Niklas Krawinkel: Rechter "Rand" und demokratische "Mitte". Radikalisierung und Legitimation extrem rechter Politik nach 1945 (= Studien zur Geschichte und Wirkung des Holocaust; Bd. 14), Göttingen: Wallstein 2025, 460 S., ISBN 978-3-8353-5938-3, EUR 42,00
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Die extreme Rechte hatte in der Bonner Republik nie direkten Einfluss auf politische Entscheidungen, auf indirektem Weg jedoch konnte sie immer dann Teile ihrer politischen Ziele erreichen, wenn die Mitte der Gesellschaft es zuließ. Das ist die Hauptthese des Buchs von Niklas Krawinkel. Dessen empirischen Kern bildet die Analyse des öffentlichen Auftretens der extremen Rechten in der Bundesrepublik, stets mit der Frage im Hintergrund, unter welchen Bedingungen und mit welcher Wirkung die extreme Rechte in der BRD agieren konnte. Der Hauptteil besteht aus zweimal vier Kapiteln, die getrennt für die 1950er/60er sowie die 1970er/80er (und teils 1990er) Jahre vier Themenkomplexe behandeln.
Erstens erhellt Krawinkel anhand der Nachkriegsbiografie von Hans-Ulrich Rudel, einst Oberst der Luftwaffe, die Rolle der Kriegsgeneration in der extremen Rechten. Er sieht Rudel dabei als "Galionsfigur" der "politischen Beharrlichkeit" (397). Zweitens geht der Autor der Ideologieentwicklung auf den Grund, indem er Beiträge in der Coburger Monatszeitung "Nation Europa" zu zentralen Themen der extremen Rechten - etwa Europakonzepte, Holocaustleugnung, Migration, Naturschutz - analysiert. [1] Drittens werden in den Kapiteln über die Wiking-Jugend extrem rechte Jugendpolitik und Jugendliche als - oft gewalttätige - Akteure in den Blick genommen. Der Jugendbund sollte ein "Ort der Überwinterung" (130) und der Weitergabe illiberaler Leitwerte an die nächste Generation sein. Viertens richten zwei Kapitel den Fokus auf Frankfurt am Main. Die Stadt dient dabei einerseits als Sonde für Entwicklungen auf lokaler Ebene, die sich auch anderswo beobachten ließen, wenn etwa die Verbindungen zwischen Fußballfans und extrem rechten Skinheads analysiert werden. Andererseits betont der Autor die besondere Bedeutung der Mainmetropole für die extreme Rechte, so für ihre antikommunistische Netzwerkarbeit.
Krawinkel durchleuchtet neben der Entwicklung der extremen Rechten die Anschlussfähigkeit extrem rechter Politik "an Diskurse der gesellschaftlichen 'Mitte'" (30). Im Widerspruch dazu scheint die in der Einleitung vorgeschlagene Definition des titelgebenden Begriffs "Mitte" zu stehen (dass im Untertitel von "Legitimation" statt von "Legitimierung" extrem rechter Politik die Rede ist, ist dagegen lediglich ungeschickt doppeldeutig formuliert): "Mitte" bezeichne "alle politischen und gesellschaftlichen Gruppen und Personen, die nicht rechte Positionen vertreten oder zumindest nicht intentional rechtes Gedankengut verbreiten" (14). Diese dichotome Unterscheidung zwischen "rechtem Rand" und "demokratischer Mitte" wird jedoch durch den Autor selbst umgehend wieder relativiert und an vielen Stellen des Buches widerlegt, etwa wenn er feststellt, dass Sympathien für Forderungen der extremen Rechten mitunter "weit über das offen neonazistische Spektrum hinausgingen, in dem sie formuliert wurden" (58). Es ist gerade das große Verdienst der Studie, aufzuzeigen, in welchen Phasen der Geschichte der Bundesrepublik Antisemitismus, Rassismus, Ablehnung der Demokratie, Nationalneutralismus, Antikommunismus, Verdrängung und Verharmlosung des Nationalsozialismus, Ablehnung der Europäischen Union, Ablehnung von Zuwanderung, Akzeptanz von Gewalt - die Aufzählung ließe sich fortsetzen - bis in die vermeintliche "Mitte" hinein ignoriert, bagatellisiert oder gar geteilt und dadurch legitimiert wurden.
