Der Untertitel des Buchs mit dem anspruchsvoll auf Theologisches anspielenden Titel Gates to Paradise (nach Frazer 1973 Gates of Paradise und Iacobini 2009) lässt einen Überblick über die hochmittelalterlichen Bronzetüren erwarten, einen Nachfolger von Ursula Mende, Die Bronzetüren des Mittelalters, 800-1200, München 1994. So annonciert es auch der Verlag: "First volume in English on the largest complex of medieval monumental bronze doors in Europe". Vorausgreifend muss man feststellen: diese Erwartung wird nicht erfüllt.
Der Sammelband ist hervorgegangen aus einem am "Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit" in Krems angesiedelten Projekt der Universität Salzburg zur materiellen Untersuchung der 28 mehrheitlich in Italien und Deutschland erhaltenen Bronzetüren ("GAPAMET", Leitung M. Mödlinger, Laufzeit Januar 2022 bis Ende 2024). Erfasst werden sollten an den Türen Analysewerte ihrer Metall-Legierung und erstellt werden eine hochauflösende, orthographische Fotodokumentation, auch die Relieftiefen in 3D. Für "the project's results" (10) wird auf die Website (https://gapamet.imareal.sbg.ac.at/) verwiesen, die im open access die Fotodokumentation (M. Fera) und die detaillierten Metallanalysewerte (bis zu mehreren hundert von einer Tür) bieten soll. Daneben findet man im Netz eine Domain des Projekts (gates-to-paradise.com), die offensichtlich - im Gegensatz zur Website (?) - bis Anfang 2025 weitergepflegt wurde. Die beiden Seiten stimmen in vielen Angaben überein, allerdings sieht die Domain keine Fotos oder Analysedaten vor.
Für die Langzeitdokumentation der Bilder wird auf eine Seite des Instituts für Realienkunde verwiesen: "For long-term preservation, the data is prepared for the IMAREAL repository at the University of Salzburg. Semantic annotations based on the ontology of the well-established RealOnline database will be added." "Medium resolution 3D models were exported and uploaded to a data repository to provide them for a broader public." (200) Die guten Vorsätze des Projekts harren aber offenbar noch ihrer Umsetzung (Stand 7.6.2026). Auf der genannten Website sind bisher nur die Fotos und Analysen von 10 Türen hochgeladen, wobei die Angaben zu den Objekten noch immer vorläufig wirken. Auf RealOnline findet man unter "Bronzetür" lediglich ein einziges Foto, unscharf, von der Augsburger Tür vor der Restaurierung. Man könnte nun annehmen, dass das hier anzuzeigende Buch eine Art 'Summa' des Projekts ist, eine Überschau über das Geleistete und die Ergebnisse. Das ist nicht der Fall, im Gegenteil: es steht merkwürdig neben dem Projekt, und dies unter mehreren Aspekten. a) Laut Vorwort geht es auf einen Workshop 'zur Halbzeit', im September 2023, in Verona zurück; einige dort gehaltene, eher allgemein-theoretische Vorträge hat man mit (mehrheitlich vortrefflichen) Beiträgen lokal spezialisierter Kunsthistoriker über Forschungsgeschichte und Kenntnisstand zu sechs Türen kombiniert (Salerno, Verona, Gnesen, S. Clemente in Casauria, Benevent, Aachen). b) Neben dem Buch sind ein Dutzend Aufsätze der Projektbeteiligten zu Türen in Online-Zeitschriften in den Jahren 2023-2025 erschienen, auf welche die genannten Websites unter "Literatur" verweisen, separat von der dort zu findenden allgemeinen Bibliographie. Dass die Domain länger gepflegt wurde als die Website, ist am Erscheinungsstand dieser Aufsätze zu sehen: auf der Website waren gut die Hälfte noch nicht erschienen. Manche der Titel finden sich in den Beiträgen des Buchs berücksichtigt. c) Das Buch bildet - so offenbar die ursprüngliche Idee - erst zusammen mit der Website ein gültig benützbares Werk: die allgemeine Bibliographie zu Bronzetüren findet sich nur im Netz (117 Titel); im Buch führt jeder Autor nur die von ihm zitierten Titel auf, sie können also nicht systematisch recherchiert werden. Vor allem aber ist das Buch eher sparsam illustriert mit jeweils einer Gesamtaufnahme; die Detailfotos sind argumentativ dem Text zugeordnet. Der derzeitige Zustand der Website macht diese Idee nun allerdings zunichte. Von den dort gezeigten Türen gehört nur eine einzige (Salerno) zu den sechs im Buch ausführlicher behandelten; für die anderen kann man nirgends die Dokumentation einsehen. Zu vorläufigen Analyseergebnissen von fünf Türen (175ff.) gibt es auf der Website keine Fotos. Von vornherein schon aber war das Buch nicht als Überblickswerk über die mittelalterlichen Bronzetüren angelegt gewesen, denn es bespricht nicht einmal ein Viertel der 28 erhaltenen Türen ausführlicher; ein Register aller findet sich auf S. 207.
