Rezension über:

Aurelia Ohlendorf: Wasserkraft im Dienst des Sozialismus. Die Globalisierung des sowjetischen Staudammbaus (= Transnationale Geschichte; Bd. 17), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 352 S., 34 Abb., ISBN 978-3-525-30264-4, EUR 75,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Benedikt Rößler
Universität Tübingen
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Benedikt Rößler: Rezension von: Aurelia Ohlendorf: Wasserkraft im Dienst des Sozialismus. Die Globalisierung des sowjetischen Staudammbaus, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 5 [15.05.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/05/40819.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Aurelia Ohlendorf: Wasserkraft im Dienst des Sozialismus

Textgröße: A A A

Aurelia Ohlendorf stellt in ihrer 2025 erschienenen Dissertation eine facettenreiche Geschichte sowjetischer Staudammaußenpolitik in den 1960er und 1970er Jahren vor. Mit Schlaglichtern auf Talsperren in Afghanistan und Syrien sowie in Rumänien und Jugoslawien zeigt sie, wie der Global Cold War auch mithilfe von Staudammbauten ausgetragen wurde, die sie als einen wichtigen Bestandteil eines "sozialistischen Globalisierungsprojektes" versteht (29). Die Arbeit reiht sich damit in die stetige Internationalisierung der Staudammgeschichte seit den 2010er Jahren ein. [1] Ihren Fokus auf den Export von sowjetischem Staudammwissen begründet Ohlendorf mit dem "epistemologische[n] Ungleichgewicht zugunsten der westlichen Entwicklungszusammenarbeit" in der bisherigen Forschung zum internationalen Staudammbau (105). Ihr erklärtes Ziel ist es daher zu zeigen, dass "komplexe Flussbeckenentwicklung" bei weitem "kein genuin amerikanisches Konzept" war (22).

Die große Stärke des Buches ist die detaillierte Analyse eben dieser zeitgenössischen Konzepte, auf denen die sowjetische Staudammaußenpolitik aufbaute. Zu Beginn führt Ohlendorf in die konkurrierenden Modelle der Flussbeckenentwicklung ein. Die Tennessee Valley Authority (TVA) wurde 1933 gegründet, um das wirtschaftlich abgehängte Tal vor allem durch den Bau von Wasserkraftwerken zu entwickeln. Während des Kalten Krieges avancierte das TVA-Modell zu einem Exportschlager der US-amerikanischen Entwicklungszusammenarbeit. Dem stellt Ohlendorf das zeitgleich an der Wolga entwickelte Konzept der "komplexen Nutzung von Wasserressourcen" (21) entgegen - auch ein Modell der Regionalentwicklung ganzer Flussbecken mit dem Ziel, sowohl Energie als auch Trinkwasserversorgung, Bewässerung und Schifffahrt zu ermöglichen. Ohlendorf widerlegt hier sehr detailliert die oft beschworene "Singularität" (84) des TVA-Modells. Sie räumt ihm für ein Buch zur sowjetischen Staudammaußenpolitik jedoch viel Raum ein, obwohl es im weiteren Verlauf - etwa als Vergleichsfolie - kaum aufgegriffen wird.

Über die komplexe Nutzung hinaus gelingt es Ohlendorf, die konzeptuellen Grundlagen sowjetischer Entwicklungszusammenarbeit herauszustellen. Sie zeigt, dass die Vorzeichen der Zusammenarbeit für jedes Projekt neu verhandelt wurden und nuanciert damit einseitige Darstellungen von bedingungsloser sozialistischer Solidarität oder wirtschaftlicher Konkurrenz um Absatzmärkte. Die ideologischen Ansprüche an die Partnerländer wurden im Laufe der Dekolonisierung zunehmend pragmatischer: Unter Nikita Chruščev erfuhr der gemeinsame Staudammbau mit Staaten auf einem ausgesprochen "sozialistischen Entwicklungsweg" (117) eine Blüte - nicht zuletzt befördert von einem energiepolitischen Bedeutungsverlust der Wasserkraft in der Sowjetunion selbst. Als um 1960 jedoch deutlich wurde, dass sich viele Länder des globalen Südens nicht klar für eines der konkurrierenden Wirtschaftssysteme entscheiden wollten, erhielten auch Staaten auf einem lediglich "nicht-kapitalistischen Entwicklungsweg" wie Afghanistan oder Syrien sowjetische Unterstützung (117).

Die gewählten Fallbeispiele beleuchten zudem unterschiedliche Ziele und Praktiken der sowjetischen Staudammaußenpolitik. Am Naghlu-Staudamm bei Kabul (1960-1968) zeigt Ohlendorf Kontinuitäten im Wissenstransfer von Projekten in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken auf und porträtiert die Baustelle als Ort eines "gelebten socialist worldmaking" (173). Im Gegensatz zu Stalins Großbauten, die maßgeblich von Gulag-Häftlingen erbaut wurden, waren sowjetische Ingenieure nun angewiesen, den afghanischen Partnern auf Augenhöhe zu begegnen - auch als Kontrast zu vermeintlich neo-imperialistisch auftretenden westlichen Entwicklungshelfern. Eine langfristige Verbrüderung mit einer "afghanische[n] Arbeiterklasse" blieb jedoch aus (173).

