Mark Charles Fissel (ed.): The Military Revolution and Revolutions in Military Affairs (= De Gruyter Studies in Military History; Vol. 3), Berlin / Boston: De Gruyter Oldenbourg 2022, 471 S., 23 Farb-, 25 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-065725-8, EUR 84,95
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Annika Tammen: Frühmoderne Staatlichkeit und lokale Herrschaftsvermittlung. Normgebung und Herrschaftspraxis im Herzogtum Holstein des 17. und 18. Jahrhunderts, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte 2017
Christina Jordan / Imke Polland (eds.): Realms of Royalty. New Directions in Researching Contemporary European Monarchies, Bielefeld: transcript 2020
Der Sammelband hat sich zur Aufgabe gestellt, einen forschungs- und handlungsorientierten Beitrag zum weiten und viel diskutierten Feld der Military Revolution zu leisten. Das Originelle an dem Band ist daher auch die Kombination aus einschlägigen Experten aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften und Militärwissenschaftlern mit praktischer Erfahrung, die vor allem zu der gegenwärtigen Diskussion um Revolutions in Military Affairs (d.h. der Theorie, dass insbesondere Technologien immer wieder zu eklatanten Veränderungen im Kriegswesen führen) beitragen.
Diese selbstgestellte Aufgabe erfüllt der Band durchaus, auch wenn die Diskussion der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Military Revolution vor allem auf Eurasien beschränkt bleibt, ohne dass dies weiter erklärt würde. Obwohl so nicht vom Herausgeber und den Autoren intendiert, kann der Band auch als Einstieg und Überblick in das spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Kriegswesen und den Zusammenhang zwischen Kriegsführung und Staatsbildung (eines der Kernthemen der Military Revolution-Debatte) gelten. Die fünf historisch ausgerichteten Beiträge haben zwar alle auch ein genuines Argument zu ihrem Thema, kontextualisieren zugleich aber die Forschungsdebatte und bieten Synthesen jenseits der Kernepoche an. Das ist besonders hilfreich, weil auch nicht-englische Forschungsdebatten so zugänglich werden und weil, nach Ansicht der Rezensentin, die Synthese und Darstellung der bekannten Forschung und der historischen Ereignisse sehr gut gelungen sind.
In der konzisen Einleitung des Herausgebers werden die zwei Stoßrichtungen des Bandes vorgestellt: zum einen den Stand der Forschungsdiskussion um die frühneuzeitliche Military Revolution aus verschiedenen regionalen Perspektiven Eurasiens aufzuarbeiten und zum anderen die der Forschungsdiskussion zugrundeliegende Frage nach dem Zusammenhang von neuen Technologien (wie z.B. Schießpulver), taktischen Entwicklungen, sozialen und politischen Kontexten (z.B. Staatsbildung) im Zusammenhang mit der militärtheoretisch einflussreichen Theorie zur Revolution in Military Affairs zu analysieren. Damit spannt der Band einen Bogen zwischen den regionalen Forschungstraditionen zur frühneuzeitlichen Geschichte des Krieges sowie zwischen der historischen Forschung und aktuellen War Studies, die Erkenntnisse zur aktuellen Kriegsführung hervorbringen.
Die Einleitung des Herausgebers lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf wichtige übergreifende Argumente und Themen der Beiträge. Das ist hilfreich, trotz einer sozialwissenschaftlich inspirierten Sprache, die die Rezensentin stellenweise herausfordernd fand. Zu diesen Themen und Argumenten gehören die Neubewertung der zeitlichen Verortung einer Military Revolution je nach Region, ein Dauerbrenner in der Debatte. Hier werden insbesondere Osteuropa, das Osmanische Reich, der Ferne und der Nahe Osten, jeweils vor dem westeuropäischen Hintergrund, in den Fokus genommen. Des Weiteren zeigt der Band im Detail, wie das Modell der Military Revolution sich in diesen Regionen ausgebildet hat und trägt damit zu einem vertieften Verständnis bei, was wirklich notwendig zur Military Revolution gehört und was "nur" ein westeuropäisches (oder ostasiatisches oder osmanisches...) Charakteristikum ist.
Die Beiträge sind erfreulich ausführlich und detailliert - der Sammelband mit insgesamt ca. 450 Seiten vereint 8 Beiträge + Einleitung und einen Appendix zum Coverbild (Maximilian I. als Theuerdank). Hyeok Hweon Kang's Beitrag zu China, Japan und Korea diskutiert die technischen Unterschiede der Nutzung von Handfeuerwaffen im Vergleich zu Europa und betont dabei vor allem die Prioritätensetzung auf Treffgenauigkeit statt hoher Schussfolge. Ein kleines Manko des Beitrags ist der fehlerhafte wissenschaftliche Handapparat mit nicht alphabetischer Bibliografie und fehlenden Titeln, die zwar in den Fußnoten genannt wurden, aber eben nicht in der Bibliografie.
Aliaksandr Kazakou führt den Leser in die Entwicklung der Gunpowder Revolution im Großfürstentum Moskau und später Zarentum Russland sowie Polen-Litauen ein. Kazakou diskutiert dann detailliert die Schlacht bei Orscha (1514) zwischen Moskau und Litauen, letzteres unterstützt von Polen und die Rolle von Infanterie- und Artillerieeinheiten. Zugleich bietet er umfangreiche Informationen zur Entwicklung der Armeegrößen (ein wichtiges Argument insbesondere bei Michael Roberts) in Osteuropa.
