Nicholas Potter: Die neue autoritäre Linke . Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft, München: dtv 2026, 255 S., ISBN 978-3-423-26448-8, EUR 18,00
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Der niedersächsische Landesverband der Partei Die Linke verurteilte im Frühjahr 2026 den "real existierenden Zionismus". Kurz vor dem Bundesparteitag wenige Monate später kamen interne Chatnachrichten aus dem unabhängigen Jugendverband Solid an die Öffentlichkeit, in denen Mitglieder Josef Stalin, Mao Zedong und Erich Honecker verteidigen. Diese zwei Beispiele zeigen sowohl die Obsession bezüglich Israel in bedeutenden Teilen der parlamentarischen und außerparlamentarischen Linken als auch ein unkritisches bis verklärendes Verhältnis zu kommunistischen Diktaturen und ihrer Verbrechen.
Welche Ausmaße diese autoritären Tendenzen annehmen können, zeigt die Situation des in Berlin lebenden, britischstämmigen Journalisten Nicholas Potter. Die ihn persönlich betreffenden Vorfälle seit dem Massaker der antisemischen Terrorgruppe Hamas am 7. Oktober 2023 hat er in seinem neuen Buch verarbeitet. Die Darstellung des ehemaligen Journalisten der taz, der jüngst zum Springer Verlag gewechselt ist, geht aber weit über seinen individuellen Fall hinaus und versucht sich an einer Erklärung und historisch-politischen Einordnung der aktuellen Entwicklungen in der politischen Linken.
Das elf Kapitel umfassende Buch beginnt mit den Anfeindungen gegen den Autor, von denen er erstmals erfuhr, als er auf einer Journalisten-Reise in Israel war. Es blieb aber nicht bei üblen Beschimpfungen und Diffamierungen in den sozialen Medien. Im Frühjahr 2025 tauchten in Berlin an der Humboldt Universität Plakate mit seinem Foto und dem Schriftzug "Wanted" auf. Darüber befanden sich noch ein rotes Dreieck, das Zeichen, mit dem die Hamas ihre Gegner markiert, und auf Deutsch, Englisch und Arabisch der Aufruf, den zionistischen Unterstützern des israelischen "Völkermords" keine ruhige Sekunde zu gönnen. Der Text endete mit dem Slogan der globalen Intifada: "From the river to the sea, Palestine will be free." Das Plakat mit der wenig verhüllten Morddrohung kommt aus dem Spektrum der linken Palästina-Solidaritätsbewegung, die sich faktisch seit dem 7. Oktober 2023 zu einer Hamas-Solidaritätsbewegung entwickelt hat.
Wie konnte es zu dieser Entwicklung einer politischen Strömung kommen, der sich Nicholas Potter selbst lange Zeit zurechnete und dies in vielen Aspekten noch immer tut? Wie konnte ein nicht unbeträchtlicher Teil der Linken zu einer Bewegung werden, die Bewunderung für autokratische und totalitäre Regime hegt, terroristische Gewalt verherrlicht, Pressevertreter auf ihren Demonstrationen einschüchtert und die liberale Demokratie ablehnt? Diesen Fragen geht der Autor in den folgenden Kapiteln nach.
Dabei beleuchtet er das Netzwerk von Aktivisten in den Sozialen Medien, wobei sich Sympathisanten palästinensischer Terrorgruppen mit Apologeten von Wladimir Putin, orthodoxe Kommunisten mit jungen aktivistischen Antizionisten überlappen. Außerdem zeigt Potter, wie sich ihr gemeinsamer ideologische Fokus hin zu einem antikolonialen, antiimperialistischen Widerstandsnarrativ gegen den Westen verschoben hat. Dabei spielt die politische oder religiöse Ausrichtung vermeintlicher Widerstandsbewegungen keine Rolle mehr. Es geht folglich nicht mehr um eine emanzipatorische Alternative zum Kapitalismus, sondern um Widerstand als Selbstzweck. Israel erscheint in dieser Sichtweise als Prototyp des kolonialistisch-rassistischen Staates, weswegen jeder Widerstand dagegen legitim sei. Das Massaker der Hamas wird somit zum legitimen Akt verklärt, zum Aufschrei der kolonisierten, unterdrückten Palästinenser.
Potter beschreibt, wie antizionistische Aktivisten gezielt und strategisch in den letzten Jahren bestehende Strukturen der linken Szene unterwanderten. In vielen Fällen waren sie dabei erfolgreich, vor allem hinsichtlich der Partei Die Linke und ihrer Jugendorganisation. Sie schreckten dabei auch vor Einschüchterung und körperlicher Gewalt nicht zurück, die sich in den letzten Jahren mehrmals gegen Journalisten auf Demonstrationen entlud. Hinzu komme ein "digitale[r] Daueraktivismus" (102), sowohl in sich selbst bestätigenden Echokammern als auch in Form von Beschimpfungen und Verleumdungen gegen ihre ausgemachten Gegner. Auch Fake News spielten dabei eine wichtige Rolle, um ein Dauerpanorama des Horrors aufrechtzuerhalten, so Potter.
Nach dem 7. Oktober breiteten sich derartige Positionen auch stark an Universitäten aus, besonders massiv in den USA und in Großbritannien, aber auch in Deutschland. Die zahlreichen propalästinensischen Protestcamps seien hierfür ein Beispiel. Dabei kam es immer wieder zu körperlichen Übergriffen, wobei der Fall des jüdischen Studenten an der FU Berlin Lahav Shapira nur der prominenteste ist, der krankenhausreif geprügelt wurde.
Diese Auseinandersetzung schlage sich auch in der Musikkultur und Kunstszene nieder, sei es durch terrorverherrlichende Stellungnahmen von Bands, durch Boykott israelischer Künstler oder die Flut offener Briefe von Kulturschaffenden gegen Israel und die deutsche Staatsräson. Doch beschränke sich der antizionistische Aktivismus nicht auf öffentliche Stellungnahmen, sondern schlage immer wieder in Gewalt und kriminelle Handlungen um, wie etwa beim Einbruch in die Ulmer Niederlassung der israelischen Firma Elbin. Angesichts dieser Entwicklungen werde die autoritäre Linke auch zukünftig eine Bedrohung für die liberale, pluralistische Gesellschaft bleiben.
Das Buch von Nicholas Potter stellt einen verdienstvollen Überblick über die Entwicklung der autoritären Linken seit dem 7. Oktober 2023 dar. Allerdings ließe sich darüber streiten, ob diese wirklich eine grundlegende Bedrohung für die deutsche Demokratie ist oder ob der Autor ihre gesamtgesellschaftliche Relevanz nicht überschätzt. Das Buch lässt in vielen Aspekten auch den analytischen und historischen Tiefgang vermissen, der nötig wäre, um die Entwicklung der radikalen Linken in Gänze angemessen beurteilen zu können. Diesen Anspruch erhebt das journalistische Werk aber gar nicht, und zweifellos zeigt es zahlreiche erschreckende Aspekte der letzten Jahre auf, wie die autoritären Strukturen, die Verharmlosung von Diktaturen und der Israelobsession in der Linken. Deshalb bleibt es bei aller Kritik eine lohnenswerte Lektüre.
Sebastian Voigt