sehepunkte 26 (2026), Nr. 5

Lars Rensmann: Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter

Obwohl Antisemitismus bis heute diskreditiert ist und sich kaum jemand dazu bekennt, steigen judenfeindliche Straftaten und Handlungen seit Jahren konstant an. Lars Rensmann, Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft an der Universität Passau, konstatiert in seiner Studie eine "Rückkehr des politischen Antisemitismus in Demokratien des 21. Jahrhunderts" (7) sowie ein "Verschwinden des Antisemitismus"(9). Dieses hänge nicht nur mit der Kommunikationslatenz, also der öffentlichen Tabuisierung des Antisemitismus seit dem Holocaust zusammen: Vielfach werde Antisemitismus auf Nationalsozialismus und Massenmord reduziert und bestritten, dass er überhaupt noch existiere; er sei stattdessen allenfalls in der extremen Rechten noch anzutreffen und sogar da zusehends durch Islamophobie verdrängt worden. Das gehe so weit, dass selbst der offene Judenhass einer Organisation wie der Hamas, die für das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust verantwortlich sei, unterschlagen werde.

Ursächlich dafür sei ein fehlendes Verständnis dafür, was Antisemitismus überhaupt ist. Rensmann widmet sich in den ersten beiden Abschnitten daher der Bildung eines tragfähigen Begriffs. Er fasst Antisemitismus als Verschwörungsideologie mit einer Welterklärungs- und Erlösungsfunktion, die die Verantwortung für gesellschaftliche Krisen und Widersprüche auf Jüdinnen und Juden projiziere und - konsequent zu Ende gedacht - auf ihre Vernichtung hinauslaufe. Trotz mancher Überschneidungen mit Rassismus bilde gerade die Imagination des Juden als übermächtige und verschworen im Hintergrund agierende Figur den wesentlichen Unterschied zu rassisch diskriminierten Gruppen, die als unterlegen aufgefasst würden. Daher werde deren Versklavung, Ausbeutung und soziale Diskriminierung anvisiert, nicht jedoch ihre Vernichtung.

Dass ausgerechnet Jüdinnen und Juden in eine solche Rolle gedrängt werden, hänge mit den "langen historischen Wurzeln" des Antisemitismus "als kulturelle Matrix" (20) zusammen. Den entscheidenden Kontext liefere die Industrialisierung, durch die im späten 19. Jahrhundert ein politischer Antisemitismus entstand; die Erfahrung des Holocaust führte zu einer erneuten "Modernisierung" (18) des Antisemitismus, der paradoxerweise durch seine Selbstverleugnung weiterbestand. Rensmann unterscheidet dabei zwischen "drei Artikulationsfelder[n] eines modernisierten Antisemitismus" (22): Israelhass, Holocaustleugnung/-relativierung sowie Verschwörungslegenden, die bisweilen nicht offen, sondern chiffriert gegen Jüdinnen und Juden hetzen würden.

In Hinblick auf den modernen politischen Antisemitismus differenziert der Autor zwischen "sechs besonders relevante[n] Akteursgruppen": rechtsextremen, islamistischen, linksradikalen, "neue Verschwörungsmythiker:innen" wie Querdenken (78) sowie Influencerinnen und Influencern in den sozialen Medien und antisemitische Subkulturen im Rap oder in der Comedy, wobei man noch den National Socialist Black Metal ergänzen könnte. Der empirische Teil der Studie nimmt die ersten drei Akteursgruppen in den Blick. Besonders viel Raum räumt Rensmann dabei der extremen Rechten ein. Insbesondere in camouflierter Form bilde Antisemitismus einen wesentlichen Bestandteil rechtsextremer Ideologie; Globalismus und New World Order seien beliebte Chiffren zur Bezeichnung global vernetzter, finanzstarker, angeblich parasitär lebender Eliten, die manichäisch einem ethnonationalistischen naturwüchsigen Volk gegenübergestellt werden.

Diese moralisierende Dichotomie von gutem Volk und böser Elite bilde den ideologischen Kern des Antisemitismus und werde unter Vermeidung des Ausdrucks Jude von der politischen Rechten reproduziert; dabei werde häufig auf Jüdinnen und Juden angespielt, etwa indem der jüdische Milliardär George Soros ins Zentrum dieser Eliten gerückt wird. Soros und/oder die Eliten würden wie sonst pauschal Jüdinnen und Juden für Krisen verantwortlich gemacht. Die vielfach zur Schau getragene israelfreundliche Haltung sei nur strategischer Natur, da die politische Rechte den jüdischen Staat mit allerlei Projektionen versehe und ihn etwa als "Vorhut eines zivilisatorischen Kampfes gegen 'den Islam'" auffasse.(163) Unerwähnt lässt Rensmann die Rolle Israels für die evangelikal-fundamentalistische Anhängerschaft Trumps, die in der Versammlung aller Jüdinnen und Juden weltweit im jüdischen Staat eine Voraussetzung für das Jüngste Gericht sieht; die Frage stellt sich, inwieweit auch eine solche Ideologie Ausdruck eines spezifisch christlichen politischen Antisemitismus ist.

