Peter Geiss / Michael Rohrschneider (Hgg.): Historische Bildung regional. Konzepte - Orte - Institutionen (= Wissenschaft und Lehrerbildung; Bd. 11), Göttingen: V&R unipress 2025, 284 S., 30 Farbabb., ISBN 978-3-8471-1872-5 , EUR 55,00
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Der Sammelband ist das Ergebnis der Tagung "Geschichte lernen - regional" an der Universität Bonn im Jahr 2022, die unter der Leitung von Michael Rohrschneider (Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte) und Peter Geiss (Abteilung für Geschichtsdidaktik) stattgefunden hat. Entsprechend fokussiert sich der Band überwiegend auf die Regional- und Lokalgeschichte des Rheinlands.
Das Buch verspricht der grundlegenden Frage nachzugehen, ob und inwiefern regional- und lokalgeschichtliche Perspektivierungen Lernpotenziale für Kinder und Jugendliche sowie historisch interessierte Erwachsene bieten. Zudem möchte es als Schnittstelle von Lokal- und Regionalgeschichte und der Geschichtsdidaktik fungieren. So stellt sich die Frage, ob der Sammelband neue Perspektiven über das Grundlagenwerk von Anke John zur Lokal- und Regionalgeschichte [1] hinaus aufzeigen und eine Hilfestellung für die unterrichtliche Umsetzung und die Einbindung einer interessierten Öffentlichkeit in regionalhistorische Kontexte anbieten kann.
Der in zwei Abschnitte gegliederte Band beschäftigt sich im ersten Teil mit schulischen Kontexten von Regional- und Lokalgeschichte, im zweiten und doppelt so umfangreichen mit analogen und digitalen Praxisbeispielen. Obwohl im Untertitel "Konzepte - Orte - Institutionen" angekündigt werden, liegt der Fokus auf Institutionen, wie Archiven, Museen und Bibliotheken sowie auf digitalen Informationsangeboten. Dieser Ansatz erfasst jedoch nicht die gesamte Bandbreite an lokal- und regionalhistorischen Möglichkeiten. So werden etwa historische Orte allenfalls gestreift. Auch Konzepte von Lokal- und Regionalgeschichte, die darüber hinaus auf andere deutsche Regionen transferierbar gewesen wären, kommen nur wenig vor.
In der Einleitung betonen die Herausgeber, dass sich Lokal- und Regionalgeschichte nicht ausschließlich durch Raum und Zeit definiert. Als Beispiel führen sie die Ermordung Cäsars an, die als ein lokales Ereignis vielmehr das gesamte Römische Imperium betroffen habe. Erforderlich sei daher, so die Herausgeber, eine spezifische Definition von Lokalgeschichte, die über die Dimensionen Raum und Zeit hinausgehe und etwa persönliche Bezüge berücksichtige. Es gelingt jedoch nicht aufzuzeigen, wie persönliche Zugänge einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Lokal- und Regionalgeschichte leisten können. An dieser Stelle sei anzumerken, dass Cäsars Ermordung sicherlich auch eine lokalhistorische Bedeutung für die Stadt Rom hatte. Doch hängt dies vielmehr von den Fragen ab, die wir an Lokalgeschichte stellen, wie Alma Hannig in ihrem Beitrag zu den Universitätsmuseen und - sammlungen in diesem Sammelband aufzeigt.
Eine große Rolle, so die Herausgeber weiter, spielt im vorliegenden Band zudem die Verknüpfung von großer Geschichte und Lokal- und Regionalgeschichte. Doch lässt diese Herangehensweise viel Potenzial für die Lokal- und Regionalgeschichte sowie für das historische Lernen außen vor. [2] Daher verpasst die Einleitung die Gelegenheit, eigene Akzente zu setzen und eine spezifische Fragestellung zu entwickeln. Insgesamt beinhaltet der Sammelband kaum neue Perspektiven zu diesem Thema.
Eine Ausnahme bildet Sandra Müller-Tietz, die in ihrem Beitrag drei Arten von Wissensbeständen von Lokal- und Regionalgeschichte in Schulbüchern Nordrhein-Westfalens definiert: regionale Bezüge zur Vermittlung inhaltlichen historischen Wissens sowie methodischen Wissens und regionale Bezüge zur Analyse von Geschichts- und Erinnerungskultur. Hierdurch gelingt es ihr, Kategorien zu entwickeln, die auf Schulbücher anderer Bundesländer übertragbar sind und die Lehrkräfte dabei unterstützen können, den Umgang mit Lokal- und Regionalgeschichte im Schulbuch zu reflektieren und für sich entsprechend nutzbar zu machen.
