Wer sich mit der Geschichte des Konservatismus und der Neuen Rechten in der Bundesrepublik beschäftigt, stößt immer wieder auf den Namen Caspar von Schrenck-Notzing. Eine wissenschaftliche Biografie des 1927 in München in eine alteingesessene Patrizierfamilie geborenen und 2009 dort verstorbenen Publizisten, bekannt vor allem als Herausgeber der 1970 gegründeten Zeitschrift Criticón, war bisher jedoch ein Desiderat. Diese Lücke möchte Alexander Eiber mit seiner Untersuchung schließen, die an der Universität Passau als geschichtswissenschaftliche Dissertation angenommenen worden ist. Sie ist allerdings nicht in einem Wissenschaftsverlag erschienen, sondern bei Karolinger, wo man sich darum bemüht, das geistige Erbe der europäischen Konterrevolution und Reaktion zu bewahren.
Bei der Lektüre des Buches wird schnell deutlich, dass es dort am rechten Ort ist. Dem Verfasser geht es nämlich zuvörderst darum, kritische Stimmen zu widerlegen, die dem Criticón-Herausgeber die Rolle eines Brückenbauers zwischen Konservatismus und radikaler Rechter zuschreiben. Schrenck-Notzing sei vielmehr ein "genuiner Konservativer [...] ohne jeglichen Anflug brauner Flecken" (295 f.) gewesen, wie Eiber den Journalisten Ansgar Graw zustimmend zitiert. Das dürfte auch im Sinne seines Doktorvaters Hans-Christof Kraus sein, der als Zeitzeuge ebenso wie als Protagonist der Untersuchung auftritt, war er doch seit Mitte der 1980er Jahre Criticón-Autor und später an weiteren publizistischen Projekten Schrenck-Notzings beteiligt.
Akribische Quellenarbeit kann der Untersuchung nicht abgesprochen werden: Eiber ist den Spuren Schrenck-Notzings in zahlreichen Archiven nachgegangen, unter anderem in den Privatarchiven von Weggefährten wie Kraus oder Karlheinz Weißmann, einem führenden Vertreter des sich bürgerlich gebenden Studienratsflügels der Neuen Rechten. Zudem hatte er als erster Zugang zu Schrenck-Notzings Privatnachlass. Das Literaturverzeichnis hingegen besticht durch die fast vollständige Abwesenheit der einschlägigen Forschungsliteratur zur Geschichte des Konservatismus in der Bundesrepublik. Man kann nur spekulieren, ob es sich dabei schlicht um eine - für eine Dissertation allerdings frappierende - Nachlässigkeit handelt oder um ein subtiles Statement im Geiste Schrenck-Notzings, für den die wissenschaftliche Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik nur ein Organ des liberalen Umerziehungsbetriebs darstellte.
Die Untersuchung gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil breitet zunächst die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichende Familienchronik der Schrencks aus, um sich sodann mit viel Liebe zum privaten Detail mit Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenendasein Schrenck-Notzings zu befassen, der dank des Familienvermögens frei von der Sorge um ein berufliches Auskommen war. Nach einem nicht abgeschlossenen Studium der Geschichte und Philosophie engagierte sich Schrenck-Notzing in den 1950er Jahren zunächst in politisierenden Privatzirkeln wie der Münchner "Tafelrunde", einem konservativ-elitären Herrenclub, den der ehemalige SS-Obersturmbannführer Franz Riedweg 1952 ins Leben gerufen hatte. Riedweg vermittelte auch den Kontakt zu Armin Mohler, dem Chef-Apologeten der "Konservativen Revolution" der Weimarer Republik und Vordenker der Neuen Rechten, mit dem Schrenck-Notzing eine jahrzehntelange persönliche und politische Freundschaft verbinden sollte.
Der zweite, historiografisch ergiebigste Teil behandelt Schrenck-Notzings Wirken als politischer Publizist, Mäzen und Netzwerker, das in den 1960er Jahren einsetzte. Hier verdichtet sich das Bild eines umtriebigen, politisch heimatlosen Rechtsintellektuellen, der mental nie in der Bundesrepublik ankam und zeitlebens von einer schlagkräftigen Sammlung konservativer Kräfte nach dem Vorbild der Think Tanks und Lobbyorganisationen der US-amerikanischen Rechten träumte. Dass entsprechende Initiativen in der Bundesrepublik ein Nischendasein fristeten, führte Schrenck-Notzing wiederum auf die vermeintliche Gesinnungskontrolle einer nations- und volksfeindlichen liberalen Elite in Politik und Medien zurück, die die Umerziehungspolitik der amerikanischen Besatzer fortführe.
