Matteo Moro: Per non havere cosa alcuna al mundo. Povertà e disciplina della carità fra stato sabaudo e ducato sforzesco (= I libri di Viella; Vol. 546), Roma: Viella 2025, 334 S., ISBN 979-12-5701-020-1, EUR 30,40
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Clemente Miari: Chronicon Bellunense (1383-1412). A cura e con un saggio di Matteo Melchiorre, Roma: Viella 2015
Christophe Imbert (éd.): La Fortune de Cola di Rienzo. Du tribun médiéval à la légende moderne, Paris: Classiques Garnier 2023
Patrick Lantschner: The Logic of Political Conflict in Medieval Cities. Italy and the Southern Low Countries, 1370-1440, Oxford: Oxford University Press 2015
Der aus der Rechtsgeschichte kommende Verfasser widmet nach seiner Dissertation über die Monti di pietà im östlichen Piemont (Universität Vercelli, 2021-22) derselben Region ein zweites Buch. Es geht nun nicht mehr um Kleinkredite zur Überbrückung von Notlagen (das Geschäft der Monti), sondern um das ganze Spektrum vorwiegend öffentlicher Armenfürsorge im 15. Jahrhundert, genauer von 1416-1494. Im Fokus stehen Städte in drei Fürstenterritorien: Biella, Ivrea und Vercelli im Herzogtum der Savoia, Alessandria, Novara und Tortona im Dukat Mailand sowie Casale Monferrato, Hauptort der gleichnamigen Markgrafschaft.
Ein einleitender Forschungsbericht legt den Schwerpunkt auf italienische Arbeiten und englische und französische 'Klassiker', die auch im Rest des Buches Hauptreferenz für Verallgemeinerungen oder Vergleiche sind. Deutsche Studien sind zwar nicht völlig inexistent, vor allem wenn sie - wie der rätselhaft unverwüstliche Aufsatz "Potens und Pauper" von Karl Bosl und Volker Huneckes Buch zu den Mailänder Findelkindern - ins Italienische übersetzt wurden; doch die rege deutschsprachige Forschung zur Armut im Spätmittelalter wurde nicht rezipiert. Zugegeben, Sprachbarrieren gibt es nun einmal, aber das ist hier besonders schade, weil eine solche Erweiterung des historiografischen Horizonts die historische Interpretation vieler Quellenaussagen hätte schärfen können.
Ziel ist, den poveri im Untersuchungsgebiet ein Profil zu geben - auch im Hinblick auf Unterschiede zwischen armen Männern und Frauen -, und die Selbst- und Fremdwahrnehmung der 'Armen' herauszuarbeiten. Ferner soll die Armenfürsorge rekonstruiert werden, sowohl (und in erster Linie) die obrigkeitlichen, vertikalen Maßnahmen als auch die private, horizontale caritas. Dieses ehrgeizige Programm fußt auf einer umwerfenden Masse meist unedierter Quellen. Das sind zum einen normative, administrative und notarielle Texte, zum anderen Suppliken, also Selbstzeugnisse (wenigstens auf den ersten Blick). Zur ersten Gruppe gehören kommunale Statuten und fürstliche Gesetze, Register der Stadtratsbeschlüsse (ordinati), Steuerlisten (estimi), Rechnungsbücher und Testamente, zur zweiten die im Carteggio visconteo-sforzesco im Staatsarchiv Mailand gesammelten Suppliken der Untertanen an den Herzog. Die beste Überlieferung von administrativen Quellen bietet Vercelli.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Schwerpunkt des ersten sind die Hilfsleistungen der (obrigkeitlichen) Institutionen für Arme und Hospitäler, der zweite Teil stellt verschiedene Typen von pauperes anhand individueller Fallgeschichten vor. "Obrigkeit" ist hier rein säkular zu verstehen; kirchliche Autoritäten und deren eventuelle Ansprüche auf Kontrolle der caritas kommen im Buch kaum vor. Moro versucht nicht, eine eindeutige Definition von Armut zu geben (etwa auf Grundlage der bekannten Definition von Michel Mollat, den er sonst häufig benutzt), sondern folgt den verschiedenen Perspektiven, die seine Quellen vorzeichnen. Wie zum Beispiel der fiskalischen Perspektive, die den Ausgangspunkt bildet: In die kommunalen Steuerlisten wurde die unterste Schicht der völlig Verarmten nicht aufgenommen, doch im Lauf des 15. Jahrhunderts erfassten die Kommunen eine Gruppe von miserabiles (Moro verwendet für sie auch den von Annio von Viterbo um 1500 geprägten Terminus pauperes pinguiores), die zwar ein ärmliches Leben führten, aber nicht völlig mittellos und daher besteuerbar waren.
