Vito Francesco Gironda / Manfred Hettling (Hgg.): Politische Sozialgeschichte im Dialog. Der Briefwechsel zwischen Hans Rosenberg und Hans-Ulrich Wehler, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2025, 702 S., 2 s/w-Abb., ISBN 978-3-525-31167-7, EUR 69,00
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Der Band enthält die umfangreiche Korrespondenz zwischen Hans Rosenberg (1904-1988) und Hans-Ulrich Wehler (1931-2014) von März 1963 bis Februar 1988. Die beiden Historiker hatten sich im September 1962 während eines Forschungsaufenthaltes Wehlers in den USA kennengelernt. Sie schrieben sich regelmäßig; allerdings ging die Frequenz im Anschluss an Rosenbergs endgültige Rückkehr nach Deutschland (1977) deutlich zurück, da nun offenbar Telefongespräche Briefe ersetzten. Rosenberg war jüdischer Abstammung, aber protestantisch erzogen worden. Nach seinem Studium der Geschichte und Philosophie in Köln, Freiburg und Berlin wurde er 1928 bei Friedrich Meinecke in Berlin und vier Jahre später in Köln jeweils mit Arbeiten über die politischen Ideen im Vormärz - besonders des Publizisten und Literaturwissenschaftlers Rudolf Heym promoviert - bzw. habilitiert. Nachdem ihm als 'Halbjuden' schon im Frühjahr 1933 die Venia Legendi entzogen worden war, emigrierte er 1935 über Großbritannien, Kuba und Kanada schließlich in die Vereinigten Staaten, wo er an einem College in Jacksonville (1936-38), am Brooklyn College in New York (1938-59) und an der University of California in Berkeley (1959-1972) lehrte.
Wehler studierte ab 1952 Geschichte, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft und Amerikanistik an den Universitäten Köln, Bonn und Athens/Ohio. 1960 wurde er mit einer Studie über das Verhältnis der Sozialdemokratie zum Nationalstaat von 1840 bis 1914 in Köln bei Theodor Schieder promoviert und 1968 mit einer Arbeit über Otto von Bismarcks "Sozialimperialismus" habilitiert. Im Anschluss an die Assistentenzeit - lange am Lehrstuhl des Amerikanisten und Historikers Erich Angermann - lehrte Wehler 1970/71 an der Freien Universität Berlin (FUB) und von 1971 bis 1996 an der Universität Bielefeld, wo er vor allem mit der Hinwendung zur Sozialgeschichte maßgeblich zur Erneuerung der westdeutschen Geschichtswissenschaft beitrug.
In der Edition werden im Anschluss an zwei umfassende biographische Beiträge, die mit insgesamt mehr als 200 Seiten fast kleine Monographien zu den beiden Historikern sind, die Briefe mit sehr wenigen Ausnahmen veröffentlicht. Ein Überblick über Grundlinien und Probleme der Sozialgeschichte in der Bundesrepublik, ein nützliches Personenregister und ein Quellen- und Literaturverzeichnis schließen die Edition ab, deren Inhalt damit gut erschlossen werden kann. Auch wenn man - wie der Rezensent - Wehler gut kannte [1], bietet die Korrespondenz, die hier nicht in allen Details zu erläutern ist, instruktive Einsichten zu verschiedenen Aspekten, die im Folgenden dargelegt werden. Es handelt sich dabei um Konzepte historischer Forschung, geschichtswissenschaftliche Kontroversen, die daran beteiligten Personen und das persönliche Verhältnis zwischen Rosenberg und Wehler.
