Rüdiger Bergien / Jens Gieseke / Jakob Mühle (Hgg.): Der BND nach Gehlen. DDR-Spionage - Personal - Wissensproduktion 1968 bis 1990, Berlin: Ch. Links Verlag 2025, 344 S., 10 s/w-Abb., ISBN 978-3-96289-243-2, EUR 35,00
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Zur Geschichte des Bundesnachrichtendiensts (BND) und seines Vorläufers bis zum Ende der Ära Gehlen hat die Unabhängige Historikerkommission (UHK) insgesamt 15 aktengestützte Monografien und Sammelbände vorgelegt und damit unseren Kenntnisstand enorm erweitert. Anders sieht es für die Jahre nach dem Abgang Reinhard Gehlens im Jahr 1968 aus. Hier setzt der vorliegende Sammelband an, der sich mit dem bundesdeutschen Auslandsgeheimdienst nach dessen "mühevolle[r] 'zweite[n] Gründung'" (8) in den 1970er Jahren befasst. Widmeten sich die Studien zu dessen Frühgeschichte insbesondere der Rolle der NS-Vergangenheit, geht es den Herausgebern dieses Buchs um den "Weg des 'Ankommens' des BND in den pluralen und liberaldemokratischen Strukturen der Bundesrepublik". (13) Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Auswertung der DDR-Spionage als eines zentralen Arbeitsfeldes des BND, wenngleich auch allgemeinere Entwicklungen in den Blick genommen werden.
In zwei ausführlichen Beiträgen befasst sich Sabine Sonntag mit Struktur und Personal der DDR-Auswertung sowie mit Personalgewinnung und Ausbildung des BND im gesamten Untersuchungszeitraum. Da sich der Fokus von der bis in die 1960er Jahre dominierenden militärischen Aufklärung des Ostblocks verschob, spielte für die ab 1974 in das Referat eingestellten Personen eine militärische Vorprägung kaum noch eine Rolle. Sehr viel wichtiger wurde für die Angehörigen des Höheren Diensts eine akademische Ausbildung; außerdem mussten sie ein reguläres Auswahlverfahren durchlaufen. Seit 1968 kam ein bis dahin ungekannter personeller Ausbau hinzu, so dass das DDR-Referat im Jahr 1974 mit 20 Dienstposten "das personell am besten ausgestattete Regionalreferat der politischen Auswertung" wurde. (56) Trotz der Modernisierung gelang eine Professionalisierung der Auswertung Sonntag zufolge nur ansatzweise; im BND dominierte vielmehr "ein vorrangig erfahrungsbasiertes, handwerkliches und weniger wissenschaftsbasiertes professionelles Expertiseverständnis". (79)
Die nachrichtendienstliche Wissensproduktion im BND wurde, wie Jakob Mühle darlegt, sehr wohl modernisiert. Bis Anfang der 1960er Jahre hatten die DDR-Berichterstatter versucht, in den Stimmungen der Ostdeutschen Ansätze für eine psychologische Kriegsführung gegen die DDR zu finden und dafür kaum empirisch abgesicherte, mehr auf die Überzeugung der Autoren als auf Informationen aus der DDR basierende Expertisen geschrieben. Dies änderte sich mit dem seit 1962 periodisch erscheinenden "Lagebericht SBZ" (87), der vor allem auf der Analyse offenen Materials beruhte und sehr viel nuancierter war als die früheren "Psychopolitischen Berichte". (89) Mit dem Paradigmenwechsel in der Deutschlandpolitik seit Ende 1969 verschoben sich auch die Anforderungen an die DDR-Berichterstattung des BND. Nun wurde die Informationsbeschaffung modernisiert, die sich kaum noch auf menschliche Quellen aus der DDR stützen konnte, so dass die technische Aufklärung verstärkt wurde. Seit 1967 hörte der BND das Richtfunknetz der SED ab, später kam noch der Telefonverkehr hinzu. Das führte zu einer wahren Informationsflut - allerdings nicht über die oberste Führungsebene - und schuf eine empirische Basis für die im Zuge der Neuen Ostpolitik von Bonn sehr viel stärker nachgefragten Informationen über die Absichten der SED-Führung und den dortigen Stand der deutschlandpolitischen Diskussion. Andererseits wurde dem BND deutlich, "dass sich mit dem Wissen über die DDR auf dem politischen Parkett in Bonn punkten ließ" (112), was dessen Integration in die Ministerialbürokratie förderte.
Da zu Beginn der 1970er Jahre auch in der DDR-Forschung, insbesondere mit den sozialwissenschaftlichen Arbeiten von Peter Christian Ludz und zahlreichen institutionellen Neugründungen ein Paradigmenwechsel eingeleitet wurde, legt dies die Frage nahe, ob die DDR-Auswertung des BND die so gewonnenen neuen Erkenntnisse nutzte. Jens Giesekes detaillierte Untersuchung kann zwar Kontroversen innerhalb der DDR-Forschung beleuchten - etwa zwischen Ludz und dem älteren, auch vom BND finanzierten Institut für Gesellschaft und Wissenschaft der DDR in Erlangen -, konstatiert aber, dass die zeitgenössische DDR-Forschung für die DDR-Auswertung des BND kaum von Bedeutung war. Die BND-Auswerter blieben bei einer "qualitativ-verstehende[n] Hermeneutik auf [...] geisteswissenschaftlicher Grundlage" und hielten "an der Überzeugung fest, dass kommunistische Regime per se unflexibel gegenüber politischem und sozialem Wandel seien, was begrenzte 'taktische' Variationen nicht ausschloss". (151)
Mit der Analyse der Stimmungsberichte aus der DDR zwischen 1985 und 1989 unter dem auf die Frühzeit des BND zurückgehenden Titel "Die psychopolitische Lage" wendet sich Alexander Constantin Elspaß einem Format zu, das wesentlich vom BND-Präsidenten Hans-Georg Wieck geprägt wurde. Da damals sehr viel mehr Ostdeutsche als zuvor in die Bundesrepublik gelangten, konnten nun Informationen aus verdeckten Befragungen von Reisenden, von Reisekadern, Übersiedlern und Flüchtlingen gewonnen werden. Dabei standen Fragen zur deutschen Einheit sowie zur allgemeinen Stimmungslage und zu Krisensymptomen im Mittelpunkt. Ein wichtiger, über die Jahre konstanter Befund war, dass die Wiedervereinigung unter den meisten Befragten zwar als erstrebenswert, aber als unwahrscheinlich galt. Der BND konnte daraus folgern, dass es der DDR-Führung nicht gelang, ein eigenes Nationalgefühl zu wecken. Dass Westreisen zu einem nach 1986 überproportional ausgeprägten Grundbedürfnis geworden waren, auch unter den Anhängern des Regimes, konnte den Befragungen genauso entnommen werden wie die ab 1988 auf 80 Prozent geschätzte Zustimmung zu Gorbatschow, was 1989 zu einem sehr viel offeneren und kritischeren Diskussionsklima in den Betrieben beitrug. Das Westfernsehen blieb, so ein weiterer Befund, die konstanteste Verbindung zwischen Ost- und Westdeutschen. Insgesamt, so konnte der BND den Befragungen entnehmen, ließ die Westorientierung der Bevölkerung den SED-Staat allmählich erodieren, wobei jedoch der Kapitalismus durchaus kritisch betrachtet wurde. Elspaß zufolge beobachtete "kein anderer Akteur [...] die innere Lage der DDR so gezielt im Hinblick auf die Frage von Nationalbewusstsein und Wiedervereinigung wie der BND". (175) Trotz alledem war auch der BND unter Wieck "von einer Vorausschau des tatsächlichen Geschehens aber kaum weniger weit entfernt als viele andere Beobachter". (177)
Um die Frage zu beantworten, welches Gewicht der BND-Berichterstattung in Bonn zukam, untersucht Rüdiger Bergien das Verhältnis zwischen dem Nachrichtendienst und den Bundeskanzlern anhand der Überlieferung zu den mündlichen Vorträgen der BND-(Vize-)Präsidenten im Kanzleramt. So hatte Gehlen, wie die Forschungen Klaus-Dietmar Henkes gezeigt haben, zwar insofern eine große Bedeutung für Adenauer, als er diesen mit Informationen über SPD-Interna belieferte; aber er war "weit von der Rolle eines Kanzlerberaters entfernt". (289) Unter Erhard ging das Interesse am BND im Kanzleramt zurück, um unter dessen außenpolitisch interessiertem Nachfolger Kiesinger wieder zu steigen. Gehlens Nachfolger Gerhard Wessel war bei den "großen Lagebesprechungen" (293) unter Kanzleramtschef Karl Carstens stets dabei. 1970/71, in der Anfangsphase der Neuen Ostpolitik, wurde das Verhältnis noch enger: "Wohl zu keinem Zeitpunkt davor oder danach arbeitete der BND den Bedürfnissen der Regierung und dem Kanzler so unmittelbar zu." (297) Persönliche Arbeitsbeziehungen herrschten jedoch mehr zwischen den Chefs des Kanzleramts und den BND-Präsidenten als mit dem Bundeskanzler persönlich. Im Laufe der Zeit erfolgte eine Entkopplung des BND vom Kanzleramt, nicht zuletzt wegen der Affären, die Brandt, aber auch die Minister Georg Leber und Werner Maihofer ihre Ämter kosteten. Unter Helmut Kohl verbesserte sich das Verhältnis zunächst nicht. Kanzleramtschef Waldemar Schreckenberger sollte den Kontakt halten, auch nachdem Wolfgang Schäuble dessen Position übernommen hatte. BND-Präsident Wieck bestand auf einem Immediat-Zugang zum Kanzler, drang damit aber, sehr zu seinem Verdruss, nicht durch. Die Anbindung des BND zur Regierungsspitze war daher nie so schlecht wie Anfang 1989.
Nicht so recht in den Band passt ein längerer Beitrag zur Kooperation des BND mit dem SAVAK, dem iranischen Geheimdienst unter dem Schah-Regime, zur Ausspionierung der DDR-Botschaft in Teheran, denn hier geht es weder um das DDR-Referat noch um die großen Entwicklungstrends des Diensts. Abgesehen davon handelt es sich jedoch um einen weiterführenden thematischen Sammelband, der unter innovativen Fragestellungen anhand bisher unbekannten Quellenmaterials erste wichtige neue Erkenntnisse zur BND-Geschichte nach 1968 liefert.
Hermann Wentker