Rezension über:

Giorgio Riello / Maria Hayward / Ulinka Rublack (eds.): A Revolution in Colour. Natural Dyes in Dress in Europe, c. 1400-1800, London: Bloomsbury 2024, XII + 263 S., 50 Farbabb., ISBN 978-1-350-40562-2, GBP 85,00
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Rezension von:
Christine Kleiter
Kunsthistorisches Seminar, Universität Basel
Redaktionelle Betreuung:
Henry Kaap
Empfohlene Zitierweise:
Christine Kleiter: Rezension von: Giorgio Riello / Maria Hayward / Ulinka Rublack (eds.): A Revolution in Colour. Natural Dyes in Dress in Europe, c. 1400-1800, London: Bloomsbury 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/05/40773.html


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Giorgio Riello / Maria Hayward / Ulinka Rublack (eds.): A Revolution in Colour

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Farbe gewinnt in der frühen Neuzeit immer mehr an ästhetischem Wert (1). Der aus einer Online-Konferenz (2021) hervorgegangene Sammelband versammelt zwölf Beiträge an der Schnittstelle von Wissens-, Wirtschafts-, Mode- und Kunstgeschichte sowie Material-Culture-Studien. Im Zentrum steht die Rekonstruktion des verlorenen Wissens (tacit knowledge) des Textilfärbens zwischen 1400 und 1800.

Die Herausgeber*innen interpretieren die materielle Kultur der Renaissance als Teil einer "Farbrevolution", denn das Färben von Textilien setzte sowohl ein vertieftes Wissen über die Gewinnung von Farbstoffen aus Flora und Fauna als auch politischen und ökonomischen Zugang zu bestimmten Regionen voraus (2). Das gewonnene Wissen wurde insbesondere in Rezeptbüchern tradiert, die als zentrale Quellenbasis dienen.

Die Problematik frühneuzeitlicher Farbbeschreibungen ergibt sich aus der erst im 18. Jahrhundert einsetzenden chemischen Stabilisierung von Farben, wodurch sich Farbwortschatz und Differenzierungsvermögen erweiterten. Die daraus resultierende Unschärfe schriftlicher Quellen scheint den Untersuchungsgegenstand - natürliche Farbstoffe und Kleidung in Europa (1400-1800) - zunächst schwer fassbar zu machen. Dem begegnen die Herausgeber*innen mit dem Konzept der "material practice": Rekonstruktion und biochemische Analyse sollen zeigen, dass Farbinstabilität und Farbverblassen konstitutive Eigenschaften frühneuzeitlicher Färbeprozesse waren (4).

Die Einleitung strukturiert das Thema in drei Abschnitten. Erstens wird die wirtschaftliche Bedeutung des Farbstoffhandels und dessen Wandel analysiert, insbesondere die Abhängigkeit europäischer Zentren von asiatischen und später amerikanischen Rohstoffen. Dabei werden neben der gut erforschten Cochenille und verschiedenen Rothölzern auch Gelbhölzer berücksichtigt, um globale Verflechtungen von Landwirtschaft, Handel, Handwerk, Kunst und Wissenschaft nachzuzeichnen (3-4). Zugleich wird betont, dass neue Farbstoffe bestehende wie grana, Kermes oder Krapp ergänzten, jedoch nicht ersetzten (5-6). Zweitens bietet die Einleitung eine konzise Übersicht zur kulturellen Bedeutung von Farben im Untersuchungszeitraum und verknüpft Farbsymbolik mit den Strategien verschiedener Akteure der Textilbranche im Kontext des internationalen Handels. Daraus wird ein Transformationsargument entwickelt, das modische Dynamiken, wissenschaftliche Erkenntnisse, technologische Innovationen sowie gesellschaftliche Zugangsstrukturen integriert (9). Drittens wird das Konzept der "Färbeökologien" historisch-analytisch diskutiert, wobei die Gleichsetzung natürlicher Farbstoffe mit Nachhaltigkeit explizit relativiert wird (16).

Die spezifische Innovationsleistung bzw. die Inhalte der Beiträge bleiben in der Einleitung stellenweise unklar. Begriffe wie "natural dye ecologies" oder "ethnobotany" werden zwar eingeführt, aber nicht konsequent ausgearbeitet (4, 13-16), sodass eine stärkere konzeptionelle Kohärenz für den Band wünschenswert gewesen wäre.

Der erste Teil der Beiträge ("The world of natural dyes") überzeugt insbesondere dort, wo globale Verflechtungen mit materiellen Bedingungen verschränkt werden. Hervorzuheben ist der Beitrag von Giorgio Riello, der Cochenille und Indigo relational analysiert und so unterschiedliche Arbeitsregime - etwa die Abhängigkeit des Indigoanbaus von Sklavenarbeit - sowie Formen des Wissenstransfers sichtbar macht. Theoretisch anschlussfähig ist dabei das Konzept der "subaltern technologies" (Marcy Norton). Aufschlussreich ist zudem die späte Identifikation der Cochenille als Insekt im 18. Jahrhundert, die erst durch mikroskopische Verfahren möglich war und die Verschränkung von materieller Praxis und Erkenntnisinstrumenten verdeutlicht. Andere Beiträge verbleiben stärker deskriptiv: Jo Kirby, Lisa Monnas und Ina Vanden Berghe analysieren in ihrem Beitrag präzise rote Pigmente im frühneuzeitlichen Italien und zeigen u.a. die pragmatische Duldung "illegaler" Färbepraktiken; Marguerite Martins Studie zum französischen Indigohandel ergänzt Riello, verliert jedoch teils an analytischer Schärfe durch umfangreiche Quantifizierungen.

