Rezension über:

Eva Illouz: Der 8. Oktober. Aus dem Französischen von Michael Adrian, Berlin: Suhrkamp 2025, 103 S., ISBN 978-3-518-47530-0, EUR 12,00
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Sebastian Voigt
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Sebastian Voigt: Rezension von: Eva Illouz: Der 8. Oktober. Aus dem Französischen von Michael Adrian, Berlin: Suhrkamp 2025, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 6 [15.06.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/06/40684.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Eva Illouz: Der 8. Oktober

Textgröße: A A A

Die Reaktion vieler Linker auf das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 war für die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz ein Schock. Bis dahin hatte sie sich selbst diesem politischen Lager zugerechnet, sich immer wieder äußerst kritisch zur israelischen Politik geäußert und in ihren Schriften den Kapitalismus kritisiert.

Nach dem Terrorangriff war sie schockiert darüber, wie wenig Empathie viele Linke für die grausam ermordeten Israelis empfanden. Anscheinend galten die universalistischen Ideale nicht mehr, wenn es sich um tote Juden handelte. Den Bruch, den Illouz dadurch verspürte, brachte sie in verschiedenen Beiträgen zum Ausdruck, so etwa am 27. Oktober 2023 in der Süddeutschen Zeitung in dem Artikel: "Wir, die Linken? Nicht mehr". Die Gemeinsamkeit einer globalen Linken, die für Emanzipation kämpft, habe sich endgültig als Illusion erwiesen. Mit Linken, die Verständnis für das Massaker aufbrachten, es als Widerstandstat verklärten oder im schlimmsten Fall gar die antisemitische Terrororganisation Hamas als Bündnispartnerin betrachteten, wollte Illlouz nichts mehr zu tun haben.

Den Ursachen dieser Entfremdung geht die in Paris und Jerusalem lehrende Professorin in ihrem Essay "Der 8. Oktober" nach. Der bei Suhrkamp erschienene knapp 100 Seiten umfassende, kleinformatige Band stellt einen Versuch dar, die Entwicklung der Linken, die das Hamas-Massaker nicht als abscheulich ablehnten, analytisch zu fassen.

Im ersten Kapitel "Ein moralisches Rätsel" führt die Autorin einige Beispiele für den konstatierten Bruch an. Besonders prominent rangiert dabei die in Berkeley lehrende Judith Butler, deren Theoreme als grundlegend für die Gender Studies und die Debatten über Queerness gelten. Sie leugnete die massenhafte Gewalt gegen jüdische Frauen durch die Hamas-Terroristen, die Vergewaltigungen und Verstümmelungen. Diese Position ließ Illouz sprachlos zurück: "Die Leugnung und die Freude angesichts der Vernichtungswut der Hamas bleiben für mich ein Rätsel, das mich nicht loslässt. Es wird Zeit brauchen, die absonderlichen Pervertierungen und Verdrehungen zu entziffern, zu denen es gekommen ist." (15) Derartige Terrorapologie finde sich vor allem an Universitäten und bei sich progressiv dünkenden Intellektuellen; deren moralische Integrität gehöre von nun an auf den Prüfstand. Die identitäre Linke verharre in beleidigtem Narzissmus und habe den Universalismus, die Ökonomie und die Kategorie der Klasse eingetauscht gegen Relativismus, "Rasse" und Kultur. In ihren safe spaces bete sie das Mantra der Intersektionalität herunter, habe "weiß" zu einer gefährlichen Farbe gemacht und die Welt dichotomisch in 'gut' und 'böse' aufgeteilt. Zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass ein Teil der intellektuellen und künstlerischen Elite ein solch simples Weltbild vertritt und jeder Differenzierung und Komplexität eine Absage erteilt, ist Illouz ein besonderes Anliegen.

Im folgenden Kapitel beschreibt sie das Mitleid als universell und instinktiv. Gerade die politische Linke habe zu seiner Institutionalisierung beigetragen. Warum greift diese Regung aber nicht hinsichtlich des Massenmords am 7. Oktober? Warum, so fragt Illouz weiter, fokussiert die Linke obsessiv die Situation in Israel und ignoriert andere Konflikte, etwa im Kongo oder im Sudan, weitgehend - Konflikte mit einer viel höheren Anzahl an Toten und unzähligen grausamen Verbrechen? Diese asymmetrische Wahrnehmung werde ergänzt durch die Ignoranz der ideologischen Grundlagen der Feinde Israels. Die antisemitische Hamas propagiere einen genozidalen Heiligen Krieg gegen die Juden und strebe eine islamistische Diktatur an. Diese Aspekte blende die Linke aus, weil sie einem sich "tugendhaft gebendem Antisemitismus" (25) verfallen sei. Sie wähne sich auf der Seite der Tugend, der Moral und der Gerechtigkeit.