Vorrangig tauschten sich Rosenberg und Wehler über Probleme und Konzepte der Geschichtsschreibung aus, besonders die Abwendung vom Historismus und der traditionalen Politikgeschichte mit ihrer Konzentration auf die Machteliten. Demgegenüber verfochten und verfolgten die beiden Historiker ein Forschungsprogramm, das sich auf die systematische Untersuchung ökonomischer und sozialer Strukturen und Entwicklungen konzentrierte. Während sich Rosenberg und Wehler in dieser Hinsicht weitestgehend einig waren, werden im Einzelnen auch Differenzen deutlich. So äußerte Rosenberg in seinen Briefen wiederholt Vorbehalte gegen abstrakte Theorien (so zur "Modernisierung") und das Konzept des "deutschen Sonderweges", das er für zu einlinig hielt. Wehler nahm es seit den 1980er Jahren zurück und ging zumindest für die Zeit bis zu den 1860er und 1870er Jahren nur noch von "Sonderbedingungen" deutscher Geschichte aus [2]. Die Interpretation der Regierung Bismarcks als "bonapartistisch", gegen die sich Rosenberg ebenfalls wandte, gab er sogar noch früher völlig auf. Weniger offen fiel Wehlers Distanzierung von der "Kritischen Theorie", mit der Rosenberg "etwas auf 'Kriegsfuß'" stand, und der "Geschichte als Sozialwissenschaft" aus, die für ihn "nicht das letzte Wort" war (Brief vom 3. August 1976; 548). Im Gegensatz zu Franka Maubach folgern Gironda und Hettling aus dieser Kritik zwar nicht, dass Rosenberg von Wehler lediglich zur Durchsetzung der Sozialgeschichte in Dienst genommen worden sei und stattdessen eine ganzheitliche Geschichte angestrebt hätte [3]. Hinsichtlich der politischen Rolle der Geschichtswissenschaft unterschieden sich beide Historiker aber erkennbar (15 f., 29, 91, 109).
Auch darüber hinaus werden bei aller Übereinstimmung zur Erneuerung der westdeutschen Geschichtswissenschaft auch Differenzen und Konflikte zwischen den verschiedenen Vertretern der Sozialgeschichte deutlich. So verhehlten Wehler und Rosenberg nicht ihre Vorbehalte gegen die Strukturgeschichte Werner Conzes, der sich in den 1960er Jahren noch nicht völlig von der "Volksgeschichte" gelöst hatte [4]. Ebenso skeptisch betrachtete vor allem Wehler den begriffsgeschichtlichen Untersuchungsansatz Reinhart Kosellecks, den er im Januar 1973 wegen seiner verzögerten Zusage für die angebotene Professur in Bielefeld als "Primadonna aus Heidelberg" (437) bezeichnete. Obgleich sich Wehler über den zehn Jahre jüngeren Jürgen Kocka allenfalls milde wegen ungleicher Belastung in der Lehre (Brief vom 10. Januar 1984, 619) und dessen "Unruhe" (Brief vom 6. Februar 1984; 622) beklagte, kann von einer homogenen "Bielefelder Schule" nur eingeschränkt gesprochen werden [5]. Auch wegen der erheblichen Spannbreite der Promotionen und Habilitationen, die an der Universität Bielefeld entstanden, verwenden die Herausgeber deshalb zurückhaltender den Begriff des "akademischen Milieus" (172).
Überhaupt nehmen historiographische Kontroversen in der Korrespondenz besonders bis 1977 in der Korrespondenz breiten Raum ein. So verteidigte sich Wehler - gelegentlich auch aggressiv - gegen die Kritik an seinem 1973 erschienenen Buch über das Deutsche Kaiserreich. Dabei und bei anderen Auseinandersetzungen ermahnte Rosenberg seinen mehr als 25 Jahre jüngeren Kollegen und Freund wiederholt fast väterlich, seine gelegentlich überschießende Polemik gegen Historikerkollegen wie Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand und Thomas Nipperdey zu mäßigen, deren Deutungen und politische Positionen Wehler besonders in den 1960er und 1970er Jahren häufig scharf und z. T. mit persönlichen Invektiven angriff. Später würdigte er aber besonders Nipperdeys Buch zur Geschichte Deutschlands von 1800 bis 1866 (1983) als bedeutende Leistung, obwohl es mit seiner eigenen seit 1987 veröffentlichten "deutschen Gesellschaftsgeschichte" konkurrierte. Rosenberg konnte den ersten Band noch kommentieren und äußerte Interesse an Wehlers 1988 publiziertem Buch über den "Historikerstreit", der aber ansonsten in dem Briefwechsel kaum behandelt wird.
Dagegen diskutierten Rosenberg und Wehler politische Konflikte und Positionen fast nur im Rahmen historiographischer Kontroversen. Beide Historiker verband, dass sie nach Erklärungen für den Nationalsozialismus suchten. Er hatte sie auch biographisch geprägt, Rosenberg durch seine Emigration und Wehler durch seinen Dienst im "Deutschen Jungvolk" und den Verlust seines Vaters im Zweiten Weltkrieg. Demgegenüber sind direkte Bezugnahmen zur Politik in den USA und in der Bundesrepublik selten. So beklagte sich Wehler in seinem Brief vom 26. April 1972 - einen Tag vor dem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt - über die "Innenpolitik mit dieser verflixten Barzelei" (418), und im Februar 1984 wandte er sich gegen die Politik des US-Präsidenten Ronald Reagan. Aber auch die SPD kritisierte er wegen ihrer "Nachgiebigkeit gegenüber grünen Moden" (Schreiben vom 6. Februar 1984; 623). Rosenberg distanzierte sich angesichts der Watergate-Affäre scharf von den "Schrecklichkeiten Nixons" (Brief vom 3. Juni 1973; 444), den er als "Scheißkerl" (Schreiben vom 24. Oktober 1973; 451) bezeichnete.