Der zweite Teil ("Dyeing, recipes and colour making") bildet das epistemische Zentrum. Rezepte erscheinen hier, im Anschluss an William Eamon (1985), nicht als statische Anleitungen, sondern als dynamische Wissensspeicher, was Sophie Pitman überzeugend ausarbeitet. Die Rekonstruktion von Rezepten aus Gioanventura Rosettis Plictho (1548), welche in mehreren Beiträgen thematisiert wird (u.a. Pitman; Kirby/Monnas/Vanden Berghe; Dupré/Ortega Saez; Hohti; Rublack), verdeutlicht die Instabilität von Farbtönen und die zentrale Rolle praktischer Erfahrung im Vergleich zu Rezeptbüchern. Sven Dupré und Natalia Ortega Saez analysieren die Semantik von Schwarz und zeigen, dass historische Farbtermini keine eindeutige Zuordnung erlauben. Farbe entsteht im Spannungsfeld von Sprache, Material und Praxis; Auge und Hand fungieren als epistemische Instrumente.[1] Ähnlich argumentiert Kim Siebenhüner zur Indienne-Produktion in der Alten Eidgenossenschaft des 18. Jahrhunderts: Am Beispiel von Laué & Compagnie wird transversales Wissen zwischen Handwerk, Ökonomie und Naturgeschichte sichtbar. Europäische Produkte blieben qualitativ hinter indischen Vorbildern zurück, wurden jedoch ästhetisch adaptiert, sodass Farbe als global zirkulierendes und lokal transformiertes Phänomen erscheint.[2]

Der dritte Teil ("Colour, dress and fashion") fokussiert soziale und kulturelle Dimensionen. Ulinka Rublack zeigt am Beispiel des Fugger-Kaufmanns Matthäus Schwarz' die Funktion von Kleidung als Medium sozialer Distinktion und betont zugleich den experimentellen, ephemeren Charakter von Farbe. Maria Hayward unterstreicht die Fluidität frühneuzeitlicher Farbterminologien ("feuillemorte", "sad") bei den Stuart-Königen und verweist auf ein wachsendes Interesse an Färberei als proto-wissenschaftlichem Feld mit ökonomischen und nationalen Implikationen. Beverly Lemire setzt mit ihrer Analyse von Weiß und Rot im atlantischen Raum einen dezidiert politischen Akzent, indem sie Farbe als Träger kolonialer Machtverhältnisse interpretiert. Die Verschränkung von Textil und Haut ("social skin", Terence S. Turner [1980] 2012) macht die Instrumentalisierung von Farbe für soziale Hierarchien und Rassentheorien deutlich.

Insgesamt bietet der Band einen facettenreichen Blick auf Textilfärberei zwischen 1400 und 1800. Seine Stärke liegt weniger in einer kohärenten Gesamtargumentation als in der dichten Analyse materieller, epistemischer und sozialer Praktiken. Zwar weist der Band einige Wiederholungen auf; jedoch unterstreichen diese zentrale Themen wie Erfahrungswissen, Farbinstabilität und globale Verflechtungen einschließlich kolonialer und umwelthistorischer Dimensionen. Es entsteht das Bild einer experimentellen Wissenskultur, in der Farbe als Resultat komplexer Aushandlungsprozesse zwischen Natur, Technik und Gesellschaft erscheint. Formal bleibt eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Umsetzung: Neben einem verstärkten Blick auf außereuropäische Färbetechniken, -zentren sowie Stoffbeispiele hätte man sich mehr Augenmerk auf die Farbqualität der Abbildungen gewünscht. Sie beeinträchtigen den Gesamteindruck - ein gesonderter Bildtafelteil bzw. ein digitales Bildangebot wäre wünschenswert gewesen.


Anmerkungen:

[1] Ein Verweis auf weiterführende Arbeiten von einem der beiden Autor*innen wäre hier sinnvoll gewesen: Jenny Boulboullé / Sven Dupré: Burgundian Black: Reworking Early Modern Colour Technologies, Santa Barbara 2022. https://doi.org/10.55239/bb001

[2] Sylvia Houghteling: The Art of Cloth in Mughal India, New Jersey 2022. Vgl. außerdem die Ausstellung Die Blütezeit Indiens - Textilien aus dem Mogulreich, Abegg-Stiftung, 27. April bis 9. November 2025: https://abegg-stiftung.ch/ausstellungen/die-blutezeit-indiens---textilien-aus-dem-mogulreich .

Christine Kleiter