Benjamin Nathans: To the Success of Our Hopeless Cause. The Many Lives of the Soviet Dissident Movement, Princeton / Oxford: Princeton University Press 2024, XIV + 797 S., zahlreiche s/w-Abb., ISBN 978-0-691-25558-3, USD 24,95
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To the Success of Our Hopeless Cause überschreibt Benjamin Nathans seine umfangreiche Darstellung der sowjetischen Dissidentenbewegung. Der Titel ist programmatisch: Er erinnert an den Toast der Dissidentinnen und Dissidenten, etwa bei den alljährlichen Feiern zum Jahrestag von Josef Stalins Tod am 5. März 1953. Gleichzeitig verweist er auf das Anliegen des Autors, zum Nachdenken über zivilgesellschaftliches Engagement auch in scheinbar hoffnungslosen Zeiten anzuregen. Der Untertitel The Many Lives of the Soviet Dissident Movement nimmt zum einen Bezug auf die wiederholten Krisen der Bewegung, die nach "Nahtoderfahrungen" auch "Wiederauferstehungen" erlebte (16). Zum anderen spielt er darauf an, dass Nathans keine Geschichte einzelner Heldengestalten erzählt, sondern viele Leben nachzeichnet, auch die von weniger prominenten Akteurinnen und Akteuren.
Die Dissidentenbewegung entstand in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre als Kettenreaktion auf politische Verfolgungen; ihr Hauptanliegen war die Forderung, staatliches Handeln an Verfassung und Gesetze zu binden, nicht aber das System grundlegend zu reformieren. Diese Idee führt Nathans auf den exzentrischen Mathematiker Aleksandr Esenin-Vol'pin zurück. Zwar spielten westliche Medien und Nichtregierungsorganisationen für die Entwicklung der Dissidentenbewegung eine wichtige Rolle, doch war der Diskurs über Bürger- und Menschenrechte in der Sowjetunion nach Nathans kein Importprodukt aus dem Westen, sondern etwas Eigenständiges: "Soviet Dissidents were not born but made, and made with Soviet ingredients." (294)
Nathans' Buch beruht auf einer breiten Quellengrundlage. Der Autor hat Hunderte Autobiografien und andere Selbstzeugnisse ausgewertet, sowohl aus dem dissidentischen Milieu als auch von Personen, die der Bewegung fernstanden. Hinzu kommen Berichte sowjetischer und westlicher Medien, Materialien von Nichtregierungsorganisationen sowie Samizdat- und Tamizdat-Veröffentlichungen, also im Untergrund vervielfältigte oder im westlichen Ausland publizierte und in die Sowjetunion zurückgeschmuggelte Texte. Auf diese Weise gewinnt Nathans nicht nur Innenansichten der Dissidenz, sondern rekonstruiert auch deren Wahrnehmung durch sowjetische Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sowie ausländische Akteure. Ein besonderer Vorzug der Studie besteht darin, dass sie anhand von Archivquellen wie KGB-Verhörprotokollen, internen Memoranden und Politbüro-Diskussionen erstmals systematisch die Strategien von Staatsführung und Geheimdiensten im Umgang mit der Dissidentenbewegung nachzeichnet. Die Bündelung dieser Perspektiven in einer eleganten, dramaturgisch zugespitzten Erzählung brachte Nathans 2025 den Pulitzer-Preis in der Kategorie Sachbuch ein. Gerade die Multiperspektivität hebt die Studie von früheren Arbeiten zur Dissidentenbewegung ab.
Das Buch gliedert sich in fünf Hauptteile und 22 Kapitel, die den Zeitraum von der Mitte der 1960er Jahre bis zur Zerschlagung der Dissidentenbewegung zu Beginn der 1980er Jahre umfassen. Ein Epilog spannt den zeitlichen Bogen weiter: von den Reformen unter Michail Gorbačev und dem Zerfall der Sowjetunion bis zu Putins Russland, zur Annexion der Krim und der militärischen Intervention in der Ostukraine 2014 sowie zum brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2022.