Anke John erweitert dann in ihrem Aufsatz zur Region als historische Maßstabsgröße den Blick weit über die Rheingegend hinaus auf lokale und regionale Themen in den aktuellen Curricula der anderen Bundesländer. Der jeweilige Umgang mit regionaler Geschichte, so Anke John, bietet die Möglichkeit, Unterricht oder pädagogische Angebote neu auszurichten oder zu überdenken. Hierzu zählen die Art und Weise, wie Jugendliche ihre Nahumwelt wahrnehmen, sowie die Motive von Lehrkräften, lokale und regionale Geschichte in ihren Unterricht zu integrieren. Für Letztere seien Aspekte wie der Zugewinn an Motivation, kooperative Lehr- und Lernerfahrungen sowie die Möglichkeit, mit Originalquellen in Berührung zu kommen, entscheidend. Daher hätten die beiden anderen Aufsätze des Themenbereichs Schule eine wesentliche Ergänzung zu Anke Johns Aufsatz bieten können. Doch sind die darin präsentierten Beispiele kaum konkretisiert und methodisch für den schulischen Kontext aufbereitet.
Der zweite Teil des Bandes beinhaltet eine Reihe von Beiträgen, die sich allerdings auf die Beschreibung von Angeboten oder Ausstellungskonzepten in lokalgeschichtlichen Museen und Einrichtungen beschränken. Die von Anke John in ihrem Aufsatz angesprochenen Chancen und Anknüpfungspunkte werden daher nur in einzelnen Beiträgen konkretisiert. Insgesamt mangelt es daher in diesem Teil an detaillierten Darstellungen der Methoden, die zur Vermittlung von Lokal- und Regionalgeschichte an Schüler:innen und Besucher:innen eingesetzt werden.
Die Beiträge allerdings, die sich konkret und vertieft mit Konzepten und Beispielen befassen, fungieren als Anregung für regionalhistorisches Arbeiten und die Übertragbarkeit auf andere Projekte, Institutionen oder sogar Regionen. Genannt sei der Aufsatz von Helmut Rönz und Ute Schumacher, die sich mit der Erreichbarkeit einer interessierten Öffentlichkeit über digitale Angebote und der Möglichkeit der Partizipation auseinandersetzen.
Einen vertieften Einblick in lokal- und regionalgeschichtliche Konzepte liefert Angela Schwarz. Anhand konkreter digitaler Formate veranschaulicht sie die vielfältigen Möglichkeiten des Umgangs mit Lokalgeschichte, darunter die Partizipation bei Citizen-Science-Projekten oder die Erforschung der Popularisierung von Lokalgeschichte. Damit bietet sie konkrete Anknüpfungspunkte für Projekte in Schulen und einer interessierten Öffentlichkeit.
Alma Hannig zeigt eindrucksvoll, welche Chancen, Fragen und Zugänge sich für die Auseinandersetzung mit lokal- und regionalgeschichtlichen Themen für die Wissensproduktion und -kommunikation bieten. Dies tut sie an zahlreichen Beispielen zu den Universitätsmuseen und -sammlungen, die entweder nicht unmittelbar mit Geschichte zu tun haben oder die große Geschichte repräsentieren. Die konkreten Beispiele ermöglichen die Übertragbarkeit auf andere Sammlungen und dienen der Anregung. Gleichzeitig werden auch digitale Perspektiven aufgegriffen.
Insgesamt bietet der Sammelband einige neue Akzente im Bereich der Lokal- und Regionalgeschichte, dürfte aber vor allem Akteur:innen des Rheingebiets einen Überblick über Möglichkeiten und Angebote vor allem diverser Institutionen bieten.
Anmerkungen:
[1] Anke John: Lokal- und Regionalgeschichte, Frankfurt/Main 2018.
[2] Vgl. im Gegensatz dazu im vorliegenden Band Anke John: Die Region als historische Maßstabsgröße. Experimentierfeld und Schule historischen Denkens, in: Peter Geiss / Michael Rohrschneider (Hgg.): Historische Bildung regional. Konzepte - Orte - Institutionen, Göttingen 2025, 101-116, hier 110f.
Miriam Montag-Erlwein