Was die inhaltliche Zielsetzung des Projekts angeht, kann man auf Formulierungen seiner Leiterin zurückgreifen. Offenbar ging seine Beantragung von der - für Kenner der Materie überraschenden - Feststellung aus: (7) "She was surprised to discover that, despite the abundance of excellent literature on these doors [Anm.: Notably Banti 1999, Iacobini 2009, Salomi 1990] particularly in the field of art history, there was a paucity of knowledge regarding the materials used and the techniques employed in their production." Die Anfangsfragen des GAPAMET-Projekts seien demnach gewesen: "[...] were these doors all made of bronze? And who made them, where and how?" Die Erwartung, aus materialtechnischen Feststellungen, Analyse der Legierungen und Beobachtung der Herstellungsdetails mit heutigen fotografischen Methoden, auf die Identität der Handwerker/Bildhauer der Türen sowie Ort und Technik ihrer Entstehung rückschließen zu können, war vermutlich auch der Not geschuldet, Förderanträge prägnant zu formulieren. Denn dass die Interpretation von Analysewerten u.a. die Kenntnis von historischen Schürfstätten der Metalle und ihrer Handelswege voraussetzt, von der allgegenwärtigen Wiederverwendung von Altmetall noch abgesehen, ist bekannt (zuletzt grundlegend: Arie Pappot, Venus' Fingerprints. Chemical patterns of copper alloys used in Europe, 1000-1800, Diss. Amsterdam 2024 (https://pure.uva.nl/ws/files/234375003/Thesis.pdf)). Auch dass im arbeitsteiligen Bronzeguss - Plastiker des Wachsmodells/Modelleur/Metallgießer/Ziseleur - die Frage "who made them" nicht einsträngig zu beantworten ist, war den Herausgeberinnen präsent (8). Doch auch hier macht sich eine gewisse Vereinfachung bemerkbar: "In the majority of cases, the name of the artist responsible for the door is known, or can at least be associated with a specific artist with a high degree of certainty, such as the Pisa door, which is attributed to Bonanno due to stylistic similarities with the door he made for Monreale." Der Begriff "artist" umschifft das Problem. Der genannte Bonannus z.B. war, nach Ansicht der Rezensenten, wohl Gießer und Baumeister in Pisa, er muss nicht auch der Gestalter der Reliefs gewesen sein. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass bis ins 16. Jahrhundert hinein meist die Gießer signierten oder die Gießernamen überliefert sind, weil sie die Unternehmer waren.
Nach den Faktenfragen hat sich das Projekt aber auch auf eine abstraktere Ebene erhoben. "Art historical research has mostly focused on historical data. [...] Other methodological approaches, such as material iconological studies or pictorial strategies (i.e. the way the narratives were depicted), have been rather neglected." (9) Oder in der Einführung der Website: "[Die Untersuchungen geben] uns Aufschluss über verwendete Materialien und Techniken, wie und welche Handwerker, Künstler und Auftragsgeber im Herstellungsprozess beteiligt waren und wie verwendete Materialien und die bildlichen Darstellungen auf den Türen gemeinsam Bedeutung stiften." Dabei bleibt auch vage, ob eine Bedeutungsstiftung in Assoziationsgängen wie z.B. den Bronzetüren als Tore zum Himmlischen Jerusalem etc. mit dem Untertitel "The Materiality of the Virtual [...]" bestehen soll, die von H. Schlie ins Projekt eingebracht worden sind.
Wie weit letztendlich die Erwartungen der Projektbeteiligten erfüllt wurden, mit Materialanalyse und Fotodokumentation die oben gestellten Fragen zu 'wer, wann, wo?' zu beantworten, ist dem Buch kaum zu entnehmen, nicht zuletzt mangels eines Abschlussberichts über die Ergebnisse des Projekts. Einige Aussagen könnten sie relativieren, so zum Beispiel Vaccaro zu Byzanz: "From the perspective of localising the door production, it should be noted that the new data does not deterministically define any workshops and chronologies [...]" (32). Zu Verona schreibt Mödlinger 2024, es habe sich nicht feststellen lassen, ob die Reliefplatten aus zwei oder drei Werkstätten hervorgegangen sind - deren unterschiedlicher Stil ist die traditionell gestellte Frage. So nährt das schön gedruckte Buch vor allem die Hoffnung, dass man die vom "The Gates to Paradise"-Projekt erhobenen Daten in der Breite wird kennenlernen und auswerten können.
Judith Utz / Martin Fera / Marianne Mödlinger et al. (eds.): Gates to Paradise. Metal Doors of the 11th and 12th Century (= Formate - Forschungen zur Materiellen Kultur; Bd. 4), Regensburg: Schnell & Steiner 2025, 208 S., Diverse Farbabb., ISBN 978-3-7954-3987-3, EUR 45,00
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