sehepunkte 26 (2026), Nr. 5

Randy M. Browne: The Driver's Story

In seiner Studie greift Randy M. Browne, ein Historiker von der jesuitischen Xavier University in Cincinnati, Ohio, ein Thema auf, mit dem er sich bereits in seinem ersten Buch Surviving Slavery in the British Caribbean (Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 2017) in einem Kapitel beschäftigt hat. Gemeint ist die Funktion und die Welt der Aufseher (und Aufseherinnen!) auf den Plantagen, die im damaligen Sprachgebrauch als drivers (also eher "Antreiber*innen") bezeichnet wurden. Dabei handelt es sich um versklavte Menschen, die von Plantagenbesitzern (und einigen wenigen Plantagenbesitzerinnen) eingesetzt wurden, um andere Versklavte zu überwachen, Arbeitsabläufe zu organisieren und Produktionserwartungen durchzusetzen. Wie in anderen Lagersystemen wurde seit dem 17. Jahrhundert an vielen Orten der Karibik zur besseren Beaufsichtigung und Optimierung der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ein ausgeklügeltes System indirekter Kontrolle durch privilegierte versklavte Personen etabliert. Dies war aufgrund der kleinen Zahl europäischer Plantagenbesitzer*innen und Vorarbeiter*innen und vor dem Hintergrund einer sich in schnellem Tempo vergrößernden Plantagenwirtschaft notwendig geworden. Die Aufseher*innen hatten dabei, wie man sich leicht vorstellen kann, permanent moralische und soziale Konflikte auszuhalten. Sie mussten Gewalt ausüben, um zu überleben, zumal sie ständig unter großem Druck standen. Ihre privilegierte Position konnte ihnen jederzeit entzogen werden. Darüber hinaus wurden sie hart bestraft, wenn sie die Erwartungen der Plantagenbesitzer*innen nicht erfüllten. Gleichzeitig waren sie innerhalb der versklavten Gemeinschaft Isolation, Misstrauen oder Rache ausgesetzt.

Das erste Kapitel ist der Entstehung und Geschichte dieses brutalen Kontrollsystems auf den Zuckerplantagen der Karibik und später in den Amerikas gewidmet. ("The Driving System", 16-39) Die Aufseher*innen wurden meist aus erfahrenen oder körperlich starken Versklavten ausgewählt. Wichtig war außerdem, dass sie organisatorische Fähigkeiten besaßen oder bereits eine gewisse Autorität innerhalb der Gemeinschaft hatten. Die Plantagenbesitzer*innen versuchten gezielt, Personen auszuwählen, die sowohl Respekt als auch Angst erzeugen konnten. Letzten Endes ging es immer um eine Effizienzsteigerung zur Maximierung der Produktivität auf den Plantagen.

Der Alltag der Aufseher*innen steht dann im Mittelpunkt des nächsten Abschnittes. ("Driving", 39-55) Anschaulich werden die knallharten Arbeitsbedingungen insbesondere auf den Zuckerplantagen geschildert. Die Aufseher*innen waren häufig gezwungen, körperliche Bestrafungen anzuwenden. Allerdings sind auch zahlreiche Fälle bekannt, in denen sie versuchten, Gewalt möglichst einzuhegen und kleinere Regelverstöße zu ignorieren. Darüber hinaus bemühten sich einige von ihnen, zwischen den Versklavten und den Plantagenbesitzer*innen zu vermitteln und etwa bessere Essensrationen oder Ruhezeiten auszuhandeln. Browne gibt ferner zahlreiche Beispiele für verschiedene Formen niedrigschwelligen Widerstands. Aufseher*innen, so entnehmen wir es den Quellen, sabotierten Werkzeuge, manipulierten Arbeitsberichte oder halfen heimlich anderen Versklavten auf die eine oder andere Art und Weise.