Hauptverantwortlich dafür sieht Illouz eine ideologische Entwicklung in den Geisteswissenschaften und die Dominanz der French Theory, die infolge der revolutionären Stimmung in den frühen 1970er Jahren ihren Weg an die amerikanischen Universitäten fand. Ihre Grundlagen bildeten Antikapitalismus, Antikolonialismus und Antiamerikanismus. Sie sei ein Sammelsurium aus Postmoderne, Poststrukturalismus und Dekonstruktion. Bei allen Differenzen wiesen die verschiedenen Strömungen aber zwei Gemeinsamkeiten auf: "eine Ablehnung der Werte der Aufklärung und eine noch inbrünstigere Ablehnung des Westens." (31)

Zwei Merkmale kennzeichneten die Theorie, die Illouz als Pantextualismus und pouvoirisme bezeichnet. Die Gesellschaft werde nicht mehr materialistisch nach Klassen und Produktionsverhältnisses analysiert, sondern in ein Gewebe aus Texten, Zeichen und Diskursen aufgelöst. Der Machtbegriff werde dabei weit ausgedehnt. Akteurslose Machtverhältnisse würden in allen gesellschaftlichen Bereichen verortet. Damit gingen Unterscheidungskriterien verloren, die Differenz zwischen Wissenschaft und Mythos, auch zwischen Wahrheit und Lüge werde eingeebnet. Dadurch seien die Bedingungen für eine autoritäre Wissenschaft gegeben, deren Dogmen sich als nicht falsifizierbar präsentieren. Außerdem habe sich in den letzten Jahrzehnten eine Konkurrenz zwischen Minderheiten entwickelt. Während in den USA Juden lange mit den Schwarzen gemeinsam gegen Diskriminierungen gekämpft hätten, würden sie heutzutage häufig als dominante Minderheit wahrgenommen, die viele Privilegien genieße. Ferner habe das Konzept der Dekolonialität im progressiven Milieu massiv an Bedeutung gewonnen. Kolonialismus werde darin nicht mehr als Ereignis oder vergangene Epoche, sondern als Struktur begriffen, die bis in die Gegenwart hinein ihre Wirkung entfalte.

Diese ideologischen Verschiebungen hätten auch zu neuen politischen Bündniskoalitionen geführt, einer Allianz zwischen Linken und Islamisten. Dieses Bündnis habe sich bereits mit der islamischen Revolution im Iran gezeigt, die von einigen linken Intellektuellen vor allem als antiimperialistisch und legitimer Versuch der kulturellen Erneuerung wahrgenommen wurde: "Mehr noch, der Islamismus galt als ein Klassenkampf und war damit im linken Jargon in den Heiligenschein des antikapitalistischen Kampfes gehüllt." (70) Im Gegensatz dazu gelte Israel als Teil der kolonialen Matrix, die nicht nur Unterdrückungsstrukturen perpetuiere, sondern auch für die ökologische Zerstörung der Welt verantwortlich gemacht werde. Damit werde es zu einer planetaren Gefahr stilisiert, zu einem globalen Übel. Derartiges Denken finde sich bei führenden Ideologen der Ökologiebewegung wie dem Schweden Andreas Malm. Ein politisches Bündnis zwischen Linken und Islamisten bahne sich in vielen Ländern an, sei aber in Frankreich am weitesten fortgeschritten.

Der Hass auf Israel und den Zionismus gehöre in vielen sich progressiv gerierenden Milieus zum guten Ton. Seine Angehörigen wähnten sich auf der Seite der Unterdrückten, auf der richtigen Seite der Geschichte. Die Aversion gegen Israel habe dabei ontologische Züge angenommen. Dieser Hass helfe aber weder den Palästinensern noch eröffne er den Weg zu einer dauerhaften Friedenslösung im Nahen Osten, die so dringend nötig sei.

Aus dem Buch von Illouz spricht eine tiefe Enttäuschung, die Enttäuschung angesichts einer Linken, die den Universalismus verrate und stattdessen antisemitisch-islamistische Mordbanden als potenzielle Bündnispartner ansehe. Die Erklärungen der Autorin stellen einen ersten Versuch dar, diese Entwicklung intellektuell zu durchdringen, ihre Genese zu verstehen. Dabei bleibt Illouz an vielen Punkten etwas grobschlächtig und verharrt an der Oberfläche. Insofern bleibt zu hoffen, dass sie mit "8. Oktober" nur einen ersten Aufschlag zum Verständnis des Bruchs innerhalb der Linken geliefert hat, der sie sich politisch trotz allem noch immer zurechnet. Der Bruch dürfte bleiben und kaum noch zu kitten sein. Wahrscheinlich ist diese Feststellung aber keineswegs tragisch für all diejenigen, die an einer nicht-antisemitischen Linken interessiert sind.

Sebastian Voigt