Henri de Saint-Simon, Charles Fourier oder Robert Owen werden (wieder) gelesen. Auch wenn sie rasch in den Schatten der ihnen epigonenhaft Nachfolgenden namens Karl Marx und Friedrich Engels gerieten und von diesen mit dem nicht als Kompliment gemeinten Attribut "utopisch" vor die Tür des kanonfähigen Sozialismus gesetzt wurden. Wie aber steht es um Égérie Casaubon, Claire Démar oder Désirée Véret? Sie sind doppelt verschattet: einmal, da sie wie ihre Brüder im Geiste Sozialismus früh, also explorativ und noch nicht auf Klassenkampf enggeführt dachten, und ihr intellektueller Eifer damit zu dessen Vorgeschichte marginalisiert wurde. Und einmal, da sie es als Frauen taten. Caroline Arnis Band setzt diese Schattenfiguren ins Licht. Sie zielt aus deren feministischer Perspektive darauf, den Frühsozialismus insgesamt nicht vom Ende her zu denken, sondern sein reformerisches Potential ernst zu nehmen, und zwar auch und gerade als weibliches Projekt.
Den Kreis der Protagonistinnen führt sie eng auf die Zeitschrift "La Femme libre", die Marie-Reine Guindorf und Désirée Véret 1832 als Reaktion auf die konspirativ-männerbündische Verengung der Saint-Simonisten unter ihrem Père suprême Barthélemy Prosper Enfantin gründeten. Dieser war nach Ménilmontant in eine Wohngemeinschaft ausgezogen und hatte im Zuge dessen die Frauen in Paris zurückgelassen. Ab dem Moment, ab dem sie nicht mehr offiziell Teil dieser Bewegung sein konnten, machten sie sich schreibend selbständig. Die Beitragenden dieses kurzlebigen Periodikums einte der Wille des Gehört-Werdens, als Selbst und Frau: Sie schrieben als Ich und wurden mündig mit der Artikulation des Ich schreibe. Was sie nicht ohne Weiteres einte, waren die in der Zeitschrift veröffentlichten programmatischen Vorschläge.
Diese arrangiert die Verfasserin in Form eines "Gedankenarchipels" (11), was sich aus dem Material selbst ergibt und doch Redundanzen unvermeidbar macht. Denn im Vollzug des Denkens sind Gedanken nicht immer schon so klar konturiert, dass sie sich feinsäuberlich systematisieren ließen. Arni greift daher die Themenschwerpunkte auf, die diese Frauen in ihren Beiträgen diskutierten, auch wenn sie ineinander übergehen und streng genommen kaskadenartig auf das eine hinauslaufen. Neben die unter dem Dach des Sozialismus erwartbaren Themen - Gleichheit und Freiheit - treten auf den ersten Blick zweitrangige, in denen aber der eigentliche soziale Sprengstoff saß: im Namen, in der Liebe, der Natur und vor allem der Mutterschaft, in dem sie alle zusammenfanden.
Für die Protagonistinnen stellten sich die übergeordneten Ziele der Gleichheit und Freiheit zwar für alle Menschen gleichermaßen erstrebenswert, aber eben keineswegs gleichermaßen erreichbar dar. Was ihnen als Frau beides verwehrte, war ein patriarchales System, das ihnen ihr Selbst bereits durch die Übernahme des Namens ihres Ehemannes und die patrilinear organisierte Namensweitergabe an die gemeinsamen Kinder nahm. Die Idee, Frau von einem Mann zu sein, war keine der Bezeichnung allein, sondern machte sie zu dessen Besitz und stellte ihre Unfreiheit auf Dauer. Die Konsequenz der Frühsozialistinnen war ebenso schlicht wie gravierend: Frauen sollten nicht nur die Hoheit über ihren eigenen Namen haben, sondern sie waren es auch, denen das Recht auf Weitergabe ihres Namens an die Kinder zukommen müsse. Schließlich waren sie diejenigen, die diesen Kindern mit ihrer Körper Arbeit zuallererst zum Dasein verhalfen (und dabei nicht selten ihr eigenes Leben riskierten). So ließe sich die zentrale Forderung kondensieren. Frausein verstanden sie primär als gesellschaftlich erwartete, nur bedingt vermeidbare Mutterschaft und das führte sie zu weitreichenden Konsequenzen: Frauen erfüllten im Gebären natürliche Pflichten und verdienten daher auch Rechte. Diese standen aber im Widerspruch zur sozial kodifizierten, patrilinearen Gesellschaftsordnung einerseits und dem verkürzten Begriff der Arbeit andererseits, der als solche nur fasste, was zur ökonomischen Wertschöpfung beitrug, nicht aber, die produktive (und unentlohnte) Arbeit der Gebärenden, die Leben schufen. Hier wurde Mutterschaft als Arbeit und Keim von Unfreiheit, aber auch als Prototyp von Gleichheit per se entworfen. Denn Mütter wollten all ihre Kinder gleichbehandeln, während das Prinzip der Geschwisterlichkeit durch Erbfolgeregeln aus der Gleichheit qua Natur eine Ungleichheit qua Kultur machte. Von Müttern ließ sich also lernen und von ihnen her, von ihrer Arbeit als Ausdruck und im Einklang mit der Natur und ihrem familiär geschulten Gerechtigkeitssinn, ein reformiertes Sozialgefüge entwerfen.
