sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8

Angela Matyssek / Franciska Nowel Camino (Hgg.): Wann fängt Kunst an?

Vernichten, verbrennen, verschweigen: Der Umgang von Künstler:innen mit dem eigenen Frühwerk hat teilweise extreme Praktiken hervorgebracht. Rückdatierungen und Umdatierungen oder auch der programmatische Ausschluss früher Arbeiten vom Haupt- und Spätwerk zeigen, wie fragil das Vorhaben ist, den Anfang von Kunst festzulegen. Wann also fängt Kunst an? Und wie lässt sich das Frühwerk in der Gegenwartskunst bestimmen? Diesen Fragen geht der vorliegende Sammelband mit einem Überblick über künstlerische und kunsthistorische Praktiken nach, um die Konstruktion und Konstruiertheit des Beginns künstlerischer Oeuvres zu bestimmen. Er geht auf eine gleichnamige Tagung zurück, die die Herausgeberinnen im Sommer 2022 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden ausrichteten. Nun führt der Band durch Beiträge von Kunsthistoriker:innen und Interviews mit Künstler:innen besagte Perspektiven - der Kunstgeschichte und der Bildenden Kunst - am Frühwerk zusammen. Der Begriff des Frühwerks wird dabei als Ordnungs- und Gliederungsbegriff für das Gesamtwerk verstanden. Die bisher schwach ausgeprägte Forschung hat bislang vor allem monographische Fälle wie Jackson Pollock oder Hanne Darboven thematisiert. [1] Daher rücken die Herausgeberinnen das "Kartieren von Praktiken" (9) für die Herstellung eines Frühwerks in den Vordergrund. Sie fokussieren dabei auf die damit verbundenen legitimierenden und glättenden Funktionen oder auf jene, die einen Bruch betonen. Diese Forschungsperspektive analysiert also vorrangig Prozesse der nachträglichen Be- und Zuschreibungen rund um das Frühwerk.

"Was genau zeichnet einen Anfang aus?" (7) - bereits in der Einleitung verdeutlichen Angela Matyssek und Franciska Nowel Camino, wie umkämpft die Suche nach dem Anfang eines künstlerischen Oeuvres ist. Akteur:innen wie Nachlassverwalter:innen, Familie und Verwandte, Galerien, der Kunstmarkt sowie Kunsthistoriker:innen sind aktiv an der Erschließung und Konstitution des Frühwerks beteiligt. Diese Prozesse gehen meist mit der Tendenz einher, unbekannte Werke für den Kunstmarkt zugänglich zu machen. Die begriffliche Schärfung von "Anfang" und "Ursprung" sowie die kritische Reflexion von Früh-, Haupt- und Spätwerk im Kontext eines biologistischen Entwicklungsdenkens (Kindheit, Jugend und so weiter) unterstreichen das machtkritische Vorhaben der beiden Herausgeberinnen. Dabei wird deutlich, dass das Frühwerk ein mächtiges Deutungsinstrument der Kunstgeschichte ist, das sowohl in der Werkgeschichte als auch bei der Etablierung oder Neubefragung des Kanons eine zentrale Rolle spielt.

Das Buch versammelt sieben Beiträge von Kunsthistoriker:innen, die unterschiedliche Schwerpunkte und Aspekte entweder überblicksartig oder anhand einzelner Fallstudien aufgreifen. Dabei wird die Perspektive der archivarischen Arbeit (Dietmar Elger / Aya Soika) mit der Analyse veränderter Rahmenbedingungen verbunden - etwa, wie Kunst auf digitalen Plattformen inszeniert wird (Wolfgang Ullrich). Anhand zahlreicher Beispiele künstlerischer Praktiken zeigt wiederum Peter J. Schneemann, wie der Werkbegriff in der Gegenwartskunst ständig infrage gestellt wird. Er plädiert davon ausgehend für eine Pluralisierung und Dynamisierung des Werkbegriffs in der Kunstgeschichte. Am Beispiel der Rezeptionsgeschichte der Künstlerin Marisol Escobar betont Antje Krause-Wahl die Funktionen des Frühwerks: von der Anerkennung und schließlich Kanonisierung eines Werkes über dessen Reaktivierung mit wertgenerierenden Folgen bis hin zur Möglichkeit, den Kanon zu revidieren. Dietmar Elger gewährt Einblicke in seine Arbeit als langjähriger Assistent von Gerhard Richter und heutiger Leiter des Gerhard Richter Archivs in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Er beschreibt den programmatischen Wunsch von Gerhard Richter, das Dresdener Frühwerk nicht in das Werkverzeichnis aufzunehmen, und kontextualisiert diese Entscheidung im Lichte der Praxis des Künstlers, sich als Archivar und Kurator des eigenen Werks zu verstehen. Wie die Setzung eines Frühwerks mit der Frage nach Autor:innenschaft zusammenhängt, zeigt Barbara Wittmann am Beispiel fiktiver Frühwerke bei Rodney Graham und Kazimir Malevič. Beide Künstler greifen in ihren späten Werkphasen auf vorangegangene Epochen und Stile zurück und inszenieren in ihrem Spätwerk ein fiktionalisiertes Frühwerk.

