Nicola Di Cosmo / Lorenzo Pubblici: Venezia e i Mongoli. Commercio e diplomazia sulle vie della seta nel medioevo (secoli XIII-XV) (= La storia. Temi; 103), Roma: Viella 2022, 315 S., 13 Farb-, 2 s/w-Abb., ISBN 979-12-5469-005-5, EUR 32,00
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In der Mitte des 13. Jahrhunderts war Lateineuropa an das mongolische Großreich angeschlossen, das sein Ziel, von einem Ozean bis zum anderen zu herrschen, zwar nie erreichte, aber weite Teile Afro-Eurasiens eroberte oder zumindest berührte - und auch vielen jener Bereiche, die nicht in die direkte oder Tribut-Herrschaft eines der mongolischen Khane eingeschlossen wurden, eine "mongol experience" vermittelte, um den Historiker mongolischer Geschichte Thomas Allsen zu zitieren. Aus mongolischer Perspektive - und das ist die Sichtweise, die den vorliegenden Band über weite Strecken dominiert - sind damit vor allem Handelskontakte gemeint und Erfahrungen damit, was man wie unter welchen Bedingungen in welchen Sprachen und Währungen mit wem auf den "vie della seta", den Seidenstraßen (so der im Band absichtsvoll benutzte Plural) handeln konnte und welche Verträge auf diplomatischem Wege abgeschlossen werden konnten - zugespitzt also mongolische Handelspolitik.
Das Buch ist aufgeteilt in zwei Teile à sieben bzw. vier Kapitel; das sehr detaillierte Inhaltsverzeichnis ist auf der Verlagsseite abrufbar (www.viella.it/libro/9791254690055). Der erste Teil arbeitet die "klassischen" Kategorien Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ab. Es ist geschrieben von zwei Spezialisten für Zentralasien, beginnt aber dennoch mit der venezianischen Perspektive und einem Überblick von Venedigs Betätigungen in der Levante mit Zielrichtung auf die Etablierung im Schwarzen Meer und seinem Umfeld seit dem Vierten Kreuzzug 1204, der Venedig die Herrschaft über die Meerengen beschert hatte, und bis zum Vertrag von Nymphäum 1260, der die Dauerkonkurrentin Genua in die Vorhand brachte.
Die Perspektive wechselt dann zum Aufstieg des mongolischen Weltreiches und seinen Berührungen mit Europa bis zu einem Einschnitt ungefähr zur gleichen Zeit (1266), als mehrere, nicht immer friedlich kooperierende mongolische Reiche entstanden und in Zukunft die "Goldene Horde" (oder richtiger, das Reichsgebiet des činggisidischen Clans der Dschödschiden) in der eurasischen Steppe und das il-Khanat südlich des Kaukasus mit Venedig und Genua interagierten.
Das Ganze wird dann zur Geschichte des venezianischen Ringens um den Schwarzmeerraum mit der Etablierung der Kolonie Tana (heute in etwa Azov) - nicht auf der bevorzugten Krim (wo Genua sich in Caffa etablierte), sondern in der Don-Mündung - um 1300. Es folgen anhand nicht zuletzt diverser überlieferter Verträge die "Konsolidierung" (1319-1343) der venezianisch-mongolischen Beziehungen im Großraum (der ganz Kleinasien mit einschloss) sowie die (multiple) "Krise" dieser Beziehungen (1343-1360) zur sich in den folgenden Jahrzehnten immer mehr auflösenden "Goldenen Horde". Während der Schwerpunkt auf den mongolischen Entwicklungen liegen muss, auch als dann im späten 14. Jahrhundert der turko-mongolische Herrscher Timur (Tamerlan) von Samarkand aus die Region beherrschte, bleibt stets der genuesisch-venezianische Konflikt (Chioggia 1378-81) als Hintergrund im Blick. Auch den Nachklängen "nach der Goldenen Horde" werden einige Seiten gewidmet, bis Tana - das schon Timur einmal zerstört hatte - in osmanische Hände fiel (1475). Neben der politischen Ereignisgeschichte liegt - das sei noch einmal betont - ein stetes Gewicht auf den ökonomischen Bedingungen, die sich in diesem Rahmen entwickeln konnten und die trotz aller Rückschläge für eine zweihundertjährige profitable Begegnung mongolischer und venezianischer (und genuesischer) Akteure sorgten.
