Rezension über:

Silva Z. Mitchell: Queen, Mother, and Stateswoman. Mariana of Austria and the Government of Spain, University Park, PA: The Pennsylvania State University Press 2019, XVI + 293 S., 10 s/w-Abb., ISBN 978-0-271-08339-1, USD 84,95
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Elena Taddei
Institut für Geschichte und Ethnologie, Universität Innsbruck
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Elena Taddei: Rezension von: Silva Z. Mitchell: Queen, Mother, and Stateswoman. Mariana of Austria and the Government of Spain, University Park, PA: The Pennsylvania State University Press 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 7/8 [15.07.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/07/34872.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Silva Z. Mitchell: Queen, Mother, and Stateswoman

Textgröße: A A A

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine über zehn Jahre und dank verschiedener Forschungsaufenthalte gewachsene Doktorarbeit über die Rolle von Erzherzogin Maria Anna von Österreich (1634-1696), Tochter von Kaiser Ferdinand III. und Maria Anna von Spanien und Schwester von Kaiser Leopold I., als Regentin in Spanien. Mit 14 Jahren wurde die Erzherzogin im Rahmen der bewährten habsburgischen Heiratspolitik mit ihrem Onkel, König Philipp IV. von Spanien, verheiratet. Nach 16 Jahren als Königsgemahlin wurde sie dann mit dem spanischen Namen Mariana 1665 testamentarisch zur Regentin für den erst dreijährigen Nachfolger Carlos II. bestimmt. Zehn Jahre lang regierte sie zusammen mit dem von Philipp IV. installierten Staatsrat (Junta de Gobierno) für den Minderjährigen und navigierte das Land durch einige Krisen und Kriege, unter anderem mit Frankreich.

Ziel der Arbeit ist es, mithilfe von bisher nicht berücksichtigten Quellen und durch die Neuinterpretation von bekanntem Wissen die substantielle politische Agency von Mariana während ihrer Regentschaft und auch noch im Exil, wohin sie für einige Jahre nach der Übernahme der Herrschaft durch den mittlerweile volljährigen Sohn geschickt wurde, aufzuzeigen.

Die Einleitung, deren Titel "The Historical and International Significance of Mariana's Regency" eher in einem Fazit zu erwarten wäre, beinhaltet eine emotionsgeladene Rechtfertigungs- und Verteidigungskampagne für die bisher von der männlich dominierten Forschung verkannte und missdeutete Regentin und setzt sich zum Ziel, Mariana ihren rechtmäßigen ("rightful"), bisher verwehrten ("denied"), hervorragenden Platz ("preeminent place") in der spanischen Geschichte zu geben (5).

Im Hauptteil werden Marianas Handlungsspielräume in ihrer Zeit als Regentin und auch nach ihrer Ablösung durch den Sohn beleuchtet. Dabei lesen sich die Krisen um die Abspaltung Portugals, der Krieg in Flandern, die diplomatischen und militärischen Auseinandersetzungen mit Frankreich und die zweimalige Bedrohung der Herrschaft durch Philipps illegitimen Sohn, Don Juan José, wie ein Politthriller. Vorrangig auf spanische Quellen gestützt, kann Mitchell erst nach und nach die eingangs postulierte Bedeutung Marianas als machtvolle und fähige Regentin entlang der Hinweise zu ihrer Regierungsarbeit und eigenständigen Entscheidungsgewalt (z. B. durch eigenhändige Schreiben) sowie zu ihrer Repräsentation (Titulatur, Porträts) belegen.

Als Regentin stellt sie Mitchell auf die gleiche Stufe wie ihren Bruder Leopold, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, oder König Ludwig XIV. von Frankreich und wertet einen eingeleiteten Seligsprechungsprozess - etwas überzogen - als Beweis ihrer politischen Macht und ihres diplomatischen Einflusses (2) in einer Zeit verschärfter Kämpfe um die Vorherrschaft in Europa. Nicht nur hier versucht die Autorin angestrengt alle Hinweise auf eine von den Zeitgenossen wie der Historiografie als schwach wahrgenommene Regentin umzudeuten. Dabei umgeht sie wenig differenzierend die Kritiken an der unzureichenden Erziehung von Carlos durch Mariana und an ihrem übermäßigen Einfluss auf den durch den Ahnenschwund physisch und psychisch schwachen jungen König von Spanien. Die von Philipp IV. in seinem Testament von drei auf sechs Mitglieder vergrößerte, ihr zur Seite gestellte Junta de Gobierno war eine auch außerhalb Spaniens für die weibliche Regentschaft übliche Institution. Die Autorin fühlt sich hier allerdings verpflichtet, diese institutionelle Stütze der (weiblichen) Vormundschaftsregierung dezidiert als "well-established traditions" zu verharmlosen (66), um ihre Argumentation der hervorragenden Befähigung Marianas aufrechtzuhalten. Dies ist jedoch gar nicht notwendig, da besonders in der zweiten Hälfte des Hauptteils verschiedene Beispiele wie die Stärkung der Landesverteidigung, die gerechtere Verteilung der Steuerlast, die sparsame Hofführung oder die Entlassung von Mitgliedern des Hofes - u.a. ihres eigenen Beichtvaters - und die Beförderung von fähigen Räten, auf ein strategisch kluges Denken und eine nüchterne politische Führung der Habsburgerin hinweisen.

Die Arbeit ordnet sich als ein Mosaikstein in die Frauen- und Geschlechterforschung ein. Der größere Kontext der Forschung zu den Handlungsspielräumen von Fürstinnen wird allerdings nur hie und da angedeutet (232). Im Gesamten bleibt die Arbeit auf die Person Marianas und auf das Zurechtrücken und die Korrektur der bisherigen Deutung durch die ältere Forschungsliteratur konzentriert. Der übermäßige, redundante, stark emotionale Hinweis auf die Tatsache, dass ihr die bisherige Forschung - gemeint ist jene zu Carlos II. zu Beginn des 20. Jahrhunderts - Unrecht getan habe, der krampfhafte Versuch, ihre Person und Regentschaft zu rehabilitieren und Mariana als besonders fähig darzustellen, schmälern das Verdienst der Arbeit, aufgezeigt zu haben, dass auch oder besonders in der spanischen Geschichte Beispiele von selbstverständlicher, weil rechtmäßiger weiblicher Herrschaft zu finden und noch zu untersuchen sind.

Einige Ungenauigkeiten, so z.B. bei der Titulatur ("the Habsburg Archduchesses of Innsbruck", 28 oder "Habsburgs Archdukes of Tirol", 29), oder bei den Kurwürden, von denen es ab 1648 acht und nicht mehr sieben gab (39), könnten wie auch das Fehlen von Forschungsliteratur zur weiblichen Agency und den österreichischen Habsburger*innen der Sprachbarriere geschuldet sein.

Insgesamt bietet die Untersuchung dieser Regentin am Vorabend des Spanischen Erbfolgekrieges aber einen wichtigen Beitrag zur spanischen und habsburgischen Geschichte und zur Geschlechtergeschichte und kann als Ausgangpunkt für einen internationalen Vergleich dienen.

Elena Taddei