Rezension über:

Andreas Morgenstern: Deutsche in der Tschechoslowakei. Die Berichterstattung der Reichenberger Zeitung 1932-1935, Berlin: Metropol 2024, 272 S., ISBN 978-3-86331-745-4, EUR 24,00
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Rezension von:
Sandra Kreisslová
Karls-Universität Prag
Redaktionelle Betreuung:
Christoph Schutte
Empfohlene Zitierweise:
Sandra Kreisslová: Rezension von: Andreas Morgenstern: Deutsche in der Tschechoslowakei. Die Berichterstattung der Reichenberger Zeitung 1932-1935, Berlin: Metropol 2024, in: sehepunkte 26 (2026), Nr. 9 [15.09.2026], URL: https://www.sehepunkte.de
/2026/09/41552.html


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Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in der Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung.

Andreas Morgenstern: Deutsche in der Tschechoslowakei

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Diese Publikation stellt einen wertvollen Beitrag zur Diskussion über die Radikalisierung der Deutschen in der Tschechoslowakei in den 1930er Jahren dar. Andreas Morgenstern formuliert als zentrale Forschungsfrage: Warum wandte sich die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei schrittweise dem Nationalsozialismus zu und wurde zur Stütze der Henlein-Bewegung? Die Antwort darauf versucht er durch eine medienanalytische Untersuchung der Reichenberger Zeitung zu finden. Andreas Morgenstern belegt angesichts des kontinuierlichen Erscheinens, des Prestiges sowie der hohen Auflage und Reichweite, dass die Reichenberger Zeitung ein zentrales Medium der alltäglichen Berichterstattung in Nordböhmen war. Es handelte sich somit um die einflussreichste deutsche Zeitung außerhalb Prags, die sich an die deutsche Bevölkerung der böhmischen Länder richtete. Gerade deshalb hält er es für legitim, den Fokus auf diesen eng abgegrenzten medialen Raum zu richten. Die Bedeutung der Presse ist auch deshalb hervorzuheben, weil es in dem untersuchten Zeitraum keine deutschsprachigen Sendungen des tschechoslowakischen Rundfunks gab und die Zeitungen somit eine unersetzliche Informationsquelle für das deutsche Milieu darstellten. Aus diesem Grund ist die Arbeit zu diesem Thema besonders zu begrüßen.

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich den Alltagserfahrungen während der Weltwirtschaftskrise. Hohe Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Spannungen trafen insbesondere die Textilregionen Nordböhmens. Die Reichenberger Zeitung berichtete in ihren Reportagen über Hunger, Selbstmorde, zunehmende Kriminalität und Unruhen. Der Autor legt überzeugend dar, dass die Wirtschaftskrise nicht nur als soziales Problem, sondern vor allem als Folge der "tschechischen Dominanz" sowie der ineffizienten Politik des tschechoslowakischen Staates interpretiert wurde. Auf diese Weise verwandelte sich das ökonomische Problem auf den Zeitungsseiten in ein Politikum mit der Konnotation nationaler Benachteiligung.

Des Weiteren untersucht Andreas Morgenstern unter anderem die Konstruktion und Reproduktion des "Sudetendeutschtums" in der Zwischenkriegszeit. Als Beispiel dient ihm die symbolische und politische Dimension des sogenannten Goethejahrs 1932. Er demonstriert eindrucksvoll, wie diese Persönlichkeit der literarischen Klassik instrumentalisiert wurde, um den Wert des "Sudetendeutschtums" zu unterstreichen. Das Schulwesen bildete eine weitere Arena des alltäglichen Ringens zwischen Tschechen und Deutschen in der Tschechoslowakei. Die deutsche Presse kritisierte wiederholt die ungleiche Behandlung: Während tschechische Schulen gegründet und staatlich gefördert wurden, sahen sich deutsche Einrichtungen mit Einschränkungen, Zusammenlegungen und finanziellen Kürzungen konfrontiert. Dies wurde als systematische Zerschlagung des deutschen Schulwesens und damit als Angriff auf die Existenz des "Sudetendeutschtums" interpretiert.

