Mireille Rebeiz: Gendering Civil War. Francophone Women's Writing in Lebanon, Edinburgh: Edinburgh University Press 2023, X + 237 S., ISBN 978-1-4744-9927-9, GBP 20,99
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Trotz oder vielleicht auch wegen der Fülle bereits existierender Forschung über den libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) und dessen literarischen Output hat die Literatur- und Genderforscherin Mireille Rebeiz mit ihrem Buch einen ungemein wertvollen Beitrag geleistet. Aufbauend auf Theorien der poststrukturalistischen Narratologie, die den historischen und soziokulturellen Entstehungskontext von Texten in den Fokus rücken, behandelt Rebeiz in ihrem Buch französischsprachige Romane libanesischer (bzw. aus dem Libanon stammender) Schriftstellerinnen, die sich in ihren Werken mit dem Bürgerkrieg auseinandersetzen. Das ertragreiche Zusammenspiel von Theorien aus der klassischen Narratologie und postmodernen Ansätzen, hier aus den Gender-, Postcolonial- und Trauma Studies, macht Rebeiz' Analyse zu einem Musterbeispiel für die interdisziplinäre Weiterentwicklung der modernen, poststrukturalistischen Narratologie.
Insgesamt analysiert sie acht Romane von fünf Schriftstellerinnen. Namentlich sind dies Vénus Khoury-Ghata (geb. 1937), Etel Adnan (1925-2021), Evelyne Accad (geb. 1943), Andrée Chedid (1920-2011), Hyam Yared (geb. 1975) und Georgia Makhlouf (geb. 1955). Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie die Autorinnen Geschichten aus und über den Bürgerkrieg und damit verbundene Traumata erzählen und warum sie ebendiese Erzählweise(n) wählen. Während sich der erste Buchteil The Narrative Voice (Kapitel 1 und 2) der weiblichen Ich-Erzählerin und der 'allwissenden Erzählerin' ("Feminine Omniscient Narrator") widmet, untersucht sie im zweiten Teil The Narrative Body (Kapitel 3 und 4) die narrative Funktion des Körpers, der nicht nur als Metapher, sondern auch als Stimme fungiert, mittels derer die Kriegsgeschichte erzählt wird.
Kapitel 1 The Feminine 'I' behandelt die Funktion des weiblichen Ich-Erzählers in den Romanen Les Absents von Georgia Makhlouf und Sitt Marie Rose von Etel Adnan. In Les Absents erzählt eine namenlose Ich-Erzählerin anhand ihres Telefonbuchs, das auch die Kapitelstruktur des Buches bildet, die (Kriegs-)Geschichten ihrer Kontakte. Das feminine 'Ich', so Rebeiz, fungiert dabei als Zeuge des erlebten Traumas, das sich in der narrativen Struktur vor allem in der Abwesenheit der Protagonisten, aber auch in stilistischen Mitteln wie Wiederholungen manifestiert. In Sitt Marie Rose wird die Geschichte der gleichnamigen Aktivistin Marie Rose behandelt, die von christlichen Milizen während des Bürgerkriegs umgebracht wurde. Der Roman gliedert sich in zwei Teile, wobei der erste in Form der Ich-Erzählerin verfasst ist, während diese im zweiten Teil nur eine Stimme unter vielen darstellt. Dieses graduelle Verstummen des 'femininen Ichs' korreliert mit dem physischen Niedergang Marie Roses. Genau wie Marie Rose, so Rebeiz, kann auch die feminine Ich-Erzählerin ihre Mission, die Geschichte aus ihrer Perspektive zu schildern, nicht umsetzen und muss am Ende verstummen.
In Kapitel 2 befasst sich Rebeiz mit der narrativen Funktion des 'allwissenden Erzählers' in den Romanen La Maison sans racines und Le Message von Andrée Chedid und Coquelicot du massacre von Evelyne Accad. Sie vertritt dabei die These, dass die Autorinnen die Instanz einer allwissenden Erzählerin nutzen, um humanistische Werte und Agenden gegen den Krieg zu formulieren. Die 'allwissende Erzählerin' hat dabei zwar eine normative Funktion, diese ist jedoch nicht mit dem moralischen Tonus der Unfehlbarkeit klassischer 'allwissender Erzähler' gleichzusetzen, wie er etwa in Märchen zu finden ist - vielmehr erzählt die humanistische 'allwissende Erzählerin' verschiedene, sich zum Teil auch widersprechende Sichtweisen, um für gegenseitiges Verständnis und Frieden einzutreten.