Nicht zuletzt zeigt der Briefwechsel die enge persönliche Verbundenheit zwischen Rosenberg und Wehler. Jenseits des akademischen Betriebs schrieben sie durchweg auch über ihr Leben und ihre Familien, Krankheiten und Befindlichkeiten. So ermutigte außer Schieder auch Rosenberg den enorm produktiven Wehler 1963/64, ein neues Thema für seine Habilitationsschrift in Angriff zu nehmen, nachdem ihm der amerikanische Historiker Walter LaFeber mit seinem Buch über den US-Imperialismus zuvorgekommen war. 1968 stärkte Rosenberg Wehler in dessen schwierigem Habilitationsverfahren, in dem sich Schieder gegen erhebliche Bedenken in der Kommission nur knapp durchsetzen konnte. Die Freundschaft zwischen Wehler und Rosenberg stärkte auch der Austausch über die Konflikte während der Arbeit des Jüngeren an der FUB, bei der viele Freund- und Feindschaften mit Kollegen entstanden. Wehler tröstete seinerseits immer wieder Rosenberg, der mit zunehmendem Alter depressiver wurde und auch unter anderen Krankheiten litt. Während er Wehlers Arbeit in seinem letzten Brief vom 20. Februar 1988 lobte und ihm für seine Freundschaft dankte, meinte Rosenberg, dass er "im vorgerückten Alter als produktiver wissenschaftlicher Arbeiter leider eine Null geworden" (628) sei.
Kaum erwähnt wird in der Korrespondenz und in den ansonsten gut einordnenden Texten der Herausgeber die Lehre, zu der Wehler und Rosenberg - wie bis heute viele Professorinnen und Professoren - eine ambivalente Einstellung hatten. Sie erscheint in der Korrespondenz zwar auch als Bereicherung der wissenschaftlichen Arbeit, aber oft als Last. Auch zu dem Kreis der Doktorandinnen und Doktoranden tauschten sich die beiden Historiker fast ausschließlich über Hanna Schissler aus, die bei Wehler promovierte und 1974/75 von Rosenberg während ihres Forschungsaufenthaltes in den USA betreut wurde. Nicht zuletzt wird die Rolle der beiden Historiker - vor allem Wehlers - als "Public Intellectuals" nur angedeutet [6]. Insgesamt eröffnet die verdienstvolle Edition aber höchst instruktive Einblicke in den Umbruch, der sich in der amerikanischen und westdeutschen Geschichtswissenschaft von den 1960er- bis zu den 1980er-Jahren vollzog. Studien zur transatlantischen Wissensproduktion und -zirkulation können daran anknüpfen.
Anmerkungen:
[1] Meine 1989 an der Universität Bielefeld abgeschlossene Dissertation über faschistische, antisemitische und radikal nationalistische Bewegungen wurde von Wehler betreut. Nachdem ich Bielefeld anschließend verlassen hatte, blieben wir in loser Verbindung.
[2] Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3: 1849-1914, München 1999, 470, 481, 484. Im Rückblick abwägend: Jürgen Kocka: Looking Back on the Sonderweg, in: Central European History 51 (2018), H. 1, 137-142.
[3] Franka Maubach: Hans Rosenberg. Ein Historikerleben und die ganze deutsche Geschichte, Göttingen 2024, 245, 275.
[4] Dazu: Willi Oberkrome: Volksgeschichte. Methodische Innovation und völkische Ideologisierung in der deutschen Geschichtswissenschaft 1918-1945, Göttingen 1993; Eike Dunkhase: Werner Conze. Ein deutscher Historiker im 20. Jahrhundert, Göttingen 2010.
[5] Vito Francesco Gironda: Was there a 'Bielefeld School of History'? The Project of a New School History in the 1970s and 1980s, in: Storicamente 19 (2023), 1-44, hier: 38.
[6] Dazu umfassender: Paul Nolte: Hans-Ulrich Wehler. Historiker und Zeitgenosse, München 2015, bes. 118-146.
Arnd Bauerkämper