Rezension über:

Tilman Plath: Peters »unsichtbare Hand«? Außenhandelspolitik und ökonomisches Denken im Russland des 18. Jahrhunderts (= Quellen und Studien zur baltischen Geschichte; Bd. 31), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2025, 272 S., 11 Farbabb. u. 17 Tab., ISBN 978-3-412-53286-4, EUR 60,00
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Rezension von:
Cornelia Soldat
Slavisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Cornelia Soldat: Rezension von: Tilman Plath: Peters »unsichtbare Hand«? Außenhandelspolitik und ökonomisches Denken im Russland des 18. Jahrhunderts, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/05/40362.html


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Tilman Plath: Peters »unsichtbare Hand«?

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Die vorliegende Studie versucht eine Wirtschaftsgeschichte Sankt Petersburgs im 18. Jahrhundert, von der Regierungszeit Peters I. bis zu Katharina II. Der Verfasser geht der Fragestellung nach, ob durch die Gründung Sankt Petersburgs die Wirtschafts- und Handelspolitik des russländischen Reiches maßgeblich zu einem ökonomischen Vorteil für das russische Imperium weiterentwickelt wurde. Er stellt deshalb seiner Analyse von wirtschaftshistorischen Studien die jeweils dominierenden Lehren der politischen Ökonomie gegenüber. Grundsätzlich intendiert der Verfasser eine "Ideengeschichte der Wirtschaftspolitik" und sieht seine Arbeit im Kontext der heutigen wirtschaftsgeschichtlichen Arbeiten unter anderem von Michael Wagner, Erika Monahan, Maria Salomon Arel oder Matthew Romaniello sowie anschlussfähig an die Arbeiten zum Begriff des Imperiums (26).

Nach einer kurzen Einführung in den historischen Kontext zu Russland im 18. Jahrhundert und in das ökonomische Denken in dieser Zeit, das sich im Wesentlichen im Merkantilismus erschöpfte, beginnt der Verfasser zunächst mit einer Beschreibung der am russischen Ostseehandel beteiligten Hafenstädte Riga, Reval, Narva und Wiburg, Archangel'sk und Sankt Petersburg. Zu Riga, Reval und Sankt Petersburg werden Informationen über Hinterland und Organisation, Handelspartner und -waren, Kaufleute und Entwicklung gegeben, während zu den anderen drei Handelshäfen aus nicht genannten Gründen weniger Informationen geliefert werden. So fehlen bei Archangel'sk Angaben zu den Handelspartnern und -waren sowie Informationen zu Kaufleuten, Narva und Wiburg wiederum werden auf drei Seiten ohne weitere Unterteilung abgehandelt.

Obwohl in weiten Bereichen der Studie teilweise sogar farbig markierte Graphen und Tabellen zur Unterstützung der Argumentation abgedruckt sind, handelt es sich bei diesen nicht um eine eigenständige Bearbeitung von Quellenmaterialien durch den Verfasser, sondern die Tabellen sind zumeist zeitgenössischen Studien des 18. Jahrhunderts entnommen, und die Graphen entstammen den Soundtoll Registers Online (http://dietrich.soundtoll.nl) und zeigen im Wesentlichen die dort verzeichneten Schiffsbesuche pro Hafenstadt an.

Im nächsten Teil der Arbeit wird die Handels- und Zollpolitik für jede Herrschergeneration, also für Peter I. (1703-1725), die Epoche der "Palastrevolten" (1725-1762) sowie die Epoche Katharinas II. (1762-1796), dargestellt. Es werden jeweils ökonomische Studien der Zeit, des 19. Jahrhunderts sowie aus der Sowjetzeit zugrunde gelegt. Für das späte 18. Jahrhundert werden außerdem Archivalien mit einbezogen. Nach der Darlegung der Handelspolitik wird diese in Zusammenhang mit dem ökonomischen Denken der Zeit gebracht. Das Fazit lautet in allen Fällen, dass die Handelspolitik in der jeweiligen Epoche mit der Entwicklung des ökonomischen Denkens übereinstimmt, d.h. der Merkantilismus geht zum Ende des 18. Jahrhunderts in die frühe Entwicklung einer Nationalökonomie nach Adam Smith über.

Eines der wichtigsten Analysekriterien des Verfassers ist die Frage nach dem Handelsdefizit der Hafenstädte, im Besonderen Sankt Petersburgs. Hierbei macht er aus, dass bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein Handelsdefizit bestehen bleibt, d.h. es werden mehr Waren importiert als exportiert. Gemessen an diesem Defizit sieht der Verfasser die gesamte Politik in der Zeit, unabhängig davon, welcher ökonomischen Theorie gefolgt wird und ob die Politik eher protektionistisch ist oder nicht, als nicht erfolgreich an. Gründe hierfür sieht er mit den Analysten der Zeit im Wesentlichen darin, dass die Kaufleute im russländischen Reich schlecht organisiert, ungebildet, faul und chaotisch gewesen seien und sich nicht darauf hätten einlassen wollen, eigene Handelsschiffe zu bauen, auszurüsten und über die Ostsee zu schicken (168, 192 et passim).

Hierbei ist jedoch zu bemerken, dass der Verfasser keine Studien zum Binnenhandel im russländischen Reich zum Vergleich heranzieht und zum Beispiel die oben erwähnte Studie von Erika Monahan zu den "Merchants of Siberia" wohl nur zitiert, aber nicht rezipiert hat. Überhaupt wird auf den Handel vor der Zeit Peters des Großen nicht eingegangen, sondern der Ostseehandel wird so behandelt, als wäre vor dieser Zeit gar nichts gehandelt worden. So wird zum Beispiel auch die Hanse, die seit dem Frühmittelalter über Novgorod und Pskov mit der Rus' Handel trieb, mit keinem Wort erwähnt. Auch die großen Fernhandelsnetzwerke, die durch das russländische Reich führten, und die Netzwerke der Kaufleute, die in den letzten beiden Dekaden untersucht wurden, werden nicht zum Vergleich herangezogen.

Methodisch ist die Arbeit nicht den Kulturwissenschaften oder der Digital History zuzuordnen, sondern es handelt sich um eine den Imperiumsstudien verpflichtete Studie, die im Wesentlichen eine Zusammenfassung früherer Arbeiten darstellt und keine neuen Quellen heranzieht. Dies wird in der Einleitung angekündigt und im Folgenden eingelöst. Diese Herangehensweise macht die Ergebnisse der Studien jedoch teilweise redundant. Eine bessere Kenntnis oder ein vergleichender Einbezug des Binnenhandels und des Handels vor dem 18. Jahrhundert hätte ihr mit Sicherheit gutgetan.

So liest sich die Studie in weiten Teilen als eine Weiterführung der in der Historiographie eigentlich schon längst infrage gestellten Geschichte der "Öffnung des Fensters nach Westen" durch Peter den Großen, die Russland hin zu Fortschritt und Zivilisation verändern wollte, was jedoch immer wieder an der Rückständigkeit, der Unbildung und der in alten Traditionen befangenen Bevölkerung gescheitert sei.

Cornelia Soldat