Die Dissertation von Dorothea Horas thematisiert die Rolle der Naturwissenschaften in der Entwicklung zweier Pädagogischer Hochschulen (PH) - Potsdam in Brandenburg und Halle-Köthen in Sachsen-Anhalt - von der Spätphase der DDR über die Umbruchszeit 1989/90 bis zur Universitätsbildung in Potsdam und der Eingliederung der kleineren PH Halle-Köthen in die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1993. Beide Pädagogischen Hochschulen lösten somit die Frage, wie sie sich nach der staatlichen Vereinigung in das westliche Hochschulsystem einfügen konnten, auf unterschiedliche Weise. Denn außer in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein gab es in der Bundesrepublik keine selbstständigen Pädagogischen Hochschulen. Der schwierige Gründungsprozess der Universität Potsdam führte dazu, dass die Analyse der Entwicklungen dort den größeren Teil der Arbeit einnimmt.
Die Pädagogischen Hochschulen der DDR waren politisch eng mit dem Regime verbunden; dies galt besonders für die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften. Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer erschienen dagegen weniger ideologisch belastet. Diese Lesart wird im vorliegenden Band geprüft. In einer "langen Geschichte der 'Wende'" (Kerstin Brückweh) geht Dorothea Horas der Frage nach, "welche Rolle die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in den 1980er Jahren spielten, wie sie im politischen Systemwandel strukturell und insbesondere personell umgestaltet wurden und welche Einflussmöglichkeiten sich gerade für das hier beschäftigte Personal ergaben" (11).
Die Analyse der politischen Einstellungen an beiden Hochschulen in den 1980er Jahren ergab, dass beide fest in das System einbezogen waren, was nicht überrascht, da Mitgliedschaft in der SED Voraussetzung für eine akademische Karriere war. In dieser Hinsicht gab es keinen Unterschied zwischen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften einerseits und den Naturwissenschaften andererseits. Die Autorin stellt im Hinblick auf Staatsloyalität interessante Statistiken zum persönlichen Werdegang des Führungspersonals an beiden Hochschulen vor: Ende der 1980er Jahre besetzte die noch im Nationalsozialismus sozialisierte Aufbaugeneration entscheidende Positionen an beiden Einrichtungen. Die Zahl der ehemaligen NSDAP-Mitglieder lag an der PH Potsdam deutlich über dem Durchschnitt der übrigen Hochschulen und Universitäten. Diese verhielten sich schon damals aus Karrieregründen politisch konform.
In beiden Hochschulen nahmen Naturwissenschaftler häufiger Führungspositionen ein. Im Laufe ihrer Karriere hatte ein Großteil von ihnen Kontakte zur Staatssicherheit. "An beiden Hochschulen war die SED im Vergleich zur Gesamtgesellschaft deutlich stärker verankert" (131). Gleichwohl gelang es ihnen nach dem Umbruch 1989/90 sich als systemfern dazustellen. Weder in Potsdam noch in Halle beteiligten sich die Hochschulen vor dem Mauerfall an öffentlichen Protesten. Ihre Führungsschichten reagierten hilflos auf den zunehmenden Kontrollverlust von Regierung und Partei, wobei Diskussionsangebote häufig mit Repressionsmaßnahmen einhergingen, so dass Zweifel am Reformwillen der Entscheidungsträger beider Hochschulen berechtigt waren. Veränderungen wurden jedoch unabdingbar: Die Regierung Modrow stellte zum Wintersemester 1989/90 das marxistisch-leninistische Grundstudium, den obligatorischen Sportunterricht sowie das Russisch-Studium ein, wobei Halle-Köthen die Maßnahmen konsequenter als Potsdam umsetzte.
Erste strukturelle Veränderungen kamen in Halle-Köthen mit der Wahl eines neuen Rektors im Mai 1990. In Potsdam stellte der Rektor - seit März 1989 im Amt - im April 1990 die Vertrauensfrage, die er mit 88,33 Prozent der abgegebenen Stimmen gewann. Er blieb noch bis zur Wahl seines Nachfolgers, des Chemikers Rolf Mitzner, im September 1990 im Amt. Ein Zeichen des Neuanfangs war das Ablegen der bisherigen Namen Krupskaja in Halle-Köthen und Karl Liebknecht in Potsdam im Juni 1990. Anfang Oktober 1990 bestätigte Brandenburgs Wissenschaftsminister die Rückkehr der Potsdamer Einrichtung zu ihrem bis 1952 gültigen Namen Brandenburgische Hochschule, als die sie im Juli 1991 in die Universität Potsdam einging.
