Jens Kolata: Krankheit, Wissen, Disziplinierung. Öffentliche Gesundheitsfürsorge in Frankfurt am Main zwischen Sozialhygiene und Eugenik 1920-1960 (= Studien zur Geschichte und Wirkung des Holocaust; Bd. 9), Göttingen: Wallstein 2024, 490 S., ISBN 978-3-8353-5588-0, EUR 46,00
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Jens Kolata, Historiker am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main, versteht seine Studie über die öffentliche Gesundheitsfürsorge in Frankfurt als "Sonde" für "eine umfassendere sozialgeschichtliche Betrachtung" (14), um die Rolle des Stadtgesundheitsamtes innerhalb eines Netzwerks von Akteuren in den Feldern der Gesundheitsfürsorge, Sozialhygiene und Eugenik zu bestimmen. Der Autor hat das vom Frankfurter Gesundheitsamt finanzierte Projekt über die Gesundheitsfürsorge am Beispiel von zentralen Themensträngen für den Zeitraum 1920 bis 1960 organisiert, die auch chronologisch die Hauptkapitel des Buches bilden.
In Anlehnung an das Konzept der Sozialdisziplinierung des Historikers Detlev Peukert behandelt das erste Kapitel die Rolle des Stadtgesundheitsamtes im Feld sozialer Reformen wie der Sozialhygiene und Eugenik in der Weimarer Republik. Der Fürsorgebegriff umfasst dabei gerade die Spannung zwischen Fürsorge und Kontrolle, was in den Feldern der sogenannten Psychopathenfürsorge, der Eheberatung und Sterilisation, der Geschlechtskrankenfürsorge und der Bewahrungsdebatte deutlich wird. Das zweite Kapitel betrachtet diese Bereiche für die NS-Zeit und das abschließende dritte Kapitel für die Nachkriegsjahre.
Der Autor arbeitet bereits für die Zeit vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten autoritäre und ideologisierte Handlungsweisen im Feld der Gesundheitspolitik heraus. Für die bislang nur wenig in Studien einbezogenen Bereiche der Geschlechtskrankenfürsorge oder für die Praxis von Gesundheitsämtern in der psychiatrischen Fürsorge zeigt er deren zentrale Bedeutung für die Implementierung eugenischer Sichtweisen auf. Er will damit über bisherige Darstellungen der Geschichte des Frankfurter Stadtgesundheitsamtes von Monika Daum und Hans-Ulrich Deppe mit dem Fokus auf die Eugenik oder dem institutionengeschichtlich orientierten Band von Thomas Bauer, Heike Drummer und Leoni Krämer wie auch über die Festschrift von Sabine Börchers hinauskommen.[1] Das gelingt ihm souverän.
Jens Kolata konzentriert sich auf die behördliche Praxis und die Betroffenen auf ihrem Weg durch Behörden, Polizeistellen, Heime, Krankenhäuser und Anstalten. Er widmet sich dabei vier Aufgabenschwerpunkten: erstens der psychiatrischen Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie der fürsorgerischen Betreuung psychisch Kranker und zweitens der eugenischen Aufgabengebiete wie Begutachtungen für Anträge auf "Ehestandsdarlehen" oder "Ehetauglichkeit" sowie Mitarbeit an der Sterilisationspraxis. Drittens nimmt er die Tätigkeit des Stadtgesundheitsamtes im Bereich der Geschlechtskrankenfürsorge in den Blick und viertens die Rolle von Dienststellen des Stadtgesundheits- wie des Fürsorgeamts bei der Einweisung in Arbeitshäuser, Heilanstalten und Heime wie auch in Konzentrationslager oder "Jugendschutzlager". Er rekonstruiert damit ein Geflecht von Handlungsträgern, die im kommunalen Raum Frankfurts die Geschicke vieler Menschen bestimmten.