Die einzelnen Kapitel haben essayistischen Charakter und lassen sich auch unabhängig voneinander lesen. Überzeugend ist, wie Nathans die Etappen der Dissidentenbewegung in breitere sozialhistorische Zusammenhänge und den internationalen Kontext einbettet. Hervorzuheben sind vor allem seine Ausführungen zur Rechtsauffassung und Rechtspraxis in der Sowjetunion, zu Staat und Gesellschaft unter Nikita Chruščev und Leonid Brežnev, zu Transfergeschichten durch den Eisernen Vorhang und zum internationalen Menschenrechtsdiskurs. Zugleich macht Nathans deutlich, dass sich die Bewegung trotz wachsender Aufmerksamkeit im Westen zunehmend von der Gesellschaft entfremdete, aus der sie hervorgegangen war. Ihr fehlten konkrete Konzepte für politische oder ökonomische Reformen. Zudem hielt die Mehrheit der Sowjetbürgerinnen und -bürger an einer stillen Übereinkunft mit dem Regime fest. Diese bestand laut Nathans darin, dass sich die Menschen nach außen konform verhielten; im Gegenzug wurden gewisse Praktiken der Schattenwirtschaft oder kulturelle Nischen geduldet.
Wenngleich Nathans' Studie durch analytische Schärfe, Quellenfülle und erzählerische Kraft besticht, bleibt ein grundlegender Einwand: Der Titel verheißt eine Geschichte der sowjetischen Dissidentenbewegung; tatsächlich konzentriert sich die Studie jedoch im Wesentlichen auf die Moskauer Bürger- und Menschenrechtsszene. Anhand einzelner Persönlichkeiten stellt Nathans zwar die Vernetzung zwischen der Hauptstadt und anderen Regionen beziehungsweise Sowjetrepubliken dar, die Perspektive bleibt aber moskauzentriert. Nathans' maßgeblicher Bezugspunkt ist die russische Kultur. Auf eigenständige Entwicklungen wie in der Ukraine oder im Baltikum geht der Autor nur relativ oberflächlich ein, ebenso auf religiös oder ethnisch geprägte Gruppierungen wie die jüdische Emigrationsbewegung, baptistische oder krimtatarische Gruppen. Gerade angesichts der von Nathans wiederholt erwähnten militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine seit 2014 und der Vollinvasion seit 2022 hätte es nahegelegen, die ukrainische Dissidenz mit ihrer anti-imperialen Stoßrichtung als Kontrast zu den Entwicklungen in der Russländischen Sowjetrepublik stärker in den Vordergrund zu rücken, zumal zur ukrainischen Dissidentenbewegung in den letzten Jahren auch englischsprachige Studien und Textsammlungen erschienen sind. Zumindest hätte Nathans seinen Schwerpunkt bereits im Titel kenntlich machen und in der Einleitung erläutern müssen. So aber entsteht bisweilen der Eindruck, "sowjetisch" werde mit "russisch" gleichgesetzt.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Umgang mit Autobiografien und Memoiren als historische Quellen. Nathans bezeichnet sie zwar selbst als "a gold mine - but a treacherous one" (5). Er übernimmt jedoch vielfach Informationen aus diesen Texten, ohne ihren retrospektiven Konstruktionscharakter hinreichend zu reflektieren. Auch werden einige Studien zur Dissidentenbewegung im Literaturverzeichnis zwar aufgeführt, offenbar aber nicht rezipiert; ein Beispiel ist die Dissertation von Manuela Putz. [1] Sie hat herausgearbeitet, dass Rechtsdiskurse in den poststalinistischen Lagern die zentrale Forderung der Bürger- und Menschenrechtsbewegung nach Einhaltung von Verfassung und Strafgesetzbuch maßgeblich prägten - und somit auch den ehemaligen Häftling Aleksandr Esenin-Vol'pin beeinflussten, den Nathans als alleinigen Ideengeber der Bewegung darstellt.
Nach der Lektüre bleibt ein ambivalenter Eindruck zurück: Einerseits erzählt Nathans die Geschichte der Moskauer Dissidentenbewegung in ihrer soziokulturellen Prägung und internationalen Verflechtung stilistisch brillant, gestützt auf einen enormen Quellenfundus sowie auf zahlreiche scharfsinnige Analysen und Beobachtungen. Andererseits erscheint die leitende Perspektive der Darstellung kritikwürdig; auch der methodische Umgang mit den Quellen und die Rezeption der angeführten Sekundärliteratur überzeugen nicht immer.
Anmerkung:
[1] Vgl. Manuela Putz: Kulturraum Lager. Politische Haft und dissidentisches Selbstverständnis in der Sowjetunion nach Stalin, Wiesbaden 2019.
Anke Stephan