sehepunkte 26 (2026), Nr. 6

Julia Wigger: Gegen Verfall und Abriss

In den 1980er Jahren formierten sich in etwa 20 größeren und kleineren Städten der DDR Initiativen zum Erhalt der durch jahrzehntelange Verwahrlosung und geplanten Flächenabriss bedrohten historischen Bausubstanz. Hier engagierten sich betroffene Anwohner, aber auch Architekten, Stadtplaner und Denkmalpfleger, mehrheitlich junge Männer. In ihrer Dissertation nimmt Julia Wigger diese Altstadtinitiativen (ein von der Autorin verwendeter, nicht den Quellen entnommener Begriff) in den Fokus und ordnet deren Geschichte umsichtig in größere Zusammenhänge ein.

In synchroner Hinsicht werden die westdeutschen Instandbesetzungen als Referenzpunkt benannt. In diachroner Perspektive verweist die Autorin auf die Heimatschutzbewegung des späten Kaiserreiches als Bezugspunkt. Dass der desolate "Zustand der historischen Bausubstanz als gruppenkonstituierendes, mobilisierendes Element in der späten DDR" (14) wirken konnte, ging jedoch vor allem auf interne Gründe zurück. Ein Faktor war die in den 1970er Jahren entstandene "neue Opposition" in der DDR. Zwar agierten die Altstadtinitiativen nicht unter dem Dach der Kirchen, aber die Herausbildung von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen wirkte als ermutigendes Signal. Als zweiten Faktor arbeitet Wigger ein gesteigertes Interesse am Erhalt historischer Bausubstanz heraus. Drittens hatten auch die zunehmende Umgestaltung von Innenstädten mit industrieller Bauweise und die damit verbundenen großflächigen Abrisspläne eine mobilisierende Wirkung auf die Akteure.

Typische Handlungsformen der Initiativen waren die Produktion von (Gegen-)Wissen, das Schreiben von (Kollektiv-)Eingaben und das "Selbermachen" (107). Die Altstadtinitiativen standen in engem Kontakt mit Experten der Denkmalpflege und Stadtplanung. Sie informierten und sensibilisierten die Stadtbevölkerung, prangerten Missstände an und kümmerten sich um verwahrloste Gebäude, wobei die Arbeitseinsätze des Halleschen Arbeitskreises Innenstadt "durch ihre Quantität und Qualität hervorstachen" (112).

Die meisten Initiativen waren institutionell an den Kulturbund angebunden, was beträchtliche Handlungsspielräume bot: "Neben dem Zugang zu Printmedien ermöglichte eine Mitgliedschaft im Kulturbund das Durchführen und Bewerben von Veranstaltungen." (118) Mit der Darstellung des eigensinnigen Agierens der Altstadtinitiativen verdeutlicht Julia Wigger, dass holzschnittartige Konzeptualisierungen der DDR-Gesellschaft bei diesem Phänomen versagen. Das gilt etwa für Klaus Schroeders Auffassung, der Kulturbund sei ein Transmissionsriemen der SED-Herrschaft gewesen [1], oder Sigrid Meuschels These, die DDR-Gesellschaft sei "gleichsam stillgestellt" gewesen. [2] Anders als nach diesen Modellen zu erwarten gewesen wäre, erfuhren die Altstadtinitiativen nur wenig Repression und praktizierten eher eine konfliktreiche Kooperation mit lokalen Funktionären. Zudem entstanden sie keineswegs erst im Zuge des Zusammenbruchs im Herbst 1989, sondern oft schon Jahre zuvor. Und vor allem jene, die bereits zu DDR-Zeiten entstanden waren, blieben auch nach 1990 aktiv.

