Stephanus de Borbone: Tractatus de diversis materiis predicabilibus. Quarta pars. De dono fortitudinis (tituli 1-7a). Ed. by Jacques Berlioz / Luc Ferrier (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis; CXXIV C), Turnhout: Brepols 2025, LII + 713 S., eine Tbl., ISBN 978-2-503-60730-6, EUR 485,00
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Im Buch Jesaja (Jes 11,2-3) werden sieben Gaben des Heiligen Geistes erwähnt: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Sie gelten als besondere Befähigungen, durch die Gläubige in die Lage versetzt werden, ein Leben im Sinne Gottes zu führen - die dona Spiritus Sancti werden so zu Seelenführern. Fortitudo verweist dabei auf den Mut und die Standhaftigkeit im Glauben, besonders in schweren Zeiten oder bei Widerständen. Das donum fortitudinis lässt Menschen auch in Zeiten der Furcht richtig handeln; es hilft, Schwierigkeiten, Verfolgung oder Schmerz auszuhalten, ohne den Glauben aufzugeben; es lehrt das aktive Handeln für das Gute - auch unter großen Opfern. Étienne de Bourbon (1190-1261) widmet dieser Gabe den vierten Teil eines gewaltigen Traktats, der Gegenstand der vorliegenden Edition ist.
Étienne wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts in der Region Bourbonnais geboren, trat früh dem noch jungen Predigerorden bei und widmete sich vor allem der Seelsorge und der Bekämpfung abweichender Glaubenslehren. Als reisender Prediger zog er durch verschiedene Regionen Frankreichs und entfaltete ein pastorales Engagement, in dessen Verlauf er nicht nur predigte und Beichte hörte, sondern auch all die Geschichten sammelte, die ihm mündlich oder schriftlich zuflossen. Er hielt sie in seinem opus magnum fest, dem Tractatus de diversis materiis praedicabilibus ("Abhandlung über verschiedene für die Predigt geeignete Themen").
Im Tractatus stellte er im Zeitraum zwischen 1250 und 1261 zahlreiche kurze Beispielerzählungen (Exempla) zusammen, die anderen Dominikanerpredigern als praktisches Handbuch dienen und anschauliches Material für ihre eigene Verkündigung zur Verfügung stellen sollten. Verständlich, eindringlich, lebenspraktisch - so sollten Predigten sein, und der Tractatus lieferte dafür das Material. Exempla (und weitere similitudines, rationes und auctoritates) öffnen ein Fenster hinein in das Alltagsleben, die Frömmigkeit und die Vorstellungswelt der Menschen im 13. Jahrhundert.
Einige Editionsbände mit Teilen aus Étiennes umfangreichem Werk liegen bereits vor. [1] Es sollte, den Sieben Gaben des Heiligen Geistes folgend, sieben Teile umfassen, von denen jedoch nur fünf ausgeführt wurden. In der vorliegenden Publikation ist es ein Drittel des der "Gabe der Stärke" gewidmeten vierten Teils, der Gegenstand des editorischen bzw. kommentierenden Zugriffs durch Jacques Berlioz und Luc Ferrier ist. Er enthält von insgesamt 13 Tituli (sie machen rund 43% des Gesamtwerks aus, während die der Gabe der Furcht bzw. der Gabe der Frömmigkeit gewidmeten Teile weit abgeschlagen bei nur 9% landen) die Tituli 1-6 und einen Teil des Titulus 7. Wie Étienne in seinem Vorwort betont, sollte das Werk dazu beitragen, mannhaft, überlegt und ohne große Mühe gegen die Angriffe der Laster vorzugehen ([...] ut viriliter et expedite et faciliter resistat insultibus vitiorum, S. 3). Étiennes Werk beruht vor allem auf zwei Vorbildern, wie im knappen Vorwort überzeugend ausgeführt wird: auf der Vita der Hl. Maria von Oignies, von Jacques de Vitry kurz nach 1231 verfasst, und auf der um 1260 entstandenen Summa virtutum ac vitiorum des Guillaume Peyraut.