An der Tabqa-Talsperre in Syrien (1968-1978) untersucht Ohlendorf, welche Rolle die politische Ausrichtung des Partnerstaates spielte. Es waren politische Erfolge der Baath-Partei, die sowjetische Entscheider dazu bewogen, das Projekt mit Nachdruck zu verfolgen. Zugleich sollten Kaderschulungen und sowjetische Mustersiedlungen auch hier sozialistische Denkweisen an die am Bau beteiligte Bevölkerung vermitteln. Ohlendorf stellt Staudämme damit überzeugend als "Transportmedien von Entwürfen sozialistischer Moderne" vor (23).

Am Eisernen Tor, dem Durchbruchstal der Donau zwischen Rumänien und Jugoslawien (1964-1972), zeigt die Arbeit die Grenzen sowjetischen Einflusses auf. Der Kreml lobbyierte vergeblich für eine multinationale Flussbeckenentwicklung der gesamten Donau im Rahmen des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), unterstützte die bilaterale Umsetzung der Anrainer jedoch letztlich mit Expertise und Equipment. Ohlendorf legt so die sich wandelnden Handlungsspielräume der Sowjetunion und ihrer Partner innerhalb des RGW offen. Das Eiserne Tor bietet für Ohlendorf auch eine Gelegenheit, die umwelthistorische Schattenseite des Staudammbaus zu untersuchen. Sie nutzt die umweltpolitischen Bedenken geschickt, um die transnationale Dimension des Staudammbaus an der Donau durch den Eisernen Vorhang hindurch darzustellen, da westliche und staatssozialistische Staaten in dieser Frage zusammenarbeiten mussten. Bei den anderen Fallbeispielen bleiben solche Perspektiven jedoch unterbelichtet, obwohl sie für deren historische Bewertung hilfreich gewesen wären.

Obwohl Ohlendorf eine sehr detaillierte Analyse der sowjetischen Seite der Staudammaußenpolitik vorlegt, wirkt es unvollständig, eine solche Geschichte ohne die Erfahrungen der Partnerstaaten zu schreiben. So liegt der Fokus in Afghanistan fast ausschließlich auf sowjetischen Akteuren und Institutionen sowie deren Wahrnehmungen und Wissenstransfers. Auch für das syrische Beispiel sind es hauptsächlich sowjetische Darstellungen, die etwa Aufschluss über die Ausbildung sozialistischer Kader am Euphrat geben. Das mag mitunter daran liegen, dass der Quellenzugang für Afghanistan und Syrien stark eingeschränkt ist. Das Kapitel zum Eisernen Tor wirkt dagegen ausgewogener.

Trotz dieser und der weiteren heuristischen Herausforderungen durch die COVID-Pandemie und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine baut die Arbeit jedoch vor allem für Afghanistan und Syrien auf einem soliden Fundament aus sowjetischen Quellen aus dem Staatlichen Wirtschaftsarchiv auf. Das Fallbeispiel Eisernes Tor wird durch jugoslawische und DDR-Bestände zum RGW kreativ über Bande gespielt. Diverse publizierte Berichte, Fachzeitschriften, Zeitungen und Bestände der International Commission on Large Dams runden die Quellenbasis ab.

Aurelia Ohlendorfs Dissertation schließt eine Lücke in der internationalen Staudammgeschichte, die sich bislang wenig mit den globalen Aktivitäten sowjetischer Hydroenergetiker beschäftigt hat. Ohlendorf arbeitet an jedem Beispiel Facetten der sowjetischen Staudammaußenpolitik heraus, die sie zu einem scharfen Bild einer komplexen und hochvernetzten Gruppe aus Ingenieuren, Ministerialen und Regionalexperten zusammenfügt. Über die konkreten Staudammprojekte schließt sie zudem auf den Wandel der konzeptuellen Grundlagen sozialistischer Entwicklungszusammenarbeit und zeigt die Handlungsspielräume der Sowjetunion sowie der Empfängerstaaten auf. All dies macht ihr Buch zu einer lohnenden Lektüre mit gewinnbringenden Anknüpfungspunkten für die globale Dammgeschichte, die transnationale Geschichte der Sowjetunion sowie für die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit.

Anmerkung:

[1] Vgl. Vincent Lagendijk / Frederik Schulze (eds.): Dam Internationalism. Rethinking Power, Expertise and Technology in the Twentieth Century, London 2024.

Benedikt Rößler