Langfristig wichtig war die Tatsache, dass erste Reformvorschläge in den Naturwissenschaften in Potsdam während der Umbruchszeit 1989/90 in die Kritik gerieten, da die alten Kräfte weiterhin bestimmend seien. Nach der Universitätsgründung am 15. Juli 1991 übernahm daher ein vom Ministerium eingesetzter, mehrheitlich westdeutscher Gründungssenat die Planungen für die akademischen Strukturen der neuen Hochschule. Gleichzeitig fand die Überprüfung der persönlichen Integrität und der fachlichen Eignung der Professoren und des akademischen Mittelbaus statt.
Die gesetzliche Grundlage hierzu lieferten die inzwischen eingerichteten Landesregierungen, was die unterschiedliche Entwicklung der beiden Hochschulen erklärt. Sachsen-Anhalt war konsequenter bei der Abwicklung politisch kompromittierter Bereiche und Einzelpersonen. Brandenburg ging in der Personalpolitik milder mit alten Parteigenossen um: Man war dem sogenannten Brandenburger Weg, das heißt der Bewahrung von Arbeitsplätzen sowie dem Aufbau einer neuen Institution verpflichtet, für die die Expertise aller gebraucht wurde.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das vorliegende Buch am Beispiel von zwei ostdeutschen Pädagogischen Hochschulen materialreich und detailliert darlegen kann, dass die Mitglieder der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten keineswegs dem politischen System beziehungsweise der SED distanzierter gegenüberstanden als ihre Kollegen in den Geistes- und Sozialwissenschaften.
Die Entscheidung der Autorin, alle Namen der Beteiligten wie auch die der interviewten Personen zu anonymisieren, mit Ausnahme derjenigen, die offizielle Funktionen ausübten, erscheint jedoch diskussionswürdig. Die Begründung, dass es in der Arbeit weniger um eine "Skandalisierung von Einzelpersonen" als vielmehr um Handlungsoptionen ginge, deren Analyse ohne Klarnamen auskomme (27), mutet seltsam an. Die untersuchten Entwicklungen liegen beinahe 40 Jahre zurück. Auch ist Horas bei der Umsetzung ihres Ansatzes nicht konsequent. Es ist nicht einzusehen, dass beispielsweise der Potsdamer Prorektor und Mitglied des Gründungssenats, Gerhard Kempter, der im Aufbauprozess der Universität eine wichtige Rolle spielte, nur abgekürzt erwähnt wird, ein anderes jedoch, weit weniger involviert und noch dazu politisch belastet, mit vollem Namen erscheint (Gernot Badtke). Problematisch wird diese Vorgehensweise bei der Untersuchung der Evaluierungen und Überleitungen der Potsdamer Professoren und Mitarbeiter. Hier war der Verbindungsmann zwischen Ministerium und Universität der vom Gründungssenat ernannte, hoch angesehene Jurist Rolf Grawert, der aus Protest gegen die Handhabung der Überprüfungen von seiner Aufgabe zurücktrat. Er blieb jedoch im Gründungssenat, da im Falle seines Rücktritts ihm die restlichen westdeutschen Mitglieder des Gremiums gefolgt wären und der Gründungsprozess ernsthaft in Gefahr geraten wäre. Hier wäre die volle Namensnennung angebracht gewesen. Die Lektüre hinterlässt somit einen zwiespältigen Eindruck: fundierte sachliche Erkenntnisse bei Schwächen der Präsentation.
Dorothea Horas: Umkämpfte Erneuerung. Brüche und Kontinuitäten im Hochschulumbau Ost (= Kommunismus und Gesellschaft; Bd. 14), Berlin: Ch. Links Verlag 2025, 392 S., ISBN 978-3-96289-245-6, EUR 50,00
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.