Rezension über:

Jana Ilnicka: Meister Eckharts Pariser Quästion zum Thema 'Relation' im Kontext der universitären Debatte (= Eckhart: Texts and Studies; Vol. 16), Leuven: Peeters 2025, IX + 402 S., Diverse Tbl., ISBN 978-90-429-5011-5, EUR 95,00
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Rezension von:
Görge K. Hasselhoff
Technische Universität, Dortmund
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Görge K. Hasselhoff: Rezension von: Jana Ilnicka: Meister Eckharts Pariser Quästion zum Thema 'Relation' im Kontext der universitären Debatte, Leuven: Peeters 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/05/40533.html


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Jana Ilnicka: Meister Eckharts Pariser Quästion zum Thema 'Relation' im Kontext der universitären Debatte

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Die Erkenntnis, dass der "Mystiker" Meister Eckhart (ca. 1260-1328/9) nicht nur deutsche Predigten, sondern auch eine Vielzahl eigentümlicher lateinischer Bibelkommentare verfasst hat, dürfte sich mittlerweile durchgesetzt haben. Dass er als zweimal an die Pariser Sorbonne berufener Professor - daher "Meister" - auch andere, akademische Werke verfasst haben muss, ist dagegen eher ein Thema der Spezialwissenschaft. Da wegen der posthumen Verurteilung Eckharts als Verfasser "häretischer Sätze" die Überlieferungslage seiner Werke kompliziert ist, war es ein großer Gewinn, als vor beinahe 100 Jahren Martin Grabmann über die Entdeckung von noch unbekannten Quästionenfragmenten Eckharts in einer vatikanischen Handschrift berichtete, sie auswertete und edierte. [1] In der auf Druck des NS-Kulturministeriums vorzeitig eingestellten Edition der Werke Eckharts durch Raymond Klibansky erschien als einer der wenigen Texte als Faszikel 13 (nicht "III", wie die Verfasserin schreibt) eine Edition dieser Quästionen. [2] In der Konkurrenzausgabe des eckhartschen Werks im Kohlhammer-Verlag wurden diese Quästionen anfangs als unbedeutend übergangen und erst 2011 [2015] als Ergänzung in Bd. I/2 (nicht "V", wie die Verfasserin schreibt) neu ediert. [3]

Ihre inhaltliche Aufarbeitung ist das Anliegen der vorliegenden Studie. Sie geht auf eine Doktorarbeit von 2018 zurück, die von Walter Senner (1948-2020) und Markus Vinzent angeregt und betreut wurde. Die Studie selbst ist in einen propädeutischen sowie zwei Hauptteile sowie sehr umfangreiche Appendices gegliedert.

In der sehr knappen Einleitung finden sich eine "Einführung" in die Fragestellung mit Dankworten (1-6), eine Übersicht über die Gattung "Quästio" in Anlehnung an Bernard Bazán und John Wippel [4] (7-15) sowie terminologische Vorbemerkungen (15-18).

Der erste Hauptteil (19-238) nimmt den Überlieferungsträger, in dem die "wiederentdeckten" Quästionen Eckharts enthalten sind, in den Blick. Bei dieser Handschrift (BAV, Vat. lat. 1086) handelt es sich um eine Sammlung von u.a. Exzerpten aus rund 500 akademischen Quästionen aus Paris, die vor 1312-14, dem Zeitpunkt, an dem der Kodex geschrieben wurde, disputiert wurden. [5] Ihr mutmaßlicher Kopist war der Augustinermönch Prosper von Reggio Emilia (ca. 1270-1332/3). Zwanzig der exzerpierten Quästionen thematisieren ausweislich ihres "Titels" den Begriff der Relation. Diese werden mit ihren Auctores einzeln vorgestellt (27-37) und dann - recht schematisch - analysiert (39-136). [6] Die Ergebnisse der sehr ausführlichen Analyse werden wiederum sehr detailliert zusammengefasst (137-164) und tabellarisch (165) bzw. schematisch (166) visualisiert. [7]

Im 7. Unterabschnitt des Kapitels kommt die Verfasserin - endlich! - auf den die Studie titelgebenden Meister Eckhart zu sprechen (167-192), dessen Quaestio VIII (im Kodex II.112) sie nun analysiert [8] und in Relation zu einigen zuvor analysierten Autoren sowie - recht plakativ - u.a. zu Thomas von Aquino, Durandus von St. Pourçain und Johannes Duns Scotus stellt. [9] Eckharts Verständnis von Relation fasst die Verfasserin dabei wie folgt dar: "[W]enn eine Relation auf Aktion oder Passion gegründet ist, hat sie als Fundament nur ein anderes Akzidens. Wenn sie aber auf Qualität oder Quantität gegründet ist, hat sie als Fundament die Substanz. Wenn man dies jetzt auf die Trinitätslehre anwendet, wird die eigene Auffassung Eckharts besonders klar: er nimmt nämlich die Relation, welche auf Quantität und Qualität gegründet ist, in Gott an, wohingegen er die Relation, die auf Aktion oder Passion gegründet ist, von Gott ausschließt." (188) In der Studie folgt eine Analyse des Relationsbegriffs bei Prosper von Reggio Emilia (193-228) sowie eine - weitere - Zusammenfassung der in den analysierten Quästionen geführten Diskussion zum Relationsbegriff (229-237, samt farbenfrohem Diagramm 238). Es habe - so die Verfasserin - den Anschein, "dass Eckhart letztlich derjenige war, der den Anstoß zu dieser Debatte geliefert hat" (229). Gleichwohl gelte: "Ohne Datierung der vorhandenen Texte kann man den chronologischen Verlauf der Diskussion natürlich nicht rekonstruieren [...]" (235).