Chiffrierte Verschwörungsmythen und eine instrumentelle Israelsolidarität prägten auch die Alternative für Deutschland (AfD), für die aber Spezifika gelten würden: Zunächst ein Geschichtsrevisionismus, der das Gedenken an die Shoa zum Zweck der "Rehabilitierung eines ungebrochenen deutschen Nationalstolzes" (181) attackiere. Die Stilisierung der nicht-jüdischen Deutschen zu Opfern der Erinnerungskultur führe zwangsläufig zur Wahrnehmung der Jüdinnen und Juden als "Täter:innen, die böswillig die Erinnerung instrumentalisieren" (182).

Der Iran stellt einen wesentlichen Akteur des islamistischen Antisemitismus. Auch hierbei handele es sich um eine modernisierte Form des Antisemitismus, der aus dem christlich-europäischen Kontext insbesondere durch nationalsozialistische Propaganda in arabischer Sprache importiert worden sei und sich mit einer spezifisch antijüdischen Tradition des vormodernen Islam verbunden habe. Diese habe in Jüdinnen und Juden jedoch keine existenziellen Feinde wie das Christentum gesehen, sondern schlicht eine religiöse Minderheit, weshalb sie sozialer Diskriminierung statt Pogromen ausgesetzt worden sei. Im Unterschied zum Islam wird der Islamismus als eine religiös begründete rechtsextreme politische Ideologie und Bewegung aufgefasst, die erst im 20. Jahrhundert entstanden sei und sich selektiv antijüdischer Stellen des Korans zur Rechtfertigung bedienten habe - obgleich sich darin auch judenfreundlichere Passagen finden würden.

Die Vernichtung Israels stehe auch im Zentrum des linken Antisemitismus. In Gestalt eines personalisierenden Antikapitalismus, der blind gewesen sei für den Charakter der kapitalistischen Gesellschaft als abstraktem, unpersönlichem Herrschaftsverhältnis, sei der Antisemitismus schon im Frühsozialismus ideologischer Bestandteil der politischen Linken gewesen. Seit den 1960er Jahren habe sich Antizionismus jedoch als Identitätsmarker für eine antiimperialistische Linke gebildet, die dabei auf traditionelle Ideologeme des Antisemitismus zurückgegriffen habe: In manichäischer Weise werde einem naturwüchsigen (palästinensischen) Volk der jüdische Staat als imperialistisches Gebilde gegenübergestellt, dessen Lobbys Einfluss, Macht und verschworene Aktivitäten in Europa und Amerika zugesprochen würden; die Befreiung Palästinas von Israel werde als notwendiger Schritt zu einer Befreiung von Imperialismus und Kapitalismus, sogar von anderen Problemen wie der globalen Erwärmung verstanden. In jüngerer Zeit werde dieser leninistisch-antiimperialistische Ideologiekomplex stärker von postkolonialen Ansätzen überformt, die Israel als vermeintlich weißen Kolonialstaat auffassen.

Lars Rensmann legt eine theoretisch wie empirisch fundierte Studie über aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus in politischen Bewegungen vor, die unbedingt zu empfehlen ist. Die Eigengesetzlichkeit des Antisemitismus, die ihn von anderen Ressentiments wie Rassismus unterscheidet, wird besonders stark konturiert. Die unterschiedlichen Bewegungen vom Rechtsextremismus über Islamismus bis hin zu Teilen der radikalen Linken werden unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen historischen Genese sowie ideologischen Überschneidungen und Unterschiede differenziert erfasst. Die Studie liefert damit nicht nur einen entscheidenden Beitrag zu einem besseren Verständnis für den Antisemitismus der Gegenwart, sondern auch für seine historische Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit in verschiedenen sozialen Kontexten.

Rezension über:

Lars Rensmann: Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts (= Interdisziplinäre Antisemitismusforschung; Bd. 19), Baden-Baden: NOMOS 2025, 301 S., ISBN 978-3-8487-3295-1, EUR 39,00

Rezension von:
Andreas Rentz
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Rentz: Rezension von: Lars Rensmann: Politischer Antisemitismus im postfaktischen Zeitalter. Formen und Ursachen in Demokratien des 21. Jahrhunderts, Baden-Baden: NOMOS 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/05/41060.html


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