Darüber hinaus nimmt Krawinkel Versuche der Eindämmung der extremen Rechten in den Blick. Hier differenziert er zwischen einem repressiven und einem integrierenden Ansatz. Repressive Maßnahmen sind etwa Verbote, Strafrechtsverschärfungen sowie das Fernhalten extrem rechter Verbände und Vereine von staatlicher Finanzierung. Versuche, die extreme Rechte zu integrieren, umfassen die "Öffnung gegenüber extrem rechten Inhalten" sowie - insbesondere in der späten Phase des Untersuchungszeitraums und in den 1990er Jahren - eine "akzeptierende Jugendarbeit mit extrem rechten Jugendlichen" (400 f.). Sich zu einer Frage, die der extremen Rechten ein Anliegen war, zu positionieren und dabei kaum moderatere Positionen zu vertreten, "geschah häufig mit der Begründung, man dürfe ein wichtiges Thema nicht der extremen Rechten überlassen und man müsse den Wählerinnen und Wählern eine demokratische Alternative anbieten" (16). In anderen Fällen diente das Gewaltpotenzial extrem rechter Akteure als Rechtfertigung, etwa in der Diskussion um eine Generalamnestie für inhaftierte Kriegsverbrecher.
Der integrierende Ansatz führte laut Krawinkel so gut wie nie zum erhofften Resultat; eine Ausnahme stellt der Widerstand der CDU/CSU gegen die Neue Ostpolitik Anfang der 1970er Jahre dar, der geeignet war, der NPD Wählerstimmen abspenstig zu machen. Im Gegenteil erlangte die extreme Rechte durch das Aufgreifen ihrer Themen indirekt politischen Einfluss, und die "akzeptierende Jugendarbeit" machte Jugendclubs "zu Aktionszentren gewaltbereiter Neonazis" sowie zu "No-Go-Areas" für deren politische Gegnerinnen und Gegner wie auch für Migrantinnen und Migranten (301). Dagegen nennt Krawinkel den Ansatz, die Handlungsfähigkeit extrem rechter Organisationen einzuschränken, "erfolgreich" - also geeignet, den politischen Einfluss der extremen Rechten zu begrenzen (400).
Für die historische Forschung zur extremen Rechten in der Bundesrepublik ist das Buch ein Meilenstein. Die letzte derart breit (aber stärker organisationsgeschichtlich) angelegte Monografie stammt aus dem Jahr 1984. [2] Eine Gesamtdarstellung will die Arbeit zwar erklärtermaßen nicht sein. Doch die Skandale um Hans-Ulrich Rudel, die Geschichte von "Nation Europa" und der Wiking-Jugend sowie das Agieren der extremen Rechten am Schauplatz Frankfurt am Main werden jeweils so breit kontextualisiert und durch Exkurse ergänzt, dass das Ergebnis ein viel umfassenderes Bild ist, als es die Anlage des Buchs mit seinen vier Untersuchungsgegenständen zunächst vermuten lässt. Krawinkel ist auf Basis vorzüglicher Kenntnis der existierenden, gerade in den letzten Jahren stark angewachsenen Forschungsliteratur und breiter Archivrecherchen eine empirisch dichte, analytisch klare und darstellerisch trotz der Fülle des Materials leichtfüßige Analyse der Geschichte der extremen Rechten als "Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, ihrer Gesellschaft und ihrer Demokratie" (395) gelungen, die den Blick auf die Geschichte der Bundesrepublik verändern wird.
Anmerkungen:
[1] Vgl. jetzt auch: Marie Müller-Zetzsche: Erneuerung der alten Rechten. Nationalistische und rassistische Diskurse in Deutschland und Frankreich 1951-1971, Göttingen 2026.
[2] Vgl. Peter Dudek / Hans-Gerd Jaschke: Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Zur Tradition einer besonderen politischen Kultur, 2 Bde., Opladen 1984.
Johannes Dafinger