Katarzyna Kuras / Krzysztof Fokt (eds.): Memory, Identity, and Governance in Early Modern Poland-Lithuania (= East Central Europe, 476-1795; Vol. 7), Turnhout: Brepols 2025, 528 S., 8 Farb-, 17 s/w-Abb.
5 Kt., ISBN 978-2-503-61936-1, EUR 125,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Pavlína Rychterová (ed.): Historiography and Identity VI. Competing Narratives of the Past in Central and Eastern Europe, c. 1200 - c. 1600, Turnhout: Brepols 2021
Andreas Speer / Robert Maximilian Schneider (Hgg.): Curiositas, Berlin: De Gruyter 2022
Marco Conti / Tommaso Duranti (a cura di): Forme di dissenso. Attori, pratiche, linguaggi (Bologna, XIV-XV sec.), Roma: Viella 2025
Die in den letzten Jahren deutlich intensivierte Hinwendung der historischen Forschung zu transregionalen und vergleichenden Perspektiven hat nicht zuletzt zur Etablierung neuer editorischer Formate geführt, die traditionelle, oftmals nationalstaatlich geprägte Deutungsmuster gezielt hinterfragen. In diesem Kontext ist auch die von Darius von Güttner-Sporzyński initiierte Reihe East Central Europe, 476-1795 AD/CE zu verorten, die seit ihrer Gründung beim Verlag Brepols den Anspruch verfolgt, die Geschichte Ostmitteleuropas zwischen Spätantike und früher Neuzeit in einer methodisch reflektierten und grenzüberschreitenden Perspektive neu zu erschließen.
Der vorliegende Band markiert die mittlerweile siebte Veröffentlichung dieser noch jungen, aber programmatisch ambitionierten Reihe und unterstreicht deren zentrales Anliegen, die historischen Entwicklungen der Region durch vergleichende Zugriffe sowie durch die Integration innovativer Forschungsansätze neu zu beleuchten. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Aufsatzsammlung dem polnisch-litauischen Herrschaftsgefüge der frühen Neuzeit, das als ein komplexer, vielschichtiger und in hohem Maße dynamischer Machtraum erscheint. Die Adelsrepublik wird dabei nicht als statische politische Einheit verstanden, sondern als ein pluralistisches Gefüge, dessen Stabilität und Wandlungsfähigkeit gleichermaßen aus der Interaktion unterschiedlicher sozialer, kultureller und politischer Kräfte hervorgingen.
Der Band versammelt insgesamt 17 Beiträge und ist in sechs thematische Blöcke gegliedert, die unterschiedliche Zugänge zur politischen, sozialen und kulturellen Verfasstheit der polnisch-litauischen Union eröffnen. In der umfangreichen Einleitung "The Composite Nature of Poland-Lithuania: Political, Cultural, and Social Dynamics in Early Modern East Central Europe" entfalten die Herausgeber ein ambitioniertes Deutungsmodell: Polen-Litauen erscheint als eine "composite polity", deren Identität aus dem spannungsreichen Zusammenspiel von historischer Erinnerung, institutioneller Kontinuität und gesellschaftlicher Transformation hervorgeht. Im Zentrum steht dabei die These, dass "Vergangenheit" in der Adelsrepublik nicht als statisches Reservoir tradierter Formen zu begreifen sei, sondern als ein aktiver, produktiver Faktor politischer und sozialer Praxis. Erinnerung wird als handlungsleitende Kategorie gefasst, die sowohl konservierende als auch innovationsgenerierende Funktionen erfüllt. Diese Perspektive, die sich erkennbar an neueren Ansätzen der Memory Studies, der historischen Anthropologie sowie der Kulturgeschichte orientiert, bildet den konzeptionellen Rahmen für die folgenden Beiträge.
Der erste Themenblock ("The Glorious Past in the Collective Memory and Political Practice") widmet sich den narrativen und symbolischen Konstruktionen von Vergangenheit. Joanna Orzeł untersucht in ihrem Beitrag die sarmatische Ideologie als ein zentrales Deutungsmuster der polnisch-litauischen Adelskultur. Indem sie die Verschränkung von Mythos und Geschichte analysiert, zeigt sie überzeugend, wie der Sarmatismus als identitätsstiftendes Narrativ fungierte und zugleich politische Handlungsoptionen strukturierte. Marek Ferenc knüpft hieran an, indem er die Rezeption der Jagiellonen während des ersten Interregnums untersucht und damit die Funktion dynastischer Erinnerung in Krisenzeiten herausarbeitet. Iwona Barwicka-Tylek erweitert diese Perspektive um eine stärker kulturgeographische Dimension, indem sie die Memoriallandschaft Polens als Raum kollektiver Sinnstiftung interpretiert. Gemeinsam verdeutlichen diese Beiträge, dass Erinnerungskulturen keineswegs bloße Reflexe vergangener Ereignisse darstellen, sondern aktiv in politische Entscheidungsprozesse eingreifen.
