Ned Richardson-Little will in seiner knappen Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die er zu Recht bereits im Titel als "Cold War state" bezeichnet, dreierlei zeigen: Erstens sei die DDR zwar eine Einparteiendiktatur in der sowjetischen Einflusssphäre gewesen, sie könne aber nicht nur anhand der Entscheidungen an der politischen Spitze verstanden werden. Zweitens hebt er auf die unterschiedlichen Lebenserfahrungen in der DDR ab, und drittens betont er, dass eine transnationale und globale Perspektive für ein angemessenes Verständnis der DDR notwendig sei. Der Autor hat sein Buch für eine breitere, vor allem anglo-amerikanische Öffentlichkeit geschrieben, und er stützt sich hauptsächlich auf die inzwischen stark angewachsene, auf Englisch publizierte Forschungsliteratur.
Er beginnt mit einem chronologisch aufgebauten Kapitel, das den bekannten Weg von der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) zur DDR nachzeichnet und bis zum Mauerbau im Jahre 1961 reicht. Daran schließt ein thematisch strukturiertes Kapitel an, das vor allem die ostdeutsche Gesellschaft untersucht und etwa deren Betriebszentriertheit, Geschlechterverhältnisse, Kultur und Konsum, aber auch Proteste und Opposition sowie Repression und Überwachung in den Blick nimmt. Der dritte Teil trägt die Überschrift "East Germany and the World" (101) und behandelt nicht nur die deutsch-deutschen und auswärtigen Beziehungen der DDR, sondern auch den alltäglichen Internationalismus - etwa die Solidaritätskampagnen mit Ländern des globalen Südens - die Aufnahme Fremder in der DDR sowie die Verschuldungsproblematik. Das letzte Kapitel wendet sich dann schon Stagnation, Zusammenbruch und Wiedervereinigung zu. Ein knapper Epilog auf die Zeit nach dem Ende der DDR schließt den Band ab.
Der Autor ist sichtbar um Ausgewogenheit bemüht, was etwa an dem Zwischenresümee nach dem zweiten Kapitel deutlich wird: "Accepting the diverse reactions of East Germans toward the demands of the state does not diminish its dictatorial character, but at the same time, the fact that the GDR was a dictatorship did not always mean constant terror and tyranny to those who lived through it." (100) Doch manchmal sind die Wertungen etwas verkürzt, so etwa mit Blick auf den Mauerbau, der der Reputation und der Legitimität der DDR im Innern geschadet und an deren Fragilität nichts geändert habe. Doch hatte der Mauerbau vom 13. August 1961 nicht auch einen stabilisierenden Effekt? Dietrich Staritz hat diesen Tag zu Recht den "heimlichen Gründungstag der DDR" genannt. [1] Und etwas überzogen erscheint auch der Satz: "International affairs were part of the everyday life of East Germans." (119) Doch wie wichtig waren die Solidaritätskampagnen, wie viel Kontakt hatte die Mehrheit der Menschen mit Fremden in der DDR? Vor diesem Hintergrund erscheint diese Aussage übertrieben.
In seinem Resümee beantwortet Richardson-Little die schon oft gestellte Frage, warum die über Jahrzehnte so stabile DDR 1989 so plötzlich zusammenbrach, unter anderem mit dem Verweis auf die politischen Strukturen, die sich angesichts einer systemischen Krise als spröde erwiesen hätten. Dass die DDR nach dem Ende der Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) nicht erhalten werden konnte, führt er auf die wirtschaftlichen Probleme sowie die massive Abwanderung zurück, gegen die niemand ein Rezept hatte. Die entscheidende Ursache dafür nennt er aber nicht. Diese bestand in dem mangelnden Rückhalt der DDR in der eigenen Bevölkerung, der angesichts des westdeutschen Bruderstaates noch verstärkt wurde: Denn dieser übte aufgrund seines freiheitlichen politischen Systems und seiner Prosperität eine enorme Sogwirkung auf die Ostdeutschen aus. Mit dem Fall der Mauer und dem Ende der sowjetischen Existenzgarantie war daher auch das Ende der DDR unausweichlich.
Es handelt sich insgesamt um eine facettenreiche Darstellung, die möglichst viele Aspekte auf engem Raum zu berücksichtigen sucht. Der Zwang zur Kürze führt jedoch dazu, dass vieles nicht mit der nötigen Differenzierung geschildert werden kann. Hinzu kommen leider zahlreiche Fehler, von denen einige hier genannt seien: So fanden 1946 nicht nur Landtags-, sondern auch Kommunalwahlen statt. Die Länderkammer in der DDR wurde nicht schon 1952, sondern erst 1958 abgeschafft. Bei den Wahlen gab es nur eine Urne, und nicht, wie impliziert wird, eine für die lediglich gefalteten Stimmzettel und eine separate für die Stimmzettel, auf denen die Kandidaten durchgestrichen waren. Der Warschauer Pakt, dem die DDR von Anfang an angehörte, wurde 1955 und nicht 1956 gegründet. Nicht das Ministerium für Staatssicherheit, sondern die SED selbst "säuberte" die Partei von Zeit zu Zeit durch den Umtausch der Mitgliedsbücher. Der Bausoldatendienst wurde 1962 in der Nationalen Volksarmee nicht aufgrund kirchlicher Proteste eingeführt. Westdeutsche konnten nicht erst infolge des Transitabkommens von 1971 auf der Autobahn nach West-Berlin fahren; jetzt waren sie indes weitgehend vor ostdeutscher Willkür geschützt. Die Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa war kein Vertrag, sondern eine politische Absichtserklärung, die allerdings durch die Unterschriften der beteiligten Staats- und Regierungschefs eine hohe Verbindlichkeit besaß. Und schließlich waren es nicht die "4 + 2"-Gespräche, sondern die "2 + 4"-Gespräche, in denen über die internationalen Aspekte der deutschen Einheit verhandelt wurde (und diese wiederum begannen nicht im Januar 1990, sondern wurden erst im Februar 1990 beschlossen). Vor diesem Hintergrund kann das sinnvoll angelegte Werk leider nicht uneingeschränkt zur Lektüre empfohlen werden.
Anmerkung:
[1] Dietrich Staritz: Geschichte der DDR 1949-1990. Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1996, 196.
Ned Richardson-Little: The German Democratic Republic. The Rise and Fall of a Cold War State (= German History in Focus), London: Bloomsbury 2025, XIX + 274 S., 20 s/w-Abb., ISBN 978-1-350-34151-7, GBP 16,99
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