So hinterfragt er bisherige Aussagen der Beteiligten wie das Entlastungsnarrativ, wonach vom Frankfurter Stadtgesundheitsamt nur wenige Überweisungen von Klienten in Heil- und Pflegeanstalten erfolgten. Er kann die Tatsache der niedrigen Überweisungszahlen, die auch durch andere Arbeiten statistisch belegt ist [2], durch eigene Aktenstichproben bestätigen, doch verweist er auf das Gesamtgeflecht, in dem das Stadtgesundheitsamt in Frankfurt wirkte, hatte es doch in vielen Fällen die Unterbringung in der Nervenklinik Frankfurt erst angestoßen. Das Desiderat einer näheren Untersuchung der Rolle des städtischen Fürsorgeamts, das als Kostenträger die Ziele der Verlegungen bestimmte, wird ausdrücklich benannt.
Eine Entnazifizierung fand nach 1945 auch in Frankfurt statt; 37 Prozent des städtischen Personals wurden aus politischen Gründen entlassen. Dabei wurde der Leiter des Stadtgesundheitsamts, Werner Fischer-Defoy, von Karl Schlosser, seinem Vorgänger bis 1933, abgelöst, was ein auch andernorts feststellbares Muster der versuchten Anknüpfung an "gesundheits- und sozialpolitische Traditionen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik" (300) darstellte. Die Anknüpfung an traditionelle Muster einer autoritären Fürsorge, sei es bei der Geschlechtskrankenfürsorge in ihrer Vermischung mit der als gefährdet erachteten "Sittlichkeit", in der psychiatrischen Begutachtung und Fürsorge, bei Debatten über "Bewahrung" und Eheberatung oder der Weiterführung der "Erbkartei" bis in die 1960er Jahre zeigte in vielen Feldern in Frankfurt eine Kontinuität. Psychiatrische Fachärztinnen und Fachärzte, die zuvor in der Nervenklinik Frankfurt bei Klinikdirektor Karl Kleist gearbeitet hatten, stellten in der Nachkriegszeit fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Dienststellen des Stadtgesundheitsamtes, die erbbiologisch arbeiteten. Der Prozess des "unlearning eugenics" (Dagmar Herzog) benötigte noch lange, und "eugenische Residuen" (420) finden sich in den nichtdirektiven Ansätzen humangenetischer Beratung bis zur Gegenwart.
Die Stärke des Buches liegt in der historisch informierten Kennzeichnung des Geflechts der Fürsorgeinstitutionen, die in der NS-Zeit eine bis zum Mord reichende Verfolgung abweichender Menschen sicherstellten, in dem das Frankfurter Stadtgesundheitsamt nur eine, wenn auch wichtige Rolle spielte. Der Autor bezieht vorhandene Literatur und neue Quellen aus Archiven wie auch Fallvignetten in seine Darstellung vorbildhaft ein, um ein differenziertes Bild auf lokaler wie regionaler Ebene zu zeichnen. Noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf die konfessionellen Träger von Fürsorgeeinrichtungen im Frankfurter wie hessischen Raum hätte man sich gewünscht, auch wenn der Anteil der konfessionellen medizinischen wie pflegerischen Infrastruktur in dieser Region eher schwächer ausgeprägt war. Ein vermehrter vergleichender Blick in andere Regionen hätte neben den durchaus erfolgenden Seitenblicken die Perspektive noch geweitet. Doch wiegt diese Kritik an einer beispielhaften Studie angesichts der ansonsten grundsoliden Arbeit nicht besonders schwer.
Anmerkungen:
[1] Vgl. Monika Daum / Hans-Ulrich Deppe: Zwangssterilisation in Frankfurt am Main 1933-1945, Frankfurt a. M. / New York 1991; Thomas Bauer / Heike Drummer / Leoni Krämer (Hgg.): Vom stede arzt zum Stadtgesundheitsamt. Die Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens in Frankfurt am Main, Frankfurt a.M. 1992; Sabine Börchers: Aufklärung - Vorsorge - Schutz. 100 Jahre Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt, Frankfurt a. M. 2017.
[2] Vgl. Moritz Verdenhalven / Albert Vahle / Ataraxia Hofstädter: Verlegungsraten der Universitätsnervenklinik Frankfurt am Main im Nationalsozialismus, in: Der Nervenarzt 94 (2023), 640-646.
Uwe Kaminsky