sehepunkte 26 (2026), Nr. 5

Claudia Varella / Manuel Barcia Paz: Wage-Earning Slaves

Claudia Varella und Manuel Barcia untersuchen die Geschichte der sogenannten coartación im Kuba des 19. Jahrhunderts. Unter coartación verstand man ein System des schrittweisen Selbstfreikaufs von Versklavten. Ein Sklave oder eine Sklavin konnte einen Teil des eigenen Marktwertes an den Besitzer zahlen und erhielt dadurch einen Zwischenstatus zwischen Versklavung und Freiheit. Das Buch zeigt jedoch, dass dieses System weit weniger human oder erfolgreich war, als frühere Forschungen häufig annahmen. Statt ein klarer Weg in die Freiheit zu sein, entwickelte sich die coartación zu einem widersprüchlichen, konfliktreichen und oft ausbeuterischen Instrument innerhalb der kubanischen Sklavenordnung.

Die Autoren setzen sich zunächst mit der historischen Bedeutung des Begriffs auseinander. In Spanien und seinen Kolonien existierte schon seit der frühen Neuzeit die Möglichkeit, dass Versklavte sich freikaufen konnten. Im Kuba des 19. Jahrhunderts wurde diese Praxis jedoch institutionell geregelt. Besonders wichtig war das sogenannte "Schwarze Gesetzbuch" (Código Negro) von 1842 beziehungsweise 1843, das festlegte, dass ein Sklave nach einer ersten Zahlung - häufig fünfzig Pesos - als coartado gelten konnte. Damit erhielt er gewisse Rechte: Sein Preis durfte nicht beliebig erhöht werden, er konnte theoretisch einen neuen Besitzer suchen, und er durfte unter bestimmten Bedingungen Lohnarbeit verrichten. Dennoch blieb er Eigentum seines Besitzers.

Der zentrale Gedanke des Buches lautet, dass die coartación keineswegs automatisch zur Freiheit führte. Die ältere Historiografie hatte häufig angenommen, dass Teilzahlungen früher oder später in der vollständigen Manumission endeten. Varella und Barcia widersprechen dieser Sicht entschieden. Sie argumentieren, dass die meisten coartados in einem dauerhaften Zwischenzustand gefangen blieben. Besitzer erhöhten Preise willkürlich, verzögerten Verfahren, unterschlugen Dokumente oder verhinderten den Besitzerwechsel. Die Autoren sprechen deshalb von "ineffektiver coartación". Das System erzeugte Hoffnungen auf Freiheit, ohne diese zuverlässig einzulösen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die ökonomische Funktion der coartación. Das System war nicht nur eine Form begrenzter Emanzipation, sondern auch ein Mittel zur Steigerung der Produktivität. Coartados arbeiteten häufig gegen Lohn, insbesondere in Städten. Ein Teil ihres Einkommens floss an den Besitzer, ein anderer sollte theoretisch für den Freikauf verwendet werden. Für die Besitzer war dies attraktiv, weil sie weiterhin Kontrolle über die Arbeitskraft behielten und zugleich zusätzliche Einnahmen erzielten. Die Hoffnung auf Freiheit motivierte die Versklavten zu intensiver Arbeit und Disziplin. Die Autoren argumentieren daher, dass coartación nicht außerhalb der Sklaverei stand, sondern ihre wirtschaftliche Logik stärkte.

Besonders ausführlich wird von Varella und Barcia die urbane Sklaverei analysiert. Die Mehrheit der coartados lebte in Städten wie Havanna oder Santiago de Cuba. Dort gab es mehr Möglichkeiten, Lohnarbeit zu verrichten, Prozesse anzustrengen oder Kontakte zu Behörden zu knüpfen. Viele coartados arbeiteten als Dienstboten, Wäscherinnen, Handwerker oder Mietarbeiter. Gleichzeitig entstand ein komplexer Mietmarkt für versklavte Arbeitskräfte. Besitzer vermieteten ihre Sklaven an Dritte oder zwangen sie, selbst Arbeit zu suchen und einen festen Betrag abzuliefern. Dadurch entstanden halbautonome Arbeitsformen, die auf den ersten Blick wie freie Arbeit wirkten, tatsächlich aber weiterhin auf Zwang beruhten. Die beiden Autoren zeigen außerdem, dass der urbane Mietmarkt eng mit Korruption und bürokratischem Chaos verbunden war. Dokumente über Teilzahlungen verschwanden, Verkäufe wurden nicht registriert, und coartados wurden unter falschen Namen verkauft. Viele Besitzer vermieden bewusst offizielle Eintragungen, um Steuern zu sparen oder den Selbstfreikauf zu sabotieren. Dadurch verloren zahlreiche Versklavte ihre Ansprüche oder mussten ihre Verfahren immer wieder neu beginnen. Die Rechtslage blieb unsicher und abhängig von persönlichen Beziehungen.