Der zweite Hauptteil (241-263) verfolgt die Aufnahme des Eckhartschen Relationsbegriffs in den - unedierten - "Wartburger Quästionen" und ausgewählten deutschen Predigten Meister Eckharts. Der Darstellungsteil wird mit einer weiteren Zusammenfassung (267-270) beschlossen.

Es folgt ein Anhang mit synoptischen Editionen, die ihrerseits entweder von einer synoptischen Übersetzung (Meister Eckhart) oder einer Rekonstruktion des im Überlieferungsträger nur abgekürzt wiedergegebenen Textes der jeweiligen Quästion (alle anderen Autoren) sowie einer Kenntlichmachung der jeweiligen "Fragestellung" begleitet sind. In Appendix 1 wird Meister Eckharts Quaestio VIII (273-289) [10], in Apparat 2 werden die Quästionen von Gregorius Lucanus (290-294), "Iacobus b" (294-298), Laurentius (299; 309-312; 313-316), Henricus (300-301), Simon (301-304; 304-316), Iohannes (316-317; 317-321), Guido Carmeliter (322-324), Martinus de Abbatisvilla (?) (325-330; 330-333) und Alanus (333-355) wiedergegeben. In Appendix 3 folgen Texte Prospers (356-388). Appendix 4 enthält eine Edition der "Wartburger Quästion über die Relation" (389-392), die ihrerseits eine deutsche Zusammenfassung von Meister Eckharts Quaestio VIII zu sein scheint. Das Buch wird mit einer Bibliografie (393-402) beschlossen, die auf dem Stand von vor 2018 ist. [11]

Die vorliegende Studie hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits kommt der Verfasserin das große Verdienst zu, anhand ausgewählter, zum Teil bislang unedierter Texte zu zeigen, in welchem intellektuellen Milieu Eckharts Quaestio VIII zu verorten ist. Andererseits jedoch drängt sich bei der Lektüre der Eindruck auf, dass das, was die Verfasserin über eine der untersuchten Quästionen schreibt, in analoger Weise auch für ihre Arbeit gilt: "Die Schwierigkeit der Quästion [Simons] besteht darin, dass die Argumentation wegen der häufigen Gedankenabkürzungen nicht immer leicht zu verstehen ist." (69), nur dass es hier weniger die Abkürzungen als vielmehr die Redundanzen und z.T. grobe handwerkliche Fehler sind, die den Lesefluss hemmen. Gleichwohl sind insbesondere die Editionen des Anhangs hervorzuheben; sie sind ein gewichtiger Beitrag zur Erforschung des Pariser Universitätslebens um 1300.


Anmerkungen:

[1] Martin Grabmann: Neuaufgefundene Pariser Quaestionen Meister Eckharts und ihre Stellung in seinem geistigen Entwicklungsgange. Untersuchungen und Texte (1927), in: Ders.: Gesammelte Akademieabhandlungen, Paderborn 1979, 261-382, hier 372-380 [1927: 112-120]; Grabmann schätzte die von der Verfasserin analysierte Quästio allerdings als "zweifelhaft" ein.

[2] Magistri Eckardi opera latina. Fasciculus 13. Quaestiones Parisienses, edidit Antonius Dondaine O.P., commentariolum de Eckardi magisterio adjunxit Raymundus Klibansky, Leipzig 1936, hier 25-43.

[3] Meister Eckhart: Lateinische Werke [= LW] Band 1,2, hg. v. Loris Sturlese, Stuttgart 2015, 453-469.

[4] Im Literaturverzeichnis wird die Studie von Bazán und Wippel (Bernardo C. Bazán et al.: Les questions disputées et les questions quodlibétiques dans les facultés de théologie, de droit et de medecine (Typologie des Sources du Moyen Âge Occidental, 44-45), Turnhout 1985 - noch verkürzt! - als Gemeinschaftswerk beider, allerdings ohne Seitenangaben angegeben, während in den entsprechenden Fußnoten Bazán als alleiniger Verfasser genannt wird.

[5] Die "Beschreibung" der Handschrift (21-23) ist sehr knapp und gegenüber Sturleses ebenfalls knappen Notizen in LW I,2, 456-460, ein Rückschritt. Bei einer Studie, die sich explizit mit dem Inhalt eines Überlieferungsträgers beschäftigt, wäre eine Untersuchung desselben erwartbar.

[6] In die Analyse haben sich eine Reihe Inkonsistenzen eingeschlichen, z.B. sei "neulich" eine Studie erschienen, die zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buchs 20 Jahre alt ist (49, Anm. 13); Anmerkungen belegen Gesagtes nicht (53, Anm. 19); das Analyseschema wird grundlos verlassen (62f. zu Laurentius ohne Darstellung der Quästion; 116f. mit einer Zusammenfassung, die sonst nicht gegeben wird); Sätze sind nicht vollständig (69; 98), usw.

[7] Logische Ungenauigkeiten werden dabei kommentarlos wiedergegeben: "Der Vater wäre Vater auch ohne den Sohn, kraft der ihn konstituierenden wesentlichen Eigenschaft der Vaterschaft" (163) - hier wäre zumindest die Frage angemessen, ob es eine Eigenschaft ohne ihre Realisation geben kann.

[8] Den Neologismus "scholastischgerecht" (175) verstehe ich nicht.

[9] Keiner dieser Autoren wird im Quellenverzeichnis aufgeführt.

[10] Ein wiederholter grammatikalischer Fehler ist die Formulierung "jedes [statt: jeder!] der Pole" (278, viermal 287 usw.).

[11] Zudem ist Grabmanns grundlegende Untersuchung von 1927 gleich zweimal (393; 397) aufgenommen, in beiden Fällen aber nur unter Angabe von fünf der ursprünglich 124 Seiten nach dem Wiederabdruck von 1979.

Görge K. Hasselhoff