Auf dieser soliden Basis - die zudem in globalgeschichtlichen Zugriff den Mongolen "agency" zubilligt, bewusste Gestaltung der militärisch erreichten Herrschaftsmöglichkeiten und ebenso bewusste Vernetzung weitester eurasischer Räume, und sie nicht nur als austauschbare Herren von Gebieten darstellt, in die die Europäer kolonisierend vordringen - folgt der zweite Teil des Buches, der sich in vier Kapiteln eher den kommunikativen Kanälen widmet. Hier versammeln die Autoren Bewegung, Instrumente und Handelsgüter (movimenti, strumenti e merci). Und da beginnen sie mit einem Namen, der beim Thema Venezianer und Mongolen natürlich nicht fehlen darf, auch wenn wir ihn üblicherweise eher mit China als mit dem Schwarzmeerraum verbinden: Marco Polo. Marco war nach allem, was wir aus seinem sehr variabel überlieferten Reisebericht wissen, nie wirklich im Dschötschiden-Reich (anders als sein Vater und Onkel zuvor), aber das mongolische China am anderen Ende der Seidenstraßen gehört natürlich im Grunde auch in die im Buchtitel versprochene Beziehungsgeschichte. Allerdings hätte man sich dazu mehr Kontext der lateineuropäischen Beziehungen nach China gewünscht, so bildet das Kapitel eher einen Fremdkörper im Buch (zudem sollte man "das" Buch Marco Polos eigentlich nicht ohne eine etwas systematischere quellenkritische Behandlung der von verschiedenen beteiligten Seiten zum Teil kompliziert überlieferten Zeugnisse heranziehen). Doch immerhin: Marcos "geografia commerciale" spiegelt zunächst das venezianische Wissen um 1260 und ist später sicher wichtig gewesen für die venezianischen Sichtweisen - obgleich die Etablierung im Schwarzen Meer vor der (zweiten) Rückkehr der Polos geschah.
Die Perspektive der beiden Autoren kommt einer Globalisierung europäischer Geschichte vor allem in den dann noch folgenden drei Kapiteln zu Gute: zum vernetzten ("interconnesso") Kontinent, dessen Herausforderungen mit Hilfe von Land- und Seerouten technologisch ebenso wie mit rechtlichen und Instrumenten der Vergemeinschaftung bewältigt wurden, zu den "Mitteln des Austauschs" wie Geld, Sprache, Maße und Abgaben sowie schließlich zu den Handelswaren mit besonderem Gewicht auf dem (in italienischen Notariatsakten wohlbelegten) Sklavenhandel. Unterstützt werden besonders diese Kapitel durch den Appendix mit Statistiken zu Seefahrt, Münzwesen, Gewichten, Maßen und Abgaben, Sklavenhandel und einem detailliert aufgeschlüsselten Vertrag zwischen Venedig und Abu Sa'id, dem il-Khan des mongolischen Persien von 1320.
In diesem Zusammenhang seien besonders die 15 beigegebenen teilweise farbigen Illustrationen hervorgehoben, die als Block in der Mitte des Buches versammelt sind und den weiten Horizont des Themas noch einmal für sich vermessen: Selbst- und Fremddarstellungen von Mongolen im Westen, in Russland und in Persien, venezianische und mongolische Münzen, materielle Überreste der italienischen Siedlungen auf der Krim und in der Donmündung, Schriftwissen über Asien in Italien. Nachdem zu Beginn eine ausführliche Einleitung in Thema und Aufbau gegeben war, runden nun ein relativ kurzes Fazit sowie ein Namensregister den Band ab.
Felicitas Schmieder