Neapel war im 15. Jahrhundert als Teil des aragonesischen Königreiches unter den beiden Herrschern Alfonso I. (Alfonso V. von Aragon) und seinem Sohn Ferrante eine unter allen Aspekten florierende Stadt. Die 150.000 Einwohner-Metropole zog Künstler, Wissenschaftler, Händler und Bankiers aus allen Teilen Europas an und war auch für die seit dem Hochmittelalter einflussreichen Bankhäuser florentinischer Provenienz ein sehr lukratives ökonomisches Zentrum. Eine dieser florentinischen Bankiersfamilien, die man mit Edwin Hunt in die Reihe der 'medieval super-companies' einordnen kann, waren die Strozzi.
Die Monografie von Luciana Petracca verfolgt das Wirken und die Geschichte der Familie Strozzi in Neapel in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (1458-1494) auf der Basis ihrer zwei überlieferten Giornali und zahlreicher Libri di Ricordanze - also der Handlungs- oder Geschäftsbücher, die bis auf die tägliche Ebene reichen und im Staatsarchiv in Florenz aufbewahrt werden.
Pragmatische Quellen wie die Libri Giornali und auch die Libri di Ricordanze, die von zahlreichen Händlern und Unternehmern des Mittelalters geführt wurden und teils auch im deutschsprachigen Raum verbreitet waren, ermöglichen aufgrund ihrer großen Datendichte einen Einblick in die Funktionsweise, die Transaktionen das Alltagsgeschäft eines Unternehmens (fast) in Echtzeit. Daher resultiert ihr hoher Quellenwert in Bezug auf die Erschließung von Klientelnetzwerken, Warentransfer, geografischer Reichweite sowie der Buchführungspraxis mittelalterlicher Händler.
Petraccas Werk ist in vier Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel widmet sich die Autorin einführend und überblicksartig den Akteursgruppen des "age of merchant bankers" sowie den wichtigsten Finanzinstrumenten und Vertragsformen (Wechsel, Versicherung und Handelskompanien), um im zweiten Kapitel das Familienunternehmen der Strozzi einschließlich der Quellen in den Blick zu nehmen. Dieses Familienunternehmen existierte seit dem 13. Jahrhundert und war seit 1459 in Neapel ansässig. Die Geschäfte der Strozzi in Neapel basierten auf zwei Säulen: erstens dem Bankengeschäft - vor allem mit der aragonesischen Krone (als eine Art Staatskasse), ferner anderen Bankiersfamilien und Händlern - und zweitens dem Warenhandel über einen eigenen Fondaco. Die Handelswaren umfassten sowohl Massengüter wie Metalle, Alaun, Getreide aus Apulien, Wein und Öl als auch Luxuswaren wie Seide aus Sizilien und Kalabrien oder Gewürze.
Das häufig jahrelang ausgebildete und beschäftigte Personal wechselte oft zwischen beiden Einrichtungen hin und her. Die doppelte Buchführung war in diesem Unternehmen eine fest etablierte Dokumentationstechnik. Die Einnahmen der Firma aus dem Bankgeschäft waren höher als die aus dem Handelsgeschäft (75).
Im dritten und umfangreichsten Kapitel thematisiert sie die weitreichende Klientel der Bank, u.a. mittels tabellarischer Dokumentation von Namen, Herkunft und Geschäften. Der Kern der Kundschaft war - wenig überraschend - eng mit dem aragonesischen Hof verbunden: Verwalter, (adelige) Hofbeamte, Notare, Ärzte, andere Bankhäuser und Händler wickelten ihre Geldgeschäfte über die Bank der Strozzi ab. Aber auch Handwerker wie Baumeister, Schuhmacher, Schneider, Barbiere und Goldschmiede gehörten zur Kundschaft. Die Services reichten vom klassischen Bankgeschäft wie Giro, Wechselgeschäften und Kreditvergabe über Versicherungen (oft in Verbindung mit dem Seehandel im östlichen und westlichen Mittelmeer), bis hin zu spezifischen Formen wie dem albarano (eine königliche Zahlungsanweisung) oder der incetta (eine Form des Hamsterkaufs). Sie alle zeigen das vielgestaltige Bild mittelalterlicher Handels- und Finanzpraktiken.