Der zweite Themenblock ("Legacies and Identities of the Regions and Provinces and their Developments") verschiebt den Fokus auf die regionale Vielfalt innerhalb der Adelsrepublik. Viktor Brekhunenko analysiert die Transformation ruthenischer Traditionen im Kontext der ukrainischen Kosaken und zeigt, wie unterschiedliche kulturelle Bezugssysteme miteinander verschränkt wurden. Bogusław Dybaś untersucht Livland als einen Raum kultureller und politischer Dualität, während Andrei Matskuk die Rolle der litauischen Sejmiks in der Verteidigung regionaler Autonomie beleuchtet. Diese Beiträge gehören zweifellos zu den stärksten des Bandes, da sie das Konzept der "composite monarchy" empirisch fundiert einlösen und die Vielgestaltigkeit der politischen Ordnung sichtbar machen. Zugleich wird hier deutlich, dass die Adelsrepublik weniger als homogener Staat denn als ein Geflecht konkurrierender Identitäten und Loyalitäten zu begreifen ist.
Im dritten Themenblock ("The History and Memory of Institutions") stehen institutionelle Strukturen und ihre historiographische Verarbeitung im Mittelpunkt. Tomasz Kucharski widmet sich dem Liberum Veto und zeigt, wie dieses in der historischen Forschung zwischen normativer Verurteilung und differenzierter Neubewertung oszilliert. Michał Zwierzykowski analysiert die Bedeutung der Sejmiks für lokale Selbstverwaltung und politische Partizipation, während Zbigniew Hundert die Erinnerung an die Kriege des 17. Jahrhunderts untersucht. Besonders hervorzuheben ist hier die konsequente Verbindung von Institutionengeschichte und Erinnerungsgeschichte, die es erlaubt, institutionelle Praktiken nicht nur als rechtliche oder administrative Phänomene, sondern als kulturell codierte Handlungsformen zu verstehen.
Der vierte Themenbereich ("The Res Publicae of the Commoners: Memory, Social Practice, and Cohesion in the Towns and Villages") stellt eine wichtige Erweiterung des ansonsten stark elitenzentrierten Blicks dar. Maciej Mikuła untersucht die Rechtskultur in Städten und zeigt, wie normative Ordnungen im Alltag verankert waren. Mateusz Wyżga richtet den Blick auf bäuerliche und kleinbürgerliche Identitätsbildungsprozesse und trägt damit zur sozialen Differenzierung des Gesamtbildes bei. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass diese Perspektiven im Gesamtgefüge des Bandes eher randständig erscheinen und das Potential einer systematischeren Einbindung nicht vollständig ausgeschöpft wird.
Der fünfte Themenblock ("Cultural Practices and Their Developments: Communication, Education, Healthcare") widmet sich Fragen der Kommunikation, Bildung und sozialen Praxis. Adam Kucharski analysiert Reisepraktiken als Formen kulturellen Austauschs und sozialer Selbstvergewisserung, während Agnieszka Jakuboszczak die Rolle von adligen Frauen im Spannungsfeld zwischen Tradition und Wandel beleuchtet. Der Beitrag von Katarzyna Pękacka-Falkowska und Jakub Węglorz zur Medizin- und Gesundheitsgeschichte eröffnet schließlich eine selten berücksichtigte Perspektive auf den Alltag der frühneuzeitlichen Gesellschaft. Diese thematische Breite ist zweifellos eine Stärke des Bandes, führt jedoch zugleich zu einer gewissen Heterogenität, die nicht immer durch eine klare konzeptionelle Klammer zusammengehalten wird.
Der abschließende Themenblock ("Intact Deposits of Faith? Religious Developments in Poland-Lithuania") greift die religiöse Dimension der Adelsrepublik auf. Sławomir Kościelak untersucht konfessionelle Spannungen in Preußen, während Stanisław Witecki religiöse Praktiken und Reformprozesse im 18. Jahrhundert analysiert. Beide Beiträge zeigen eindrücklich, wie religiöse Identitäten und Praktiken zur Stabilisierung, aber auch zur Transformation sozialer Ordnungen beitrugen.
In der Gesamtschau überzeugt der Band durch seine thematische Breite, die hohe fachliche und inhaltliche Güte vieler Einzelbeiträge sowie durch die konsequente Einbindung neuerer kultur- und erinnerungsgeschichtlicher Ansätze. Hervorstechen mag allem voran die empirische Fundierung der Studien, die auf einer intensiven Auswertung oftmals schwer zugänglicher Quellen basiert. Der Band leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Internationalisierung der Forschung zur polnisch-litauischen Adelsrepublik.
Gleichwohl treten auch deutliche konzeptionelle Schwächen zutage. So bleibt die programmatische Leitkategorie der "composite nature" vielfach auf der Ebene der Einleitung stehen und wird in den Einzelbeiträgen nicht immer systematisch weitergeführt. Die thematische Gliederung wirkt stellenweise additiv, und es fehlt an einer übergreifenden Synthese, die die vielfältigen Perspektiven stärker miteinander verschränkt. Hinzu kommt eine weiterhin erkennbare Dominanz polnischer Forschungsperspektiven, die zwar durch einzelne Beiträge aufgebrochen wird, jedoch insgesamt bestehen bleibt.
Insgesamt präsentiert sich ein anregendes Werk, dessen Erkenntnisgewinn paradoxerweise gerade aus der Diskrepanz zwischen hohem Anspruch und tatsächlicher Umsetzung resultiert. Während die ambitionierte Konzeption nur bedingt umgesetzt wird, fungiert der Band als wichtiger Wegweiser: Er dokumentiert den Status Quo und unterstreicht gleichzeitig die Notwendigkeit einer konsequenteren vergleichenden Perspektive innerhalb der Region.
Paul Srodecki