Ein wichtiges Kapitel ist den síndicos gewidmet, also Beamten beziehungsweise Ombudsmännern, die Versklavte vor Gericht vertreten sollten. Diese Institution sollte theoretisch die Rechte der Sklaven schützen und Konflikte zwischen Besitzern und coartados schlichten. In der Praxis waren die síndicos jedoch oft überlastet, schlecht bezahlt und korruptionsanfällig. Manche verteidigten tatsächlich die Interessen der Sklaven, andere arbeiteten eng mit Plantagenbesitzern zusammen. Prozesse verzögerten sich oft über Jahre. Dennoch eröffneten die sindicaturas den Versklavten erstmals einen gewissen Zugang zum kolonialen Rechtssystem. Varella und Barcia betonen, dass coartados keineswegs passive Opfer waren. Viele nutzten juristische Möglichkeiten aktiv aus. Sie reichten Beschwerden ein, verlangten Neubewertungen ihres Marktwertes oder suchten neue Käufer. Manche argumentierten geschickt mit den "wohlwollenden Gesetzen" der Krone. Besonders eindrucksvoll ist der Fall der Sklavin Bárbara Criolla, die sich gegen eine drastische Erhöhung ihres Wertes wehrte und lieber vollständig versklavt bleiben wollte, als eine unrealistisch hohe coartación zu akzeptieren. Der Fall zeigt, wie Besitzer das System manipulierten, indem sie Preise künstlich erhöhten, um die Freilassung zu verhindern.

Ein weiteres spannendes Thema der Studie ist die Verbindung zwischen coartación und staatlicher Kontrolle. Mit der Zeit griff der koloniale Staat stärker in die Beziehungen zwischen Besitzern und Sklaven ein. Die Registrierung von coartados, die Kontrolle über Mietarbeit und die Arbeit der sindicaturas sollten einerseits Konflikte regulieren, andererseits aber auch die Sklavenordnung stabilisieren. Besonders in den 1860er und 1870er Jahren intensivierte die spanische Kolonialregierung ihre Eingriffe. Hintergrund waren die Krise des Plantagensystems, die Abschaffung der Sklaverei in anderen Regionen Amerikas und der kubanische Unabhängigkeitskrieg.

Das Buch zeigt zudem, dass die ländliche Sklaverei anders funktionierte als die urbane. Auf Zuckerplantagen war die Kontrolle der Besitzer wesentlich stärker. Coartados hatten dort weniger Bewegungsfreiheit und kaum Zugang zu Gerichten. Während urbane Sklaven manchmal Arbeit selbst organisieren konnten, blieb die Plantagensklaverei stärker von direkter Gewalt geprägt. Viele Besitzer versuchten bewusst zu verhindern, dass sich die Praxis der coartación auf die Zuckerregionen ausweitete, weil sie dort Arbeitskräftemangel und Kontrollverlust fürchteten.

Im abschließenden Teil des Buches analysieren Varella und Barcia die letzten Jahrzehnte der Sklaverei in Kuba. Mit dem Beginn der schrittweisen Abschaffung der Sklaverei ab 1870 entstanden neue Institutionen wie die Juntas Protectoras de Libertos und später das Patronato-System. Formal wurden viele Sklaven in "Schutzbefohlene" oder "Vertragsarbeiter" umgewandelt. Tatsächlich blieb die Arbeitsdisziplin jedoch weitgehend erhalten. Die Autoren interpretieren das Patronato als Übergangsform zwischen Sklaverei und freier Arbeit. Coartación wurde nun stärker staatlich organisiert und diente dazu, den Übergang kontrolliert zu gestalten, ohne die wirtschaftlichen Interessen der Plantagenbesitzer abrupt zu zerstören.

Besonders wichtig ist die These, dass die spanische Kolonialverwaltung die Abschaffung der Sklaverei nicht primär aus humanitären Gründen betrieb, sondern aus politischen und ökonomischen Motiven. Spanien wollte einen offenen Konflikt mit den kreolischen Eliten vermeiden und gleichzeitig die Kontrolle über Kuba behalten. Deshalb zog sich die Abschaffung über Jahrzehnte hin. Erst 1880 wurde die Sklaverei formal beendet, wobei ehemalige Sklaven noch mehrere Jahre unter patronato-ähnlichen Arbeitsverhältnissen standen.

Insgesamt verstehen Varella und Barcia coartación als widersprüchliche Institution. Einerseits eröffnete sie manchen Versklavten reale Handlungsspielräume und juristische Möglichkeiten, andererseits stabilisierte sie die Sklaverei, indem sie Hoffnungen auf Freiheit kontrollierbar machte und ökonomisch nutzbar hielt. Die coartados bewegten sich dauerhaft in einem unsicheren Zwischenraum zwischen Eigentum und Person, Zwangsarbeit und Lohnarbeit, Unfreiheit und Freiheit. Genau diese Ambivalenz macht nach Ansicht der beiden Autoren die Besonderheit der kubanischen Sklaverei im 19. Jahrhundert aus.

Rezension über:

Claudia Varella / Manuel Barcia Paz: Wage-Earning Slaves. Coartación in Nineteenth-Century Cuba, Gainesville, FL: University of Florida Press 2020, xvi + 217 S., ISBN 978-1-68340-165-0, USD 85,00

Rezension von:
Stephan Conermann
Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Claudia Varella / Manuel Barcia Paz: Wage-Earning Slaves. Coartación in Nineteenth-Century Cuba, Gainesville, FL: University of Florida Press 2020, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/05/41232.html


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