Katarzyna Chlewicka: Presse als Medium des Kulturtransfers. Das Journal »Thornische Nachrichten von gelehrten Sachen« (1762-1766) im preußisch-polnischen Kulturraum, Paderborn: Brill / Ferdinand Schöningh 2024, XIII + 238 S., ISBN 978-3-506-79666-0, EUR 118,00
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Die Bedeutung der periodischen Publizistik für die Verbreitung aufklärerischer Ideen im 18. Jahrhundert ist kaum zu überschätzen. Zu dieser besonderen Rolle von gelehrten Zeitschriften im Kontext Königlich Preußens forscht die an der Universität Thorn beschäftigte Literaturwissenschaftlerin Katarzyna Chlewicka bereits seit über einem Jahrzehnt. Mit der nun vorliegenden Monographie bündelt sie ihre bisher in Aufsätzen publizierten Forschungsergebnisse. Im Mittelpunkt steht dabei eine Rezensionszeitschrift, die zwischen 1762 und 1766 in Thorn unter dem Titel "Thornische Nachrichten von gelehrten Sachen" erschien. Das Buch liefert damit einen Beitrag zur frühneuzeitlichen Kultur- und Wissensgeschichte, dessen Relevanz insbesondere aus seinem regionalen Schwerpunkt resultiert. Das Pressewesen in dem zu Polen-Litauen gehörenden Teil Preußens wurde bislang kaum tiefergehend untersucht. Das gilt im Speziellen auch für die "Thornischen Nachrichten". Umso frappierender ist dies, als es sich laut Verfasserin um die erste Rezensionszeitschrift im gesamten polnisch-litauischen Staatsgebiet handelte (IX).
Methodisch nähert sich die Untersuchung dem Forschungsgegenstand sowohl kultur- und pressegeschichtlich als auch literaturwissenschaftlich-komparatistisch, wobei diese Ansätze in den vier Kapiteln der Arbeit unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Das verbindende Element besteht in der Annahme eines "Informations- und Ideentransfer[s]" (X) (an anderer Stelle "Wissens- und Kulturtransfers", 38 sowie "Informations- und Kulturtransfer[s]", 205), für welchen die Zeitschrift als Vermittler fungiert habe.
In der Einleitung betont die Verfasserin den regionalgeschichtlichen Charakter der Arbeit, der sich aus dem regionalen Zuschnitt der untersuchten Zeitschrift ergebe. Die Mittlerfunktion der "Thornische[n] Nachrichten" gründe sich auf ihr Wirken an der Schnittstelle zwischen einem deutschen und einem polnischen Kommunikationsraum (XI). Die Verfasserin plädiert daher dafür, königlich-preußische Periodika als Teil einer "eigene[n], spezifische[n] Presselandschaft mit ihren besonderen, historisch und geopolitisch bedingten Voraussetzungen zur Produktion und Rezeption" (XI) zu begreifen.
Das erste Kapitel widmet sich der königlich-preußischen Presse in ihrer Gesamtheit. Die Verfasserin weist auf die besondere Rolle hin, die periodische Zeitschriften für die Herausbildung einer bürgerlichen Öffentlichkeit in der Region gespielt hätten (5-7). In einer ausführlichen Darstellung der bisherigen Historiographie beklagt die Verfasserin zudem die mangelnde Berücksichtigung der königlich-preußischen Presse (9f.). Das zweite Kapitel bietet eine allgemeine Einführung in die "Thornische[n] Nachrichten", wobei der Fokus auf äußeren Merkmalen sowie dem Herausgeber und den Autoren der Zeitschrift liegt.
Die verbleibenden drei Viertel der Arbeit konzentrieren sich auf die Präsentation und Analyse einzelner inhaltlicher und gattungstheoretischer Aspekte der "Thornische[n] Nachrichten". Auf Grundlage der Besprechungen und gelehrten Mitteilungen soll zunächst die Präsenz zweier, gleichzeitig bestehender Formen preußischen Landesbewusstseins, eines "gesamtpreußische[n]" und eines "preußisch-polnische[n]" (66), nachgewiesen werden (Kapitel 3).
Es folgt ein weiteres analytisches Kapitel, das mehr dem literaturwissenschaftlichen Interesse der Verfasserin Rechnung trägt. Die "Thornische[n] Nachrichten" werden anhand von Definitionsmerkmalen dem Genre der Rezensionszeitschrift zugeordnet (163-168). Darüber hinaus arbeitet die Verfasserin Rezensionskriterien heraus, die sie als Teil einer aufklärerischen Programmatik der Redaktion deutet (180-186). Den Schluss bildet eine knappe Zusammenfassung, welche die Exemplarität der untersuchten Zeitschrift für Königlich Preußen herausstellt.
Der große Mehrwert der Arbeit liegt in der umfassenden inhaltlichen Aufschlüsselung einer bisher kaum beachteten gelehrten Zeitschrift innerhalb der ohnehin nur rudimentär erforschten Presselandschaft Königlich Preußens. Die Lektüre vermittelt einen guten Überblick über das breite Spektrum der in den "Thornische[n] Nachrichten" besprochenen Publikationen, das die frühen Schriften Immanuel Kants (86-89) ebenso umfasste wie eine Sammlung von Dramen und Gedichten von Wacław Rzewuski (137f.). Die Urteile der Rezensenten werden dabei deutlich herausgestrichen. Außerdem bestimmt die Verfasserin überzeugend den besonderen Quellenwert der Zeitschrift, welcher sich nicht zuletzt aus Besprechungen über Drucke und Periodika wie die Königsberger "Philosophische Wochenschrift" ergibt, die heute als verloren gelten (205). Die Periodika- und Personenregister stellen darüber hinaus ein hilfreiches Rechercheinstrument dar.
Methodisch offenbart die Arbeit allerdings einige Problemstellen. Zwar taucht im Titel der Begriff des Kulturtransfers auf, eine Auseinandersetzung mit entsprechenden Konzepten oder wenigstens einen Verweis auf einschlägige Diskussionen gibt es jedoch nicht. Dies wäre aber umso wichtiger, als in der Arbeit zwei unterschiedliche Transferprozesse sichtbar werden: ein vor allem regionaler Transfer von Ideen und Informationen durch die Beiträge der "Thornische[n] Nachrichten" und ein Kulturtransfer durch die Aneignung der Form und Praxis deutscher Rezensionszeitschriften für das königlich-preußische Pressewesen. Inwiefern diese beiden Transfers miteinander korrespondierten, bleibt offen.
Im Hinblick auf den kulturgeschichtlichen Zugriff fällt zudem auf, wie wenig die Rolle der mehrheitlich aus Lehrkräften des Thorner Gymnasiums bestehende Gruppe von Mitarbeitern der "Thornische[n] Nachrichten" in die Analyse einbezogen wird. Zwar liefert die Verfasserin kurze biographische Skizzen der beteiligten Personen (47-56). Die Rückbindung der Rezensionszeitschrift an die Lebenswelt dieser bürgerlichen, gelehrten Stadteliten kommt aber insgesamt zu kurz. Auch wenn die Anonymität der Autoren die Zuordnung konkreter Verantwortlichkeiten zumeist ausschließt, müssten insbesondere soziale und konfessionelle Motive intensiver problematisiert werden. Kritische Besprechungen von antiprotestantischen polnischen Publikationen (120f.) müssten beispielsweise vor dem Hintergrund des Einsatzes von Protestanten für die Erhaltung ihrer religiösen Rechte und Privilegien in Polen-Litauen eingeordnet werden. [1] Das gilt umso mehr, als es sich bei Thorn um einen Publikationsort handelt, dessen Bewohner wenige Jahrzehnte nach dem "Thorner Blutgericht" 1724 in dieser Hinsicht besonders sensibilisiert gewesen sein dürften.
Des Weiteren hätte die Arbeit von einer Überarbeitung der Binnenstruktur profitiert. Auf diese Weise hätten einige störende Redundanzen vermieden werden können. Außerdem finden sich nicht immer Verweise auf die aktuelle Forschungsliteratur. Das gilt etwa für die Arbeiten von Marc Banditt zur Danziger Naturforschenden Gesellschaft, die im entsprechenden Unterkapitel nicht erwähnt werden (107-114).
In der Gesamtschau ist gleichwohl der potenzielle Nutzen der Publikation herauszustellen. In Anbetracht der dürftigen Historiographie zur königlich-preußischen Presse des 18. Jahrhunderts bietet sie zweifelsohne zahlreiche neue Anknüpfungspunkte für künftige Forschungsarbeiten.
Anmerkung:
[1] Wojciech Kriegseisen: Ewangelicy polscy i litewscy w epoce saskiej (1696-1763). Sytuacja prawna, organizacja i stosunki międzywyznaniowe, Warschau 1996.
Julian Pfau