Das dritte Kapitel ("Big Men", 66-88) ist sehr interessant, denn es handelt von der sozialen Stellung der Aufseher*innen innerhalb der Gemeinschaft der Versklavten. Als Familienväter, religiöse Führer oder Vermittler zwischen verschiedenen afrikanischen Gruppen fungierten sie als wichtige lokale Autoritäten. In diesem Zusammenhang führt Browne den Begriff "Big Men" ein, der in verschiedenen tribalen Gesellschaften Westafrikas bis heute Männer bezeichnen, denen aufgrund ihres Einflusses und ihrer Verbindungen große Autorität vor allem als Mediator zugeschrieben wird. Die Aufseher*innen ähnelten, so der Autor, diesen Personen und übernahmen auf den Plantagen eine ähnliche Rolle. Allerdings lässt die Bezeichnung "Big Man" die Erfahrungen von Frauen außer Acht. Wie Browne einräumt, könnte bis zu jeder vierte driver in der Karibik eine Frau gewesen sein. Häufig setzten karibische Sklavenhalter*innen nämlich ältere Frauen, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit bereits überschritten hatten, in der Landwirtschaft ein, um die Arbeit der sogenannten zweiten Gruppe ("second gang"), zu der ältere Arbeiter, Menschen mit Behinderungen und Kinder im Alter von sechs bis vierzehn Jahren gehörten, zu beaufsichtigen.

Das Androhen und Ausüben von Gewalt bildeten einen zentralen Baustein des Systems. (Chapter 4: "Unbounded Authority," 89-113) Browne argumentiert, dass das System absichtlich so aufgebaut war, dass moralische Verantwortungen verwischt wurden. Plantagenbesitzer*innen delegierten Gewalt an die Aufseher*innen und konnten sich dadurch selbst als "zivilisiert" darstellen. Die tatsächliche Brutalität wurde an versklavte Menschen ausgelagert. Das Kapitel zeigt zahlreiche Beispiele körperlicher Bestrafungen und unverhohlener Einschüchterungen, wobei die Aufseher*innen natürlich stets auch selbst Opfer permanenter Gewalt waren.

In dem letzten Kapitel ("Rebellion", 113-140) beschäftigt sich Browne mit Praktiken des Widerstands. Die Aufseher*innen spielten dabei eine besonders ambivalente Rolle, da manche aktiv das Plantagensystem verteidigten und andere heimlich Rebellionen unterstützten oder sich sogar offen an ihnen beteiligten. Widerstand konnte sich auf mannigfaltige Weise zeigen. Auch langsames Arbeiten, Sabotage, Krankheitsvortäuschung oder heimliche Solidarität gehörten dazu.

Am Ende des Buches zieht Browne eine Verbindung zwischen der Geschichte der Aufseher*innen und modernen Arbeitswelten. Er argumentiert, dass viele heutige Formen betrieblicher Kontrolle historische Wurzeln in der Plantagenwirtschaft besitzen. Hierarchien, Leistungsdruck, Überwachung und die Delegation von Verantwortung an Zwischenebenen seien keine rein modernen Entwicklungen.

Insgesamt haben wir es mit einem sehr wichtigen Werk der Sklavereiforschung zu tun, das zum einen zeigt, dass selbst Personen innerhalb eines perfiden Unterdrückungsapparates Handlungsspielräume besaßen, und zum anderen dazu anregt, zu schematische Vorstellungen von Tätern und Opfern zu hinterfragen. Aufseher*innen waren immer zugleich beides, Unterdrücker und Unterdrückte, Betroffene und Mitwirkende.

Rezension über:

Randy M. Browne: The Driver's Story. Labor and Power in the World of Atlantic Slavery (= Early American Studies), Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2024, 213 S., ISBN 978-1-5128-2586-2, USD 39,95

Rezension von:
Stephan Conermann
Bonn
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Randy M. Browne: The Driver's Story. Labor and Power in the World of Atlantic Slavery, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/05/41269.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.