sehepunkte 26 (2026), Nr. 6

Johannes Kuber: Katholische Priester zwischen Krieg und Besatzung

Die Rolle der christlichen Kirchen während der NS-Diktatur wurde bereits in der frühen Nachkriegszeit zu einem viel diskutierten und oft polemischen Thema. Wie der amerikanische Historiker Mark Ruff klar dargestellt hat, waren diese Debatten während der 1950er und 60er Jahren unter Journalisten, Intellektuellen, Theologen und Historikern eng mit der Politik der neuen Bundesrepublik verflochten, und dementsprechend prägten zutiefst moralische Fragestellungen wissenschaftliche Arbeiten in diesem neu entstehenden Forschungsfeld. [1] Im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte ist eine umfangreiche internationale Literatur zu den deutschen Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden, die aber bis in die jüngste Vergangenheit hinein immer noch von den moralischen Perspektiven und Fragestellungen bestimmt war, die bereits in der frühen Nachkriegszeit ihren Ausdruck gefunden hatten. Konsequenz dieses verengten Zugriffs sind bis heute bestehende beträchtliche und überraschende Forschungslücken in diesem anscheinend gesättigten Forschungsgebiet. Vor allem sind sozial- und kulturhistorische Ansätze stark vernachlässigt worden, und wir wissen dementsprechend wesentlich weniger über den Alltag des Glaubens und des religiösen Lebens in der Zeit des Nationalsozialismus, als über die Politik der verschiedenen kirchlichen Hierarchien.

Die jüngst veröffentlichte Doktorarbeit von Johannes Kuber mit dem Titel Katholische Priester zwischen Krieg und Besatzung: Rolle und Selbstverständnis des badischen Klerus, 1939-1948, stellt dementsprechend eine willkommene Ergänzung der bisherigen Literatur dar. Mit ihrem Fokus auf die Ebene des Pfarrklerus lenkt sie den Blick auf ein wirkungsvolles Gebiet des religiösen Lebens, das generell in bisherigen Werken zugunsten der kirchlichen Hierarchien vernachlässigt wurde. Der von Kuber gewählte regionale Ansatz trägt dazu bei, die Arbeit in einem überschaubaren Rahmen zu halten. Gleichzeitig wird durch die beispielhafte Untersuchung der Pfarrgemeinden in Baden ein vertiefter Zugriff auf das Thema ermöglicht. Lobenswert ist außerdem der konsequente und gelingende Versuch eine Studie vorzulegen, die sich von den polemischen Fragestellungen der Vergangenheit distanziert und sich vielmehr neuen analytischen Problemen widmet, die unabhängig von moralischen Kategorien stehen. Wie Kuber treffend in der Schlussbetrachtung formuliert, analysiert seine Arbeit "die Ortspriester in ihren lokalen Bezügen als Akteure" und "wie sie das gesellschaftliche, politische und kirchliche Leben in ihren Gemeinden mitgestalteten." (537) Der gewählte Untersuchungszeitraum zwischen 1939 und 1948 unterstützt diesen Ansatz, und bricht neue Schneisen in ein Forschungsfeld, in dem nur sehr wenige Publikationen sowohl die Jahre vor als auch nach 1945 einbeziehen.

Am vorliegenden Werk gibt es viel zu loben. Erstens, Kubers Analyse stützt sich auf umfangreiche Forschung in zahlreichen kirchlichen, staatlichen und internationalen Archiven. Hervorzuheben in dieser Hinsicht ist die gründliche Auswertung von Dokumenten in französischer und englischer Sprache aus dem Centre des Archives Diplomatique de La Courneuve und den National Archives in Washington, D.C. Sie ermöglichen es, das Agieren des Pfarrklerus unter französischer und amerikanischer Besatzung zu beleuchten.

Das benutzte deutsche, französische und englische Quellenmaterial ist sehr originell, und auf fast jeder Seite gibt es faszinierende Zitate aus den Dokumenten, die die Argumente des Autors unterstützen. Vorteilhaft ist vor allem die Verwendung von verschiedenen Quellensorten, kirchlicher sowie nichtkirchlicher Herkunft, die eine ausgewogene Interpretation ermöglichen, sowie die Möglichkeit, die Stimmen der verschiedensten Akteure zu hören, von den Ortsgeistlichen bis hin zu Erzbischof Conrad Gröber, von Laien, und von den Vertretern der alliierten Besatzungsmächte. Aufgrund der Reichhaltigkeit des Quellenmaterials wirken die von Kuber geäußerten Interpretationen in fast jedem Kontext überzeugend.