Die diskutierten Themen erwuchsen dabei aus konkreten Erfahrungen eingeschränkter Rechte und Lebensbedingungen in Unfreiheit, die die Einführung des Code Civil 1804 eherechtlich noch verschärft hatte. [1] Sie argumentierten im Namen der Frauen betreffenden Ausbeutungsstrukturen, zielten aber auf allgemeine Gleichheit. Denn wie der Fabrikarbeiter in Unfreiheit lebte, lebten die Frauen in der Ehe unfrei. Mit dem entscheidenden Unterschied nur, dass Mann sich darauf konzentrieren konnte, auf den Proletarier in seinem unfreien Alltag als Fabrikarbeiter zu blicken, während Frau ebendies nicht möglich war und auch der Feierabend in den Blick genommen werden musste, weil zu Hause der Arbeit und Unfreiheit nicht weniger wurden. Diese Feministinnen verglichen sich mit Versklavten, den Arbeiterinnen und Arbeitern und adressierten ihr Anliegen damit auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene, nicht als Partikularinteresse. Sie jedoch wollten "das Proletariat durch die Frauen" (69) befreien - nicht umgekehrt. Die hierfür vorgeschlagenen Lösungen lesen sich zuweilen irritierend oder auch bestechend aktuell, wenn etwa Claire Démar die natürliche Unwucht zwischen den Geschlechtern durch eine Trennung von physiologischer und sozialer Mutterschaft auszugleichen suchte.
Der Lektüregewinn liegt nicht allein darin - obgleich das interessant ist -, mehr über diese durchdachten und zugleich fordernden Positionen zu erfahren. Vielmehr darin, dass dieses Verständnis von Sozialismus dessen in der Rezeption dominierende, implizit männliche Idee zu nuancieren vermag. [2] Diese weibliche Perspektive hilft, politische Abstrakta jeweils von den konkreten Anwendungsbedingungen und ihren Konsequenzen für den und die Einzelne(n) her zu denken. Es sind aus der unmittelbaren (Lebens-)Praxis hervorgegangene Reformvorschläge. Es ist eine politische Theorie von unten. Dies alles stellt Arni in maximal kondensierter Form dar. Aber die Kürze hat auch ihren Wert: indem sie auf diese Weise an keiner Stelle ins Hagiographische zu rutschen droht, sondern aus den disparaten Wortmeldungen und parzellierten Positionen der vorgestellten Protagonistinnen konsequent deren programmatische Leitideen herausschält. So ergibt sich kein konvergentes Bild, aber ein sehr klarer Blick auf die zeitgenössischen Bedürfnisse ihrer Urheberinnen.
"Wir, nicht wir" ist ein kleines, kluges Buch. Es ist präzise formuliert, ja, aufs Wesentliche verdichtet, nüchtern im Ton und nie denunziatorisch, auch und gerade nicht hinsichtlich der klar benannten Widersprüche und Inkonsistenzen der Positionen der Frühsozialistinnen. Sie werden nicht der Irrationalität oder fehlenden Logik überführt, sondern aufmerksam gehört. Gerade das Nachwort ist einsichtsreich, weil Arni hier deutlich macht, dass es ihr nicht darum geht, die Protagonistinnen wieder zu entdecken oder deren zu lange übersehene Wortmeldungen in eine Geschichte des (Früh-)Sozialismus einzuschreiben. Vielmehr geht es ihr darum, uns in unserem Wissen des Danachs, in unserem zuweilen eitlen Emanzipationsverständnis zu überprüfen, unsere Positionen, unser Für-Wahr-Halten und unsere Ethik in ernsthafter Auseinandersetzung mit den frühsozialistischen Vorschlägen in Bewegung zu bringen. Nicht die Frage, was sie uns heute noch zu sagen haben, ist dafür entscheidend, sondern unter Blickumkehrung die Frage danach, was sie schon zu sagen hatten - und wir 200 Jahre lang überhört haben. Hier wird Vergangenes nicht zugerichtet und nutzbar gemacht für ein aus der Geschichte Lernen, sondern die Vielstimmigkeit vergangener Welten in ihrer Widersprüchlichkeit ausgestellt, ohne diese durch den Blick auf das, was folgte oder sich unserer Meinung nach als relevant erwiesen hat, zur Vorgeschichte zu glätten. Den Stimmen, die Arni hier erstmals eigenständig einem deutschsprachigen Lesepublikum vorstellt, ist mehr Gehör zu wünschen - weniger um einer nachholenden Gerechtigkeit als um der kritischen Reflexion unseres eigenen Emanzipationsverständnisses willen.
Anmerkungen:
[1] Hierzu Laila Scheuchs Projekt zur "Regulierung ehelicher Konflikte im linken Rheinland und in Frankreich in der revolutionären und napoleonischen Zeit", das als Monographie erscheinen wird.
[2] Zuletzt etwa durch Edition frühsozialistischer Schriften und deren Relektüre im Kontext der Umwelt- und Klimageschichte Charles Fourier: Détérioration matérielle de la planète, Paris 2022.
Caroline Arni: Wir, nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus (= Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek), Berlin: Wagenbach 2026, 160 S., 6 s/w-Abb., ISBN 978-3-8031-5201-5, EUR 20,00
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.