhalten am Latein in englischen Rechnungen, oder Entwicklungen in der Verwaltungspraxis nachzugehen, etwa der Adoption der Buchform oder der Verwendung von Papier.
Die Quellen decken eine turbulente Periode der bretonischen Geschichte ab. Johann IV. kam erst infolge des gewonnenen Sukzessionskonflikts um das Herzogtum an die Macht (1341-1364). Seine Herrschaft war durchweg geprägt von den Ereignissen des Hundertjährigen Krieges. Für mehrere Jahre musste er seine angestammten Lande verlassen und auf seinen englischen Besitzungen Zuflucht suchen. Aus administrativer Sicht scheinen diese Exiljahre eine geradezu katalysatorische Wirkung entfaltet zu haben, da seine Finanzverwaltung nach der Rückkehr 1379 einen beachtlichen Professionalisierungsschub erfuhr. Entscheidend waren hierbei der Kontakt zur Verwaltung des englischen Königs wie auch das Wirken englischer Funktionsträger in der Bretagne.
Abseits der großen Politik bieten die Rechnungen zahlreiche Einblicke in das Wirtschaften auf dem Land und das Leben am bretonischen Herzogshof. Dabei spannt sich ein weites Panorama auf: Alltägliche Besorgungen für Küche, Keller und Vorratskammer finden sich ebenso in den Quellen wie die Anstellung von Künstlern oder Ausgaben für Schreibmaterial und Baumaßnahmen. Wie man zu Beginn dieser Rezension gesehen hat, halten die Archivalien sogar Hinweise zur heraldischen Praxis bereit. Die Edition wird daher für viele verschiedene Fragestellungen gewinnbringende Einträge bereithalten.
Die drei getrennt voneinander geführten Register der Personen, Orte und Sachen sind ohne Frage überaus hilfreich. Allerdings hätte man das Verweissystem nutzerfreundlicher gestalten können. Anstatt direkt die Seiten anzuführen, auf denen ein gesuchter Eintrag zu finden ist, beschränken sich die Angaben in den Indizes auf die jeweiligen Posten innerhalb eines Stücks. Da aus der Kopfzeile die Nummern der einzelnen Dokumente nicht hervorgehen, beginnt ein ermüdendes Hin- und Herblättern zwischen Inhaltsverzeichnis, Registern und Editionstext. Das soll aber das einzige Monitum bleiben. Alles andere wurde mustergültig umgesetzt, von einem nützlichen Anmerkungsapparat über ein sehr hilfreiches Glossar zeitgenössischer Begriffe bis hin zu einer Einleitung, in der vor allem auf die fürstliche Finanzverwaltung, ihr Personal und Schriftgut sowie das Münzwesen präzise eingegangen wird. Hier bleiben keine Wünsche offen.
Doch wo kommen nun eigentlich die Hermeline ins Spiel, die eingangs dieser Besprechung auf den Bannern über Dol-de-Bretagne im Wind flatterten? Das heraldische Pelzwerk bildet gleichsam die Brücke von der spätmittelalterlichen in die heutige Bretagne und spannt dabei zugleich einen Bogen zu Michael Jones. Denn am 10. November 2002 verlieh das Institut Culturel de Bretagne dem Historiker den Orden vom Hermelin (Ordre de l'Hermine). Dieser modernen zivilen Auszeichnung, die für herausragende Verdienste um die bretonische Kulturförderung vergeben wird, stand bei ihrer Stiftung 1972 der weltliche Ritterorden vom Hermlin Pate, der 600 Jahre zuvor von keinem Geringeren ins Leben gerufen worden war als von Johann IV., dessen Finanzdokumente uns Michael Jones auf meisterliche Weise zugänglich gemacht hat.
Anmerkungen:
[1] Michael Jones / Philippe Charon (éds.): Comptes du duché de Bretagne. Les comptes, inventaires et exécution des testaments ducaux, 1262-1352 (= Sources médiévales d'histoire de Bretagne; 7), Rennes: Presses universitaires de Rennes / Société d'histoire et d'archéologie de Bretagne 2017.
[2] Michael Jones (éd.): Recueil des actes de Jean IV, duc de Bretagne, 3 vol., Paris / Rennes: Société d'histoire et d'archéologie de Bretagne 1980-2001.
Michael Jones: Comptes de Jean IV, duc de Bretagne (1364-1399) (= Sources médiévales de l'histoire de Bretagne; 11), Rennes: Presses Universitaires de Rennes 2025, LXII + 873 S., 23 Farb-Abb., ISBN 979-10-413-0334-2, EUR 59,00
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