Im zweiten Teil des Buchs untersucht Mireille Rebeiz, wie gesagt, die Rolle des weiblichen Körpers in den Erzählungen. Dieser dient ihrer Meinung nach nicht nur als Metapher, sondern durch ihn und um ihn herum entspannt sich die gesamte narrative Handlung der Kriegsgeschichten. In Kapitel 3 The Evil, Sick and Disabled Female Body analysiert Rebeiz die Romane La Maîtresse du Notable von Vénus Khoury-Ghata und La Malédiction von Hyam Yared. In Khoury-Ghatas Novelle symbolisiert der 'fremde' und 'bösartige' Körper der Protagonistin Flora den politischen Westen. Floras Körper schürt Zwietracht und Angst unter den Bewohnern der Stadt. Er erschafft 'hybride Monster' und entfacht konfessionelle Fehden. In La Malédiction steht ein Mutter-Tochter Konflikt im Vordergrund. Dabei widersetzt sich Tochter Hala durch eine Essstörung und eine heimliche lesbische Beziehung der sozialen Kontrolle durch ihre Mutter und Schwiegermutter. Als die Letztere nach dem Tod des Ehemannes vor Gericht das Sorgerecht für Halas beiden Töchter erstreitet, bringt Hala sich und ihre Töchter um. Während es in Khoury-Ghatas Novelle der bösartige Körper ist, ist es, so Rebeiz, in Hyam Yareds Roman der kranke weibliche Körper, der als Metapher für den libanesischen Bürgerkrieg steht und der an den patriarchalen Werten der Gesellschaft zugrunde geht. Im vierten und letzten Kapitel The Magical Body and the Grotesque Body werden die Romane L'Armoire des ombres von Hyam Yared und Vacarme pour une lune morte und Les Morts n'ont pas d'ombre von Vénus Khoury-Ghata behandelt, die dem Genre des magischen Realismus zugeordnet werden können. Hier ist es der groteske Körper, der im Sinne des Karnevals dazu dient, Kritik an der allgemeinen Ordnung, an der Realität, am Bürgerkrieg zu üben. Durch Destruktion und Komik wird die reale Welt auf den Kopf gestellt und auf die Absurditäten des Krieges hingewiesen. In Khoury-Ghatas Romanen sind die Bewohner des fiktiven Orts Nabilie (fr. Libanon, rückwärtsgeschrieben) in einen absurden und endlos scheinenden Krieg verwickelt; die Menschen sterben und kehren am nächsten Tag wieder, Körper sind grotesk deformiert und der Geruch verbrannter Leichen wird mit dem Duft von Kebab verglichen.
Rebeiz' Analyseansatz über die narrative Funktion des Körpers als Stimme birgt zweifelsohne hohes Potenzial für interdisziplinäre Vergleiche und eine Weiterentwicklung anhand anderer Fallbeispiele, die auch aus unterschiedlichen Kulturen oder Epochen stammen können. Ein weiterer Erkenntnisgewinn der Arbeit resultiert aus der Verbindung von Narratologie und Trauma Forschung. Rebeiz schlägt daher zum Abschluss des Buchs vor, die 'Trauma Narratologie' als neuen Zweig poststrukturalistischer Narratologie zu etablieren. Ein Vorschlag, der in jedem Fall Diskussionsstoff bietet. Was man in Rebeiz' Analyse vermisst, sind nähere Informationen über den persönlichen Hintergrund und Lebenslauf der Autorinnen, die im Sinne der poststrukturalistischen Narratologie durchaus in die Textanalyse miteinbezogen werden sollten. Zumal in diesem Fall nur eine der behandelten Schriftstellerinnen (Hyam Yared) noch im Libanon lebt, während die anderen spätestens kurz nach Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 ins Exil, nach Frankreich oder in die Vereinigten Staaten, emigriert sind. Auch auf die Bedeutung der Sprachwahl (Französisch vs. Arabisch) und die damit verbundene postkoloniale Kritik geht sie nicht ein. Rebeiz begründet dies mit dem Anliegen, die Romane nicht auf ihre feministische oder postkoloniale Agenda und die Autorinnen nicht auf ihre Rolle als Frauen aus dem Orient zu reduzieren, sondern eine tiefgreifende Analyse ihrer literarischen Werke zu leisten, die ihrer Rolle als ernstzunehmende Schriftstellerinnen gerecht wird. Dies ist Mireille Rebeiz auf beste Weise gelungen.
Miriam Quiering