Flankiert werden die Beiträge von fünf Interviews mit Beatriz González, Wilhelm Mundt, Aya Soika, Jörg Johnen und Max Dax, in denen sich etwa die Perspektiven von Künstler:innen, Galerist:innen und Publizist:innen interdisziplinär und praxisorientiert verbinden. Besonders gewinnbringend für den Band zeigt sich hier das Ringen der Künstler:innen mit ihrem eigenen Frühwerk und wie diese Auseinandersetzung als Material oder Verfahren in die Künste überführt wird. Zugleich wird deutlich, dass das Erstellen von Werkverzeichnissen und Dokumentationen vor allem eine Frage von Ressourcen, Zeit und Kapital ist.

Dem Band gelingt es, eine fundierte Bandbreite an Praktiken und Materialien im Umgang mit frühen Arbeiten sowie Anknüpfungspunkte für weitergehende theoretische Überlegungen zum Untersuchungsgegenstand "Frühwerk" zusammenzuführen. Besonders die fallspezifische Beschreibung von Praktiken der Werkbildung und Werkbegründung überzeugt durch ihre Präzision. Begriffe wie "Werknarrativ" (Aya Soika, 76) oder "Werkpolitik" (Steffen Martus, 11) bieten hierbei wertvolle Ansatzpunkte für weiterführende theoretisch-methodische Überlegungen. Das zuletzt erschienene Handbuch Werkverzeichnis, herausgegeben von Aya Soika, Ingrid Pérez de Laborda und Eva Wiederkehr Sladeczek, stellt dafür bereits eine wichtige Grundlage dar. [2] Der Wunsch nach einer stärkeren Systematisierung der Fälle und Beispiele, um die Dynamiken des Phänomens "Frühwerk" besser zu differenzieren und potenzielle Konfliktlinien innerhalb des Spannungsfeldes von Interessen und Abhängigkeiten klarer herauszuarbeiten, ist vermutlich der - wie eingangs erwähnt - noch fragilen Forschungslage geschuldet. Dennoch erschließt der Band ein hochinteressantes Feld, bei dem die induktive Vorgehensweise ebenso unerlässlich ist, wie Archivmaterialien zu heben.

Es verwundert zudem nicht, dass sich die Beiträge meist mit den Praktiken stark kanonisierter Künstler:innen beschäftigen wie etwa Gerhard Richter, Bruce Nauman, Andy Warhol oder Cindy Sherman. Dieser Zusammenhang ist nachvollziehbar, da die Konstitution eines Frühwerks oft in Abhängigkeit zu einem bereits etablierten Hauptwerk steht. Das bildet auch eine der Arbeitshypothesen in dem Band. Umso überraschender ist das Werk der rumänischen Textilkünstlerin Ana Lupaş, das auf das unterschätzte Potenzial des Forschungsgegenstands "Frühwerk" für Entdeckungen hinweist. In ihrem dahingehenden Beitrag rekonstruiert die Kunsthistorikerin Ileana Parvu die Praktiken der Rück- und Umdatierung von textilen Skulpturen und kollektiven Aktionen durch die Künstlerin sowie die Tragweite dieses künstlerischen Eingriffs für die Kunstgeschichtsschreibung. Infolgedessen verschleifen sich Verfahren der zyklischen Wiederholung, die Teil der künstlerischen Praxis sind, mit den gemeinschaftlich-künstlerischen Praktiken der Künstlerin und einer lückenhaften Dokumentation der performativen Arbeiten. Es entstehen Leerstellen und variable Genealogien innerhalb des Werknarrativs, die auf zwei Anfänge des Werkes hindeuten. Mit diesem künstlerischen Eingriff schafft Lupaş ein eigenes Werknarrativ, das den Originalitätsanspruch und das Entwicklungsdenken der Moderne infrage stellt. Eine Kunstgeschichte, wie sie hier praktiziert wird, geht von den künstlerischen, sozialen und kulturellen Praktiken aus und bemüht sich darum, diese zu kontextualisieren und zu historisieren. Das wiederum eröffnet eine Fachperspektive, in der Brüche in Werknarrativen nicht geglättet, sondern als Leerstellen und Inkonsistenzen sichtbar werden.


Anmerkungen:

[1] Nina Zimmer (Hg.): Der figurative Pollock. Ausst.-Kat. Kunstmuseum Basel (02.10.2016 - 22.01.2017), München 2016 oder Hanne Darboven. Das Frühwerk, Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle (29.10.1999 - 13.02.2000), Berlin 2004.

[2] Ingrid Pérez de Laborda / Aya Soika / Eva Wiederkehr Sladeczek (Hgg.): Handbuch Werkverzeichnis, Berlin / Boston 2023.

Rezension über:

Angela Matyssek / Franciska Nowel Camino (Hgg.): Wann fängt Kunst an? Das variable Frühwerk in der Gegenwartskunst, München: edition metzel 2025, 144 S., 47 Farb-Abb., ISBN 978-3-88960-243-5, EUR 19,80

Rezension von:
Anna Kipke
Freie Universität Berlin / Leuphana Universität, Lüneburg
Empfohlene Zitierweise:
Anna Kipke: Rezension von: Angela Matyssek / Franciska Nowel Camino (Hgg.): Wann fängt Kunst an? Das variable Frühwerk in der Gegenwartskunst, München: edition metzel 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 7/8 [15.07.2026], URL: https://www.sehepunkte.de/2026/07/40763.html


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