Der von Richard B. Allen herausgegebene Sammelband untersucht die Geschichte der Sklaverei, der Zwangsarbeit und abhängiger Arbeitsverhältnisse in Asien über einen langen Zeitraum hinweg. Er basiert auf einer internationalen Konferenz ("Slavery and Forced Labour in Asia, c. 1250-c. 1900: Continuities and Transformations in Comparative Perspective" organized by the Leiden Slavery Studies Association (LSSA) from 1-3 June 2017) und verfolgt das Ziel, Asien stärker in die globale Sklavereiforschung einzubeziehen. Ein zentrales Anliegen der Einleitung ist dabei die Kritik an der sogenannten "Tyrannei des Atlantiks". Die Forschung zur Sklaverei konzentrierte sich lange auf Afrika und die Amerikas, während Asien vergleichsweise wenig beachtet wurde. Diese Vernachlässigung liege, so Allen, unter anderem an der schwierigen Quellenlage, sprachlichen Barrieren, fragmentierten Archiven sowie ideologischen Vorbehalten innerhalb asiatischer Geschichtsschreibungen, in denen die Existenz von Sklaverei teilweise relativiert oder marginalisiert wird. Ein weiteres zentrales Problem sei die Definition von "Sklaverei". Europäische und amerikanische Konzepte griffen für Asien oft zu kurz, da dort vielfältige Formen von starken asymmetrischen Abhängigkeiten existierten, bei denen nicht klar zwischen "frei" und "unfrei" unterschieden werden könne. Stattdessen betonten neuere Ansätze die Bedeutung sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Abhängigkeitsverhältnisse. Schuldknechtschaft (debt bondage) habe dabei eine besonders wichtige Rolle gespielt, da sie viele Formen der Unfreiheit strukturell prägte - sowohl historisch als auch in der Gegenwart. Regional betrachtet zeige sich, so Allen weiter, bisher ein Ungleichgewicht in der Forschung: Besonders gut untersucht seien Indonesien und Teile Indiens, während andere Regionen wie Zentralasien, Indochina oder Ostasien vergleichsweise wenig erforscht seien. In China, Japan und Korea würden sich Studien oft auf spezifische Themen konzentrieren, etwa Konkubinat oder bestimmte soziale Gruppen, statt auf umfassende Analysen der Sklaverei.
Richard Allen ist es gelungen, für seinen Band 15 Forscher*innen zu gewinnen, die mit ihren konzeptionellen Überlegungen (Anthony Reid, Jessica Hinchy, Shawna Herzog, Jeff Fynn-Paul) und ihren Fallstudien den Raum "Asien" zumindest einigermaßen abdecken. Für Ostasien sind dies Don J. Wyatt ("Slavery and the Mongol Empire", 111-130), Harriet T. Zurndorfer ["Economic, Social, and Legal Aspects of Slavery and Indentured Labor in Late Ming China (1550-1645): What the Huizhou Documents Tell Us", 131-149], Claude Chevaleyre ("Human Trafficking in Late Imperial China", 150-177), Christopher Lovins ("Korea: A Slave Society", 178-200) und Bonny Ling ("The Abolition of Slavery, Constitutional Reforms, and Modernity in Late Qing China" 201-228). Die Verflechtungen zwischen starken asymmetrischen Abhängigkeiten und europäischem Kolonialismus in Asien behandeln dann anhand von ausgewählten Fallbeispielen Michael D. Bennett ("Slaves, Weavers, and the Peopling of East India Company Colonies, 1660-1730", 229-255), Stephanie Mawson ("Slavery, Conflict, and Empire in the Seventeenth-Century Philippines", 256-283), James Francis Warren ("Pearling and Slavery in the Sulu Zone, 1882-1884: The Letters and Diary of Thomas Henry Haynes", 284-301), Hans Hägerdal ("Slavery through Missionary Lenses: Timor in the Nineteenth Century", 302-320) sowie Rachel Kurian und Kumari Jayawardena ("Indebtedness, Socio-cultural Hierarchies, and Unfree Labor on Nineteenth-Century Ceylonese Plantations", 321-342).