Das von Geoffrey Parker besonders hervorgehobene Thema des Festungsbaus und hier insbesondere die Form der trace italienne als Reaktion auf die (durch)schlagkräftigere Artillerie wird von Wayne E. Lee in seiner Diskussion der Entwicklung im Osmanischen Reich aufgegriffen. Während das Osmanische Reich spätestens seit Gábor Ágostons Buch als Vorreiter innerhalb der Artillerieentwicklung gilt [1], war die vermeintliche Vernachlässigung der Festungen innerhalb des Riesenreichs bisher eine offene Forschungsfrage. Lee argumentiert zum einen, dass das Osmanische Reich zunächst auf Expansion statt auf Verteidigung bedacht war und zeigt zum anderen, dass es durchaus Entwicklungen im Festungsbau gab.
Ein eher kurzer Beitrag von James O'Neill widmet sich der Diskussion der militärischen Entwicklungen in Irland um 1600, insbesondere unter Hugh O'Neill, Earl of Tyrone, im Zuge des Neunjährigen Krieges in Irland. Aufgrund der Kürze bleibt dieser Beitrag hinter den anderen zurück, die neben ihren Fallstudien immer auch eine Kontextualisierung mit der (west)europäisch dominierten Military Revolution-Debatte sowie eine Synthese der spezifischen Militärgeschichte der analysierten Region bieten.
Vladimir Shirogorov gibt im längsten Beitrag des Bandes (ca. 100 Seiten) einen Überblick der Entwicklung des amphibischen Kriegs und analysiert, inwiefern in diesem Zusammenhang von Military Revolution gesprochen werden kann. Er fokussiert dabei auf die taktischen Veränderungen, die es vor der weiten Verbreitung von Schießpulver nicht gegeben hat, insbesondere argumentiert er für eine stärkere Beachtung der Rolle von "deck-to-shore assault ships". Diese Form der amphibischen Taktik, bei der Schiffe nicht nur Truppen und Kriegsmaterialien transportieren, sondern Landbefestigungen vom Schiff aus selbst angreifen, sei bis heute Teil von Marineoperationen, entstanden aus der Gunpowder Revolution des Spätmittelalters. Zudem werden die Wechselwirkungen zwischen Schiffsbau und Artillerieentwicklung sowie taktische Anpassungen und deren Auswirkungen auf (nautische) Befehlsstrukturen ausführlich besprochen.
Der Herausgeber Mark Charles Fissel leitet mit einem eher theoretisch orientierten Beitrag über zu den beiden Beiträgen der Militärwissenschaftler. Fissel fragt dabei nach der technologisch deterministischen Grundlage im Kriegswesen und verweist auf die historischen Beiträge, die zeigten, wie einflussreich spezifische Kontexte sind, auch wenn eine gemeinsame Stoßrichtung der Military Revolutions durchaus zu erkennen sei. Zugleich ist der Beitrag eine pessimistische Sicht auf die Gegenwart, in der Revolutions in Military Affairs und neue Technologien eine vollständige Zerstörungskraft entwickelt haben und die Frage nach der menschlichen und staatlichen Kontrolle sich nun neu stellt.
Mark D. Mandeles greift die Frage nach der staatlichen Kontrolle auf und analysiert vor allem auf Basis der Versuche in der Sowjetunion, Revolutions in Military Affairs herbeizuführen sowie der gegenwärtigen US-Politik, warum die staatliche Kontrolle dieser Entwicklungen so komplex ist und, wie in seinem Titel angedeutet, ein "impossible dream" sei. Joāo Vicente wagt den Blick in die Zukunft mit seinem Beitrag zum autonomen Luftkrieg. Dieser Bereich, welcher technologiebedingt aus den historisch orientierten Beiträgen ausgeschlossen war, verspricht aktuell die größten Veränderungen und damit Optionen für eine Revolution in Military Affairs. Als Luftwaffenoffizier und Militärtheoretiker denkt Vicente über die Möglichkeiten und Grenzen des unbemannten Luftkrieges nach und betont vor allem, dass der menschliche Einfluss sich zwar verändere, aber nie vollständig verschwinde und stattdessen Ethik immer mehr in den Mittelpunkt militärischer Entscheidungen rückt.
Der Band, der eindeutig aus einer militärhistorischen bzw. -wissenschaftlichen Perspektive geschrieben ist, schafft es, die weitere politische, soziale und kulturelle Bedeutung der Veränderungen im Kriegswesen, sei es im 15. und 16. Jahrhundert oder heutzutage, deutlich zu machen. Zugleich wird erkennbar, wie komplex und kleinteilig die Forschungsdebatte ist, nicht zuletzt, weil alle Beiträger im Band unterschiedliche Schwerpunkte im weiten Feld der Military Revolution setzen. Der Rezensentin fehlte dennoch die Perspektive der allgemeineren Frühneuzeitgeschichte, die aus dem Kontext der politischen, sozialen oder kulturellen Veränderungen nach dem Einfluss der Military Revolution fragt. Schließlich ist es gerade diese Verbindung, die die Werke von Michael Roberts und Geoffrey Parker auch heute noch so einflussreich machen. [2]
Anmerkungen:
[1] Gábor Ágoston: Guns for the Sultan: Military Power and the Weapons Industry in the Ottoman Empire, in: Cambridge studies in Islamic civilization, Cambridge / New York: Cambridge University Press 2005.
[2] Der klassische Einstieg in die Military Revolution Debatte ist Clifford J. Rogers (ed.): The Military Revolution Debate: Readings on the Military Transformation of Early Modern Europe. History and Warfare, Boulder / San Francisco / Oxford: Westview 1995 mit Beiträgen von Roberts und Parker.
Cathleen Sarti