Die kommunalen ordinati bezeugen Verhandlungen um Steuerbefreiungen, beantragt wegen Armut oder Kinderreichtum (im letzteren Fall handelt es sich aber meist nicht um 'Arme'). Außerdem vergaben die Kommunen direkte Subsidien, vor allem während der häufigen Phasen von Nahrungsknappheit, und halfen den ökonomisch Benachteiligten indirekt durch prozessrechtliche Konzessionen (119-121: Zusammenstellung der hierfür in den Stadtstatuten verwendeten Formulierungen). Die kommunal kontrollierten Häuser für Waisen- und Findelkinder und die Potenzierung vieler Hospitäler durch Zusammenlegung und Verwaltungsreformen runden das Bild einer engagierten öffentlichen Armenfürsorge im Piemont des 15. Jahrhunderts ab. Hinzu kommen die testamentarischen Legate von Privatleuten, die Moro anhand ausgewählter Notarsregister eher knapp vorstellt.
Diese Rekonstruktion der institutionellen, vor allem obrigkeitlichen Armenpolitik wird im zweiten Teil durch Zeugnisse zur Selbsteinschätzung der pauperes ergänzt. Aus den zehntausenden Briefen im Carteggio visconteo-sforzesco hat Moro einige Dutzend Suppliken aus Novara, Alessandria und Tortona ausgewählt. Deren Absender reichen vom herzoglichen Funktionär, den das Ausbleiben der Besoldung in Schwierigkeiten gebracht hatte, bis zum armen Mädchen, das wegen Infantizids einer grausamen Hinrichtung entgegensah und (durch lokale Mittelsmänner) um Begnadigung oder Straferleichterung bat. Bedenkt man, dass auch die Kommunalbeschlüsse (ordinati), Moros andere Hauptquelle, oft auf Gesuche der Betroffenen zurückgehen, so ergibt sich, dass ein erheblicher Teil des Buches auf Bittschriften von in Not geratenen Männern und Frauen beruht.
Hier hätte man sich eine eingehendere Diskussion des Zeugnischarakters des Textgenres Supplik gewünscht. Der Verfasser merkt zwar hin und wieder an, dass die Rhetorik dieser Texte einbezogen werden müsse, und zitiert einschlägige Forschungsliteratur, doch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Problematik dieser Selbstzeugnisse und ihres Realitätsgehalts führt er nicht. Es bleibt daher unklar, wie man Suppliken als Quellen für die Praxis - im Unterschied zu den statutarischen Normen - methodisch korrekt auswerten kann. Hinzu kommt, dass das Sozialprofil der vielen Bittsteller höchst unterschiedlich ist und daher auch die Tabellen und die Grafik, mit denen in Kapitel 8 einige in Vercelli erhobene Daten veranschaulicht werden, nur wenige sozialgeschichtlich relevante Schlüsse zulassen.
Die Stärke des Buches ist somit weniger in der Interpretation seiner Befunde in Auseinandersetzung mit der neueren historischen Armutsforschung zu sehen als vielmehr in der Erschließung zahlreicher bisher unbeachteter Quellen. Es ist eine Fundgrube für lebensnahe Geschichten (wie lebensnah, wäre im Einzelfall zu prüfen) aus einer ständig von Not bedrohten Gesellschaft. Die sozial-, rechts- und kulturhistorische Spätmittelalterforschung wird dies dankbar aufgreifen.
Thomas Frank