Insgesamt zeigen die behandelten Fälle, dass Sklaverei in Asien äußerst vielfältig war und sich je nach Region stark unterschied. Es gab keine einheitliche Form, sondern zahlreiche Varianten, die von Haus- und Hofsklaverei über militärische Nutzung bis hin zu komplexen Systemen von Schuldenabhängigkeit reichten. Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass diese Systeme dynamisch waren und sich im Laufe der Zeit wandelten. Ein Schwerpunkt der Studien liegt auf der Rolle von Geschlecht. Frauen stellten in vielen asiatischen Kontexten einen erheblichen Anteil der versklavten Bevölkerung dar. Dennoch wurde ihre Rolle lange unterschätzt. Neuere Untersuchungen haben darauf hingewiesen, dass Geschlecht und Sexualität entscheidend für die Erfahrungen von Versklavten waren. Auch Kinder wurden häufig Opfer von Versklavung, sind jedoch in der Forschung bislang unterrepräsentiert. Die Beiträge beleuchten zudem die enge Verbindung zwischen Staat, Gesellschaft und Sklaverei. Im Mongolischen Reich etwa wurden versklavte Menschen gezielt für militärische und wirtschaftliche Zwecke eingesetzt. In China zeigen lokale Dokumente, wie Sklaverei rechtlich geregelt und wirtschaftlich integriert war. In Korea wiederum war ein erheblicher Teil der Bevölkerung versklavt, was die Frage aufwirft, ob es sich um eine "Sklavengesellschaft" handelte. Auch die Abschaffung der Sklaverei wird thematisiert. Anders als im atlantischen Raum ist sie in Asien weniger erforscht. In China etwa war die Abschaffung eng mit Modernisierungsbestrebungen und dem Versuch verbunden, sich gegen europäischen Imperialismus zu behaupten. Insgesamt zeigt sich, dass abolitionistische Bewegungen in Asien andere Dynamiken hatten als im Westen.
Ein bedeutender Einschnitt war die europäische Expansion ab dem 16. Jahrhundert. Die Aktivitäten europäischer Handelskompanien, insbesondere der Niederländischen und der Britischen Ostindienkompanie, beeinflussten bestehende Arbeits- und Sklavereisysteme erheblich. Sie steigerten die Nachfrage nach Arbeitskräften, förderten den Sklavenhandel und trugen zur Entwicklung neuer Formen von Zwangsarbeit bei, etwa der indenturierten Arbeit nach der Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire. Die Aufsätze zeigen auch, dass lokale Akteure aktiv auf koloniale Einflüsse reagierten. Auf den Philippinen beispielsweise nutzten indigene Gruppen Sklavenraub als Mittel des Widerstands gegen die spanische Kolonialmacht. In anderen Regionen zeigen Missionsberichte und Tagebücher neue Perspektiven auf Sklaverei und ihre Wahrnehmung. Ein wichtiger, aber im Band nur begrenzt behandelter Aspekt ist der Sklavenhandel selbst. Dennoch wird betont, dass Asien Teil eines globalen Systems war. Neben dem transatlantischen Handel existierten bedeutende Handelsnetzwerke im Indischen Ozean, im Mittelmeerraum und innerhalb Asiens. Diese waren oft multidirektional und umfassten eine große Vielfalt an ethnischen Gruppen. Schätzungen zeigen, dass Millionen von Menschen innerhalb Asiens oder aus Afrika nach Asien verschleppt wurden. Europäische Mächte waren ebenfalls daran beteiligt und transportierten Hunderttausende von Sklaven innerhalb des Indischen Ozeans. Zudem gab es Verbindungen zu anderen globalen Arbeitsmigrationen, etwa dem Transport von Vertragsarbeitern und Sträflingen.
Insgesamt plädiert das Werk für eine globalere Perspektive auf Sklaverei, die regionale Unterschiede berücksichtigt, aber auch Verbindungen zwischen verschiedenen Weltregionen sichtbar macht. Es fordert dazu auf, starre Kategorien zu hinterfragen und die Vielfalt von Abhängigkeitsverhältnissen ernst zu nehmen. Die zentrale Erkenntnis lautet, dass Sklaverei in Asien weder marginal noch homogen war, sondern ein komplexes, dynamisches und integrales Element vieler Gesellschaften darstellte. Dem kann nach der Lektüre des Bandes nur zugestimmt werden.
Richard B. Allen (ed.): Slavery and Bonded Labor in Asia, 1250-1900 (= Studies in Global Slavery; Vol. 10), Leiden / Boston: Brill 2022, xv + 432 S., ISBN 978-90-04-46964-8, EUR 191,53
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.