Julia Menzel: Holocaust, Zeit und Erzählung. Traumatische Zeiterfahrung in H. G. Adlers Roman Eine Reise (= Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik; Bd. 98), Leiden / Boston: Brill 2024, VI + 353 S., ISBN 978-90-04-69199-5, EUR 133,75
Buch im KVK suchen
Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.
Joanna Bednarska-Kociołek: Danzig/Gdańsk als Erinnerungsort. Auf der Suche nach der Identität im Werk von Günter Grass, Stefan Chwin und Paweł Huelle, Bruxelles [u.a.]: Peter Lang 2016
Christa Wolf: Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten. Briefe 1952-2011. Herausgegeben von Sabine Wolf, Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 2016
Bill Niven: Representations of Flight and Expulsion in East German Prose Works, Woodbridge: Camden House 2014
Der 1910 in Prag geborene Hans Günther Adler, der nach dem Krieg seinen Vornamen wegen der Namensgleichheit mit dem SS-Sturmbannführer Hans Günther, dem Stellvertreter Adolf Eichmanns in Prag, auf die Initialen H. G. verkürzte, wurde als Überlebender des Lagers Theresienstadt und vor allem als dessen Historiker bekannt. Er verstarb 1988 in London. Mit seiner umfangreichen, 1955 erstmals publizierten Studie "Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Geschichte, Soziologie, Psychologie" begründete er die Forschung über das Lager. Während er für seine historiografischen Studien, deren breiter wissenshistorischer Horizont die herausragende Qualität seiner Arbeiten unterstreicht, auch in den 1950er Jahren bereits Aufmerksamkeit erzielte, blieben seine literarischen Arbeiten lange Zeit ohne nachhaltige Resonanz. Das änderte sich jedoch zunehmend seit den 1990er Jahren, wofür etwa die 1999 von seinem Sohn Jeremy Adler besorgte Neuausgabe seines Romans "Eine Reise" und ein im Jahr 2004 erschienener Band über Adlers Literatur in der Reihe Text+Kritik angeführt werden können. In seinem Nachwort erinnerte Jeremy Adler daran, dass sein Vater nach der Erarbeitung der ersten Fassung seiner historischen Studie in rascher Folge von 1948 bis vermutlich etwa Mitte der 1950er Jahre insgesamt fünf Romane verfasste, von denen "Eine Reise" 1950/51 entstand. Veröffentlicht wurde er allerdings erst 1962.
Die 2021 an der Leuphana Universität Lüneburg eingereichte Dissertation von Julia Menzel, deren leicht überarbeitete Fassung hier anzuzeigen ist, kann daher an eine inzwischen etablierte Forschung anknüpfen. Die Autorin rückt die Frage narrativer Konstruktionen von Zeit ins Zentrum ihrer, so viel sei vorausgeschickt, ausgezeichneten Studie. Als leitende These formuliert sie, dass in "Eine Reise" das von der Gewalt veränderte Zeitbewusstsein der Opfer zentraler Gegenstand des Erzählens sei. Zugleich werde in Adlers Roman vorgeführt, "dass die 'Grenzen der Erzählbarkeit' des Holocaust auch mit der Erfahrung einer '[z]erbrechende[n] Zeit' zusammenhängen" (4). Die Verknüpfung von Zeit und Darstellung wird dabei zu Recht als zentrales und verbindendes Anliegen älterer und neuerer Forschung ausgewiesen, die sich mit "Form-Zeit-Verhältnissen" auseinandersetzt, woran Menzels Studie für ihre gründliche Relektüre von "Eine Reise" anknüpft (4).
Die neun Kapitel der Arbeit, die von einer fünfzehnseitigen Einleitung und einer etwa halb so langen Schlussbetrachtung ergänