Yvonne Robel: Viel Lärm um nichts. Eine Wahrnehmungsgeschichte des Nichtstuns in der Bundesrepublik (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte; Bd. 63), Göttingen: Wallstein 2024, 426 S., 9 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-5608-5, EUR 40,00
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"Viel Lärm um nichts"? Yvonne Robels Habilitationsschrift nimmt das "Nichtstun" in der Bundesrepublik in den Blick. Der ansprechende Titel verweist direkt auf die damit verbundenen Aporien: Etwas nicht zu tun ist selbst eine Handlung, die sozial, kulturell und politisch eingebettet ist und insofern als Diskurs untersucht werden kann. [1] Das "Nichtstun" war auch mitnichten keiner Rede wert. Vielmehr sprachen Verfechter:innen und Verächter:innen ständig darüber. Dies, so will Robel zeigen, führt zu gesellschaftlichen Aushandlungen und Normalisierungen von Arbeit und Freizeit, Konsum und Gefühlen, herrschender Moral und Politik.
Wie lässt sich ein so schimmerndes Phänomen zeithistorisch erforschen und erzählen? Robel schlägt dafür vier Begriffe sowie zwei Meisternarrative vor: "Muße", "Müßiggang", "Faulheit" und "Nichtstun" werden als "flexible Containerbegriffe" (27) eingeführt, die den Weg zu verschiedenen Diskursorten und Resonanzräumen bahnen sollen. Es geht ihr weniger um eine begriffsgeschichtliche oder semantische Analyse dieser Begriffe als um eine öffentliche "Wahrnehmungsgeschichte". Von Interesse sind daher das "Sprechen über Phänomene des Nichtstuns" (12) sowie "Kontinuitäten und (Be-)Deutungsverschiebungen" (10). So macht Robel ihren flüchtigen Gegenstand plausibel handhabbar und untersucht folgerichtig vor allem mediale Quellen und zeitgenössische Literatur. Die Dichte des Materials aus Zeitschriften und Zeitungen, Bewegungsarchiven und Populärkultur ist enorm.
Zur Deutung des Phänomens des "Nichtstuns" werden den Leser:innen zwei konkurrierende Erzählungen angeboten. Zunächst wird die These einer Disziplinierung zur und Subjektivierung von Arbeit eingeführt, die bis in die Gegenwart - sozusagen als Kehrseite - mit der Sanktionierung von Nicht-Arbeit verbunden sei. Dem gegenüber steht die umstrittene These einer gesellschaftlichen Liberalisierung seit den 1970er Jahren, etwa als Signum einer "Nach dem Boom"-Ära oder als Bruchpunkt in Richtung postmoderner Subjektivitäten. Robel, die Anregungen aus beiden Narrativen aufnimmt, bezieht eine vermittelnde Position.
Die Studie ist "chronologisch-überlappend" (30) angelegt. Damit trägt die Autorin dem Befund Rechnung, dass sich aufgrund der Dynamik um die Untersuchungsbegriffe nicht ohne Weiteres eine lineare Geschichte erzählen lässt. In fünf Inhaltskapiteln kommen verschiedene Facetten und Fallbeispiele zur Sprache: Muße- und Faulheitssehnsüchte in der Zeit des "Wirtschaftswunders", "Arbeitsscheue" und "Gammler", Freizeit und Zeitnot in den 1960er bis 1980er Jahren, der Tunix-Kongress von 1978, Verweigerung bei den Punks und in der Jobber:innenbewegung bis hin zu postmodernen Müßiggängern und "glücklichen Arbeitslosen".
Ein roter Faden, der alle fünf Kapitel durchzieht, ist die Aushandlung von Arbeit und Nicht-Arbeit. Robel zeigt, wie die Arbeitsmoral der Nachkriegszeit stets Gegenstand öffentlicher Debatten war. Sie zeichnet nach, wie Medienintellektuelle "schöpferische Faulheit" (55) zum Gegenmittel von Automatisierung oder Arbeitsverdichtung erklärten und im Sinne einer "Muße" würdigten. Gleichzeitig, und dabei widersprüchlich, verbanden sich damit aber Sorgen um Produktivität und Konsumorientierung. Robel arbeitet ebenfalls heraus, wie Sehnsüchte nach vermeintlicher Faulheit in den (ehemaligen) Kolonien eine Kontrastfolie zur neuen Konsumorientierung darstellten. Eine kritische öffentliche Reflexion dieser problematischen Kontinuitäten im Verständnis von Arbeit und Nicht-Arbeit fand selten statt.
Das veranschaulicht zudem das Beispiel der "Arbeitshäuser", die bis 1969 in der Bundesrepublik existierten. Der hiermit durchgesetzte Arbeitszwang stand zwar früh in der Kritik. Aber auch liberale Kritiker:innen schrieben biologistische Argumente fort und nutzten Begriffe wie "arbeitsscheu" und "asozial". Noch 1967 wollte die Mehrheit der Befragten einer von Allensbach durchgeführten Umfrage jugendliche "Gammler" zur Arbeit zwingen. Das "Gammeln" stellte die Zentralität von Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft in Frage, unterlief Geschlechterrollen und provozierte. Politische Bedeutung wurde dem Phänomen aber abgesprochen und verständnisvolle Kommentator:innen erklärten es zum typischen Generationenkonflikt. Gleichzeitig blieben als sogenannte "Asoziale" Verfolgte staatlicher Repression ausgesetzt.
Im Kontext der Massenarbeitslosigkeit in den 1980er Jahren geht Robel dann der sich organisierenden Arbeitslosen- und Jobber:innenbewegung sowie den Punks nach. Hier zeigt sich ebenfalls ein eher unverbundenes Nebeneinander: Während sich zum Anfang des Jahrzehnts Arbeitslosenzentren und Jobber:inneninitiativen gründeten, die sich mit ihrer Kritik an den Zwängen der Lohnarbeit gegen die affirmativen Forderungen der Gewerkschaften ("Recht auf Arbeit") nie richtig Gehör verschafften, wurde das Auftreten von Punks im Sinne einer Moral Panic skandalisiert. Stein des Anstoßes war jedoch selten deren Ablehnung bürgerlicher Arbeits- und Lebenswege, sondern vielmehr vermeintliche Zukunftsangst und Passivität.
Ein zweites, sämtliche Kapitel durchziehendes Thema ist der Wandel von Zeitaneignungen. Robel arbeitet heraus, wie Freizeit und freie Zeit ab den 1960er Jahren zunehmend zum Politikum wurden, wie Zeitforscher:innen ihre Expertise in Debatten einbrachten, wie Ratgeberliteratur die Subjekte zu "Zeitmanagement" anhielt und wie Entschleunigung in den 1990er Jahren zum polyvalenten Topos wurde. Sie zeigt beispielsweise, dass die zunehmende Kultur der Individualisierung zur Legitimität des "Nichtstuns" beitrug. Da der "Ausstieg" als bewusste eigene Entscheidung, als Lebensstil geframt wurde, genoss er öffentlich einen guten Ruf. Eine Scharnierfunktion sieht Robel in der Thematisierung von Gesundheit, die zunehmend zur individuellen Verantwortung erklärt und in den Kontext von bewusster Zeitaneignung gerückt wurde. Robel stellt ebenfalls den Weg von der Anrufung der Einzelnen zurück zum kollektiven Handeln dar: Vereine und Protestgruppen nahmen die Ideen von Eigenzeiten, Entschleunigung oder Faulheit auf, um sich für eine Pluralisierung und letztlich eine Demokratisierung von Zeit einzusetzen oder für einen Lebensstil abseits ständiger Verfügbarkeit zu werben. Robel bezieht sich in der Interpretation auf soziologische Zeitdiagnosen von Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz oder Ulrich Bröckling und liefert gleichzeitig einen Beitrag zu ihrer Historisierung. [2]
Robels Parforceritt durch die Dekaden und durch das vielseitige Material liefert gute Argumente, um die 1980er als Verdichtungsphase für den Wandel von Arbeit und Zeit anzusehen. Sie spricht von einem "Bruchpunkt mit Einschränkungen" (384). Ebenfalls überzeugt, dass die Studie bis in die 2000er Jahre angelegt ist. Die Wendejahre - ein weiterer möglicher Bruchpunkt - sind in Robels Darstellung allerdings eine merkliche Leerstelle. Insbesondere der Befund, der Umbruch 1989/90 habe "keinen Einschnitt in der öffentlichen Wahrnehmung des Nichtstuns" dargestellt, erscheint erklärungsbedürftig, fehlt doch eine Auseinandersetzung mit den "historisch begründete[n] Unterschiede[n] " (314) zwischen Ost und West. Leider beschäftigt sich Robel in den Abschnitten, die sich der Zeit nach der Wiedervereinigung widmen, nicht explizit mit Ostdeutschland. Das ist insofern verwunderlich, als sich die Frage nach Arbeit und Nicht-Arbeit im Kontext der ostdeutschen Erfahrungen von Arbeitslosigkeit und Prekarisierung sicher neu gestellt hätte.
Auch eine Analyse von Klasse und Kapitalismus, die zwischendurch aufscheint, wird nicht konsequent durchgezogen: Robel beschreibt zwar die weitestgehende Abwesenheit kapitalismuskritischer Perspektiven in der öffentlichen Debatte. Sie selbst stellt Klasse aber weder als Differenzkriterium scharf, um Praktiken des "Nichtstuns" sozial oder milieuspezifisch auszudifferenzieren [3], noch ist Kapitalismus für sie ein Referenzrahmen, um die von ihr beschriebene Vergesellschaftung von Arbeit und Nicht-Arbeit einzubetten und zu erklären. Ähnliches gilt für die Frage nach Geschlecht.
Summa summarum bleibt aber festzuhalten: Yvonne Robels Studie zur Geschichte des "Nichtstuns" ist ein sehr lesenswerter Beitrag an der Schnittstelle diverser Forschungsfelder. Sie liefert wunderbare Anstöße, um neu über die Vorgeschichte unserer Gegenwart nachzudenken.
Anmerkungen:
[1] Einführend zum Forschungsfeld: Theo Jung (Hg.): Zwischen Handeln und Nichthandeln. Unterlassungspraktiken in der europäischen Moderne, Frankfurt / New York 2019; Petra Terhoeven / Tobias Weidner (Hgg.): Exit. Ausstieg und Verweigerung in "offenen" Gesellschaften nach 1945, Göttingen 2020.
[2] Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a. M. 2005; Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017; Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Berlin 2007.
[3] In diesem Punkt überzeugender: Wiebke Wiede: Das arbeitslose Subjekt. Genealogie einer Sozialfigur in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland nach dem Boom. Göttingen 2023.
Lukas Doil