Einen ersten Einblick in den vielgestaltigen Inhalt der edierten Exempla bietet eine Tabula materiae titulorum I-VII quartae partis (XXV-LI). So gehört etwa der Stolz (superbia) zu den Lastern, gegen die es fortiter vorzugehen galt. Und wenn Étienne mit einiger Ausführlichkeit unter dieser Rubrik Fragen nach der Bedeutung von Schönheit (konkretisiert in Geschmeide, Kopfbedeckungen, künstlichen Haaren (den "Extensions" des Mittelalters)), von Ehrgeiz, Heuchelei, Ungehorsam, Eigenwillen und der Rebellion gegen die Kirche behandelt, dann wird damit bereits ein breites, nicht theologisch-abstraktes, sondern konkret fassbares und ausgesprochen breites Themenspektrum entfaltet. Man erfährt, wie tief die heterodoxen Risse waren, die die strahlende, nur vermeintlich orthodoxe Fassade der Kirche in ihrer Gesamtheit durchzogen. Es sind eben nicht nur die (wie etwa im Falle von Montaillou) erhalten gebliebenen Zeugenbefragungen von Häretikern durch Inquisitoren, die Eindruck von der Tragweite häretischer Strömungen geben. Andere Gattungen müssen mit einbezogen werden - und Exempla gehören unbedingt dazu.
Als Leithandschrift fungierte (wie in den Bänden zuvor) der Codex Paris, BnF, lat. 15970, entstanden Ende des 13. Jahrhunderts und einst im Besitz des Pierre de Limoges (†1306), der ihn testamentarisch der Sorbonne hinterließ. Ergänzt wurde dieser Hauptcodex durch die Varianten zweier weiterer Handschriften (Paris, BnF, lat. 14599; Heidelberg, Universitätsbibliothek, Salem X, 2, I). Die Gliederung in Tituli, Kapitel und in durch die ersten sieben Buchstaben des lateinischen Alphabets kenntlich gemachte Unterpunkte wurde beibehalten. Der lateinische Text, "de bonne tenue, bien que parfois confus" (XIX), weist eine unbestreitbare Nähe zur gesprochenen Sprache auf, und viele der verwendeten Begriffe sind klar volkssprachigen Ursprungs. Der kritische Apparat ist viergeteilt und umfasst neben dem Nachweis der Bibelzitate und der Quellen auch denjenigen der Marginalien und der Varianten.
Der Kommentar zu den einzelnen Exempla, der an den Editionstext anschließt, verfügt über eine Ordnungsnummer und erwähnt die Quelle, aus der Étienne seine Erzählung schöpfte. In sehr vielen Fällen findet sich hier der schlichte Verweis auf eine persönliche bzw. nicht weiter präzisierbare Quelle (source personnelle / source non précisée) - Hinweis auf das stets wache Ohr des durch die Lande ziehenden Dominikanerpredigers. All diejenigen, denen das Lateinische nicht sonderlich vertraut ist, werden dankbar auf die knappen Inhaltsangaben und bibliografischen Hinweise zurückgreifen, mit denen jeder Kommentar beschlossen wird.
Zwei Editionsbände stehen noch aus. Dann wird eine der umfangreichsten und beeindruckendsten Exempelsammlungen des gesamten Mittelalters in editorisch über jeden Zweifel erhabener Form der Wissenschaft zur Verfügung stehen. Es ist beileibe nicht nur die Spezialdisziplin der Predigtforschung, die von den bereits vorliegenden Texten profitiert, sondern ganz allgemein die Kulturgeschichte, die sich mit der Lebens- und Frömmigkeitspraxis des hohen und späten Mittelalters beschäftigt.
Anmerkung:
[1] Stephani de Borbone: Tractatus de diversis materiis praedicabilibus. Prologus - Liber primus. De dono timoris (Corpus Christianorum, Continuatio Mediaevalis; 124), hg. v. Jacques Berlioz, J. L. Eichenlaub, Turnhout 2002, 638 S.; Stephani de Borbone: Tractatus de diversis materiis praedicabilibus. Secunda Pars: De dono pietatis (Corpus Christianorum, Continuatio Mediaevalis; 124 A), hg. v. Jacques Berlioz, Turnhout 2015, 687 S.; Stephani de Borbone: Tractatus de diversis materiis praedicabilibus. Liber tertius. De eis que pertinent ad donum scientie et penitentiam (Corpus Christianorum, Continuatio Mediaevalis: 124 B), hg. v. Jacques Berlioz, Turnhout 2006, 684 S.
Ralf Lützelschwab