Eine weitere Stärke dieser Arbeit ist die große Vielfalt an Themen, die sie beleuchtet und analysiert. Die Diskussion umfasst die Sozialgeschichte der Kriegsjahre und die Versuche des Klerus, seine Pfarrkinder im Kontext des Luftkrieges und der steigenden deutschen Verluste zu betreuen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Analyse von Besprechungen innerhalb des badischen Klerus im Jahre 1944, wo verschiedene Strategien für den Umgang mit Trauernden besprochen wurden (166-69). Für die Jahre zwischen 1945 und 1948 behandelt das Buch die vielfältigen Aspekte der französischen und amerikanischen Besatzungen und die einflussreiche Rolle, die den Geistlichen in diesem radikal veränderten Kontext zukam. Ein eigenes Kapitel ist der an deutschen Frauen begangenen sexuellen Gewalt gewidmet. Dargestellt anhand des beträchtlichen Quellenmaterials, das von katholischen Geistlichen in der frühsten Nachkriegszeit produziert wurde, erweist es sich als besonders wertvoll für die Behandlung eines lange vernachlässigten Themas.

Obwohl die Arbeit in aller erster Linie ein sozialgeschichtliches Werk darstellt, bietet sein Autor auch eine Analyse des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber, sowohl hinsichtlich seiner öffentlichen Stellungnahmen während des Krieges als auch seiner Tätigkeit nach 1945. Die lobenswerte Vielfalt der von Kuber angesprochenen Themen sorgt dafür, dass diese Arbeit Leser weit außerhalb des traditionellen Rahmens der Kirchengeschichtswissenschaft interessieren wird. In aller erster Linie macht Kuber deutlich, in welchem Ausmaß der Pfarrklerus während des Krieges "zu einem Diskurs deutschen Durchhalte- und Opferwillens" (170) beitrug, und nach 1945 den steilen Aufstieg der neuen CDU unterstützte. Bereits September 1945 beschrieben die französischen Behörden in Stockach den katholischen Pfarrklerus als 'inspirateur' der entstehenden christlich-demokratischen Partei (530).

Wie sichtbar wurde, halte ich diese Studie für vorbildlich. Sie ist von analytischer Reife sowie gründlicher Forschung geprägt. Die einzige Kritik, die ich als Rezensent ausdrücken würde, betrifft die Zusammenfassung. Hier behält Kuber seine Analyse innerhalb eines allzu sicheren Rahmens. Eine Entscheidung, die man im Kontext einer Doktorarbeit gut verstehen kann. Meinerseits hätte ich gerne an dieser Stelle einen größeren Versuch gesehen, diese Regionalstudie in einen nationalen Kontext zu setzen. Kuber hätte sich vielleicht in dieser Hinsicht mehr an den vorliegenden Forschungen zur deutschen Kriegsgesellschaft orientieren, sowie die Historiografie zur Demokratisierung in der frühen Bundesrepublik konsultieren können. Ein solcher Einbezug einer erweiterten Literaturbasis hätte auch im Hinblick auf den gewählten exemplarischen Forschungsansatz eine gewinnbringende Maßnahme sein können.

Insgesamt aber stellt der Band zu den katholischen Priestern eine hervorragende Arbeit dar, die eine breite Leserschaft verdient. Ihr Thema ist originell und ermöglicht neue Einblicke zur Katholischen Kirche während der NS-Diktatur und der Nachkriegszeit. Kubers Analyse ist wohl überlegt, klar geschrieben, und erfrischend distanziert von den oft polemischen Debatten, die das Forschungsfeld viel zu lang bestimmten. In dieser Hinsicht stellt das Werk einen wichtigen Beitrag zur Neujustierung des Forschungsfelds dar, der den Weg für weitere Studien öffnet.


Anmerkung:

[1] Mark Edward Ruff: The Battle for the Catholic Past in Germany 1945-1980, Cambridge 2017.

Rezension über:

Johannes Kuber: Katholische Priester zwischen Krieg und Besatzung. Rolle und Selbstverständnis des badischen Klerus, 1939 - 1948 (= Histoire; Bd. 138), Bielefeld: transcript 2025, 664 S., 3 Farb-, 9 s/w-Abb., ISBN 978-3-8376-7574-0, EUR 66,00

Rezension von:
Thomas Brodie
The University of Birmingham, Edgbaston
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Brodie: Rezension von: Johannes Kuber: Katholische Priester zwischen Krieg und Besatzung. Rolle und Selbstverständnis des badischen Klerus, 1939 - 1948, Bielefeld: transcript 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 6 [15.06.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/06/40868.html


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