Dass Schrenck-Notzing strategisch in erster Linie auf metapolitischen Kulturkampf setzte, hing mit seiner Distanz zum Parteiwesen zusammen. Mit dem Criticón sprach er zwar auch den rechten Rand der Union an, doch galt ihm die CDU niemals als konservativ; gegen Helmut Kohl hegte er gar einen regelrechten Hass, weil er ihm Verrat am Projekt einer konservativen "Wende" und den Ausverkauf deutscher Souveränität an Brüssel vorwarf. Zur CSU pflegte er gewisse Verbindungen, doch die Hoffnung, Franz Josef Strauß werde eine eigenständige, bundesweit aufgestellte Partei rechts von der CDU ins Leben rufen, blieb unerfüllt. Auch Kontakte zur extremen Rechten scheute Schrenck-Notzing nicht: So war er 1964/65 anderthalb Jahre lang Mitarbeiter der Deutschen Nationalzeitung Gerhard Freys, und 1966 nahm er zusammen mit Armin Mohler an einer außenpolitischen Klausurtagung der NPD teil. Für Eiber, der hier tatsächlich neue Erkenntnisse präsentiert, sind das jedoch nur unerklärliche Verirrungen, die keine Rückschlüsse auf Schrenck-Notzings Überzeugungen zulassen.
Dessen erfolgreichstes und langlebigstes Projekt Criticón wiederum wird auf weniger als zwölf Seiten abgehandelt. Das liegt vor allem daran, dass Eiber jeder inhaltlichen Auseinandersetzung mit der fast drei Jahrzehnte lang von Schrenck-Notzing herausgegebenen Zeitschrift aus dem Weg geht - so erspart er es sich auch, auf jene Beiträge einzugehen, die, von der "Konservativen Revolution" inspiriert, zur Rettung der Nation auch die Abwicklung der liberalen Demokratie in Betracht zogen. Stattdessen begnügt sich der Autor mit dem lapidaren Euphemismus, Schrenck-Notzing habe Criticón für "das gesamte gemäßigte rechte Spektrum" (117) geöffnet.
Immerhin erhält man einen kleinen Einblick in das Milieu der Leserschaft, wenn Eiber die Aktivitäten der um Criticón herum gegründeten Jugendkreise beschreibt, die sich auf Burschenschaftshäusern zur Lektüre von Friedrich Nietzsche, Oswald Spengler, Carl Schmitt, Arnold Gehlen, Konrad Lorenz und Alain de Benoist trafen oder einem Vortrag von Hans-Dietrich Sander lauschten, der sich ein Viertes Reich erträumte. Letzteres erfährt man bei Eiber freilich nicht, wie er auch sonst kaum ein Wort über die Ideen selbst enger Mitstreiter Schrenck-Notzings wie Armin Mohler, Gerd-Klaus Kaltenbrunner oder Erik von Kuehnelt-Leddihn verliert. Schrenck-Notzing selbst hat sich ungern auf theoretische Debatten über den Konservatismus eingelassen, denn Strategie und Sammlung waren ihm wichtiger als ideologische Grundsatzfragen, die für ihn stets die Gefahr der Spaltung mit sich brachten. Deutlich wird aber, dass Konservatismus für Schrenck-Notzing nichts mit der Bewahrung des Bestehenden zu tun hatte, sondern den fortgesetzten Kampf im geistigen "Weltbürgerkrieg" gegen die Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution bedeutete, der thematisch situativ nach den historischen Umständen auszurichten war.
Insofern ist es folgerichtig, wenn Eiber im abschließenden dritten Teil seiner Untersuchung, der bezeichnenderweise mit "Anleitung zum politischen Denken" betitelt ist, Schrenck-Notzings Denken anhand von "Zentralbegriffen" seiner Publizistik illustriert, die ausnahmslos der gegenwartsbezogenen konservativen Feindbestimmung dienten: Es ging gegen die liberale "Umerziehung" und ihr Vehikel "Vergangenheitsbewältigung", gegen die linke "Kulturrevolution" in der Folge von 1968 und ihr Projekt gesellschaftlicher "Demokratisierung", gegen die vom politischen Gegner manipulierte "Medienöffentlichkeit" und das Machtkartell des "Parteienstaats".
Man kann Eiber in dem Urteil folgen, dass Caspar von Schrenck-Notzings Bedeutung für den Konservatismus in der Bundesrepublik vornehmlich in der Rolle "des Netzwerkers und Organisators eines Milieus" (295) zu sehen ist. Zugleich liest sich seine Dissertation, die jede kritische Distanz zum Untersuchungsgegenstand vermissen lässt, wie ein Erinnerungsbuch für ebendieses Milieu, das sich parteipolitisch inzwischen wohl am ehesten von der AfD repräsentiert fühlen dürfte. Als Materialsammlung zu biografischen Details und zum politisch-publizistischen Netzwerk Schrenck-Notzings hat sie aber ihren Nutzen.
Alexander Eiber: Caspar von Schrenck-Notzing. Konservatives Leben und Denken in Deutschland nach 1945, Wien: Karolinger Verlag 2025, 440 S., Zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-3-85418-227-6, EUR 38,00
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