In einem weiteren Kapitel blickt der Verfasser auf die deutsch-tschechoslowakische Grenze. 1932 fungierte sie noch als Raum wirtschaftlicher und sozialer Verflechtung - die Zeitung berichtete über grenzüberschreitenden Handel, Verkehr und kulturelle Kontakte, aber auch über Schmuggel, der in Krisenzeiten zur Überlebensstrategie wurde. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich diese Perspektive jedoch grundlegend: Politische Gewalt, Straßenkämpfe und erste Erscheinungen des Antisemitismus rückten in den Vordergrund, während das Narrativ einer Wirtschaftsgemeinschaft zerfiel. Zugleich verwandelte sich die Grenze in eine Barriere, und 1934 etablierte sich bereits das Bild einer "toten Grenze": Die Zeitung berichtete über bürokratische Hindernisse, wirtschaftliche Probleme und Repressionen, übernahm aber zugleich zunehmend offizielle nationalsozialistische Propaganda. So zeigt die Reichenberger Zeitung, wie sich in wenigen Jahren die symbolische wie auch praktische Bedeutung der Grenze wandelte - von einem Ort des Austauschs zu einem Raum der Abgrenzung und politischen Instrumentalisierung.

Das vorletzte Kapitel widmet Andreas Morgenstern den Parlamentswahlen von 1935. In der detaillierten Schilderung des Wahlkampfes auf den Seiten der Reichenberger Zeitung spiegelt sich wider, wie die traditionellen deutschen Parteien in die Defensive gerieten, während sich die Sudetendeutsche Heimatfront durch Massenveranstaltungen, Symbolik und emotionale Sprache als die einzig authentische Vertretung der Deutschen zu präsentieren wusste. Im Schlusskapitel verfolgt der Autor die weitere Entwicklung der Reichenberger Zeitung bis zum Verkauf der Verlagsrechte an die NSDAP im November 1938. Einerseits erinnert er daran, dass das Blatt in der Zwischenkriegszeit langfristig als "bürgerlich-deutsche" Zeitung fungierte, die zwar den Anschein politischer Unabhängigkeit zu wahren gesucht, in der Praxis jedoch zunehmend die Rhetorik der Sudetendeutschen Heimatfront übernommen und sich Schritt für Schritt nationalistischen und später auch nationalsozialistischen Mustern angenähert habe. Gleichwohl finden sich in den Texten bis Mitte der 1930er Jahre noch Aufrufe zum deutsch-tschechischen Verständnis oder eine Respektbezeugung gegenüber Tomáš G. Masaryks demokratischem Erbe.

Andreas Morgensterns Buch bietet eine detaillierte Mikroanalyse der Reichenberger Zeitung und eröffnet damit den Zugang zu einem tieferen Verständnis der Dynamik der Radikalisierung des deutschsprachigen Medienraums in der Tschechoslowakei der 1930er Jahre. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf konkreten medialen Repräsentationen, deren Interpretation jedoch noch stärker durch die Einbettung in den weiteren diskursiven Rahmen der damaligen sudetendeutschen Politik hätte gestützt werden können - insbesondere im Hinblick auf die Schlüsselbegriffe "Wiedergutmachung" und "Nationalbesitzstand", die Iris Nachum jüngst präzise herausgearbeitet hat. [1] Ebenso gewinnbringend wäre eine intensivere Kontextualisierung der Minderheitenpolitik des tschechoslowakischen Staates gewesen. In diesem Zusammenhang sei den Lesern und Leserinnen auch die kritisch ausgerichtete Arbeit von Mary Heimann [2] in Erinnerung gerufen.


Anmerkungen:

[1] Iris Nachum: Nationalbesitzstand und "Wiedergutmachung". Zur historischen Semantik sudetendeutscher Kampfbegriffe, Göttingen 2021.

[2] Mary Heimann: Czechoslovakia. The State That Failed, New Haven 2011.

Sandra Kreisslová