Im letzten Kapitel beleuchtet die Autorin fallstudienartig eine in ihren Quellen besonders prominent aufscheinende Handelsfamilie, die sowohl mit dem Königshof als auch mit den Strozzi eng verbunden war: die Coppola. Hier wird nochmals im Detail herausgearbeitet, wie prägend die verschiedensten Ebenen wie der Getreidehandel, die lokale Tuchproduktion und die Ausstattung und Versicherung von Handelsschiffen für das Geschäftsmodell der Strozzi waren. Man sieht erneut die Einbettung in ein formidables Netzwerk verschiedener Akteure um den Kern einer Bankiers- und Händlerfamilie, welche wie selbstverständlich als Erfolgsgeschichte erzählt wird.
Die Interpretation, welche die Autorin in ihrer Conclusio wählt, ist ebenfalls klassischer, fast stromlinienförmiger Natur. Es erfolgt die Einbettung in ein durchaus bekanntes Narrativ der Kapitalismusgeschichte, das die Strozzi als risikofreudige, kredit- und investitionsorientierte Experten der Buchführung zeigt. Obgleich sich die Autorin kritisch mit dem Narrativ der zwei Italien - der hochentwickelte Norden der Stadtstaaten im Gegensatz zum unterentwickelten feudal geprägten Süden - auseinandersetzt und Neapel als hochentwickelte Handels- und Kapitalmetropole zeichnet, ist ihr Buch eine weitere Geschichte der Handelseliten in Italien mit großer internationaler Reichweite. Die Basis dieser Erfolgsgeschichte war die enge Verknüpfung von Staat und Finanzwesen. Petracca bleibt dabei der Linie der traditionellen Forschung de Roovers und Francesco Melis sowie Armando Saporis treu. Ein etwas neuerer, akteurszentrierter Ansatz wäre vielleicht auch interessant gewesen, um eben auch Brüche im System oder das Scheitern mancher Protagonisten wie z.B. die Hinrichtung des überaus erfolgreichen (vielleicht am Ende zu erfolgreichen) Unternehmers Francesco Coppola im Jahre 1487 (welche nur kurz im 4. Kapitel erwähnt wird) aufzuzeigen.
Ein weiterer Kritikpunkt liegt auch in der fehlenden Herausarbeitung der inneren Organisation des Strozzi-Unternehmens. Auch die umfangreichen Informationen im 100-seitigen (!) Appendix hätten noch stärker quantitativ und qualitativ ausgewertet werden können.
Die Stärke des Buchs liegt in der Sichtbarmachung des Potenzials der pragmatischen Schriftlichkeit, die einen breiten und zugleich tiefen Zugriff auf die Bankengeschichte in ihren Verflechtungen ermöglicht. Diese Quellen verweisen auf viele weitere Faktoren und Themen der Wirtschaftsgeschichte, was einerseits also große Chancen eröffnet. Andererseits besteht jedoch die Gefahr, dass man als ForscherIn in der Datenfülle untergeht. Die Autorin löst diese Herausforderung für sich, indem sie hauptsächlich zwei der Giornali aus den Jahren 1473 und 1476 auswertet. Sie setzt in ihrem stellenweise etwas mäandrierenden Werk sehr viel Vorwissen der italienischen Wirtschaftsgeschichte voraus, was für nicht-ExpertInnen eine ziemliche Herausforderung sein dürfte. Ein deutlicher Gewinn für diese Geschichte eines gut und weitreichend vernetzten Finanzunternehmens wäre die Wahl weiterer Visualisierungsformen gewesen, die über die rein tabellarische Darstellung hinausgehen, beispielsweise mittels einer Netzwerksoftware oder auch nur einfacherer Grafiken, wie Diagrammen. Die zahlreichen Zahlen und Namen (besonders im 3. Kapitel) erschweren das Lesen und die Verfolgung der Argumentation durchaus.
Insgesamt ist das Buch eine Bereicherung für die mittelalterliche Unternehmens-, Finanz- und Bankengeschichte Süditaliens, die zu weiteren Studien am beeindruckenden Material einlädt.
Luciana Petracca: Il banco Strozzi di Napoli. Credito, economia e società nel Quattrocento (= I libri di Viella; 507), Roma: Viella 2024, 373 S., ISBN 979-12-5469-695-8, EUR 32,00
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