Als besser geeignet zum Verständnis des Phänomens greift Wigger auf den von Alf Lüdtke entwickelten und von Thomas Lindenberger auf die DDR zugeschnittenen Begriff des "Eigen-Sinns", auf Mary Fulbrooks Konzept der "partizipatorischen Diktatur" sowie auf Andrew Ports Überlegungen zur "rätselhaften Stabilität der DDR" zurück. Das Konzept des Eigensinns ermöglicht es, die Handlungsräume der Akteure auszuloten, ohne sie gleich zu Oppositionellen zu stilisieren. Wiggers zeigt in diesem Zusammenhang, dass die 2019 zwischen Detlev Pollack und Ilko-Sascha Kowalczuk geführte Debatte um die Rolle der Oppositionellen im Herbst 1989 durch ihre "scharfe Kontrastierung zu kurz greift", denn die Altstadtinitiativen oszillierten, ganz ähnlich wie die "Schwarzwohner" in der DDR, "zwischen Anpassung und Untergrabung des Systems". Vor allem zeige "das Altstadtengagement, dass die Grenzen der 'partizipatorischen Diktatur' in den späten 1980er Jahren herausgefordert und Stück für Stück verschoben wurden" (166 f.).

In der Einleitung werden neben Ost-Berlin vor allem Brandenburg an der Havel, Pirna und Schwerin als jene Städte benannt, zu denen eine tiefer gehende Recherche erfolgte. Daneben spielt auch die Stadt Halle eine wichtige Rolle im Buch. Die Autorin stützt sich, neben Interviews, vor allem auf dem Bestand des "Informations- und Beratungsinstituts für bürgernahe Stadterneuerung" (IBIS) im Archiv der DDR-Opposition der Robert-Havemann-Gesellschaft. Die Geschichte dieses 1990 vom DDR-Bauministerium geschaffenen Instituts, das die Koordination der zu Bürgerinitiativen transformierten Gruppen anstrebte, wird im Buch ebenfalls thematisiert. Das IBIS dokumentierte und reflektierte den Höhepunkt der Initiativen, deren Zahl im Jahr 1990 von ca. 20 auf über 100 anstieg. Kurz darauf wurde das Institut abgewickelt. Julia Wigger verdeutlicht, dass es nach der Wiedervereinigung zu einem Niedergang, aber auch einer Ausdifferenzierung von Aktivitäten und einer Anpassung an vergleichbare westdeutsche Gruppen kam.

Obwohl die Altstadtinitiativen lediglich eine Randerscheinung waren, steht ihre Geschichte exemplarisch für eine ambivalente ostdeutsche Erfahrung des Transformationsprozesses. Im kurzen Sommer der Anarchie konnten die Gruppen "spezifisch ostdeutsche Beteiligungsformate" ausprobieren, bevor diese von "formalisierten Beteiligungsverfahren, professionellen Sanierungsträgern und der Immobilienwirtschaft zurückgedrängt" wurden (260).

Das Buch bietet mit seinem Überblick über die Entwicklung der Altstadtinitiativen von Anfang der 1980er bis in die 1990er Jahre hinein ein kleines, aber signifikantes Mosaiksteinchen, das ein Schlaglicht auf Nuancen und Ambivalenzen der Geschichte der DDR und der Transformation Ostdeutschlands wirft.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR, 3. Aufl., Köln u.a. 2013, 515.

[2] Sigrid Meuschel: Überlegungen zu einer Herrschafts- und Sozialgeschichte in der DDR, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), 5-14, hier: 6.

Rezension über:

Julia Wigger: Gegen Verfall und Abriss. Initiativen für den Erhalt historischer Bausubstanz in der DDR und Ostdeutschland (= Histoire; Bd. 240), Bielefeld: transcript 2025, 300 S., 1 Farb-, 16 s/w-Abb., ISBN 978-3-8376-7888-8, EUR 50,00

Rezension von:
Udo Grashoff
Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität, Dresden
Empfohlene Zitierweise:
Udo Grashoff: Rezension von: Julia Wigger: Gegen Verfall und Abriss. Initiativen für den Erhalt historischer Bausubstanz in der DDR und Ostdeutschland, Bielefeld: transcript 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 6 [15.06.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/06/40874.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres letzten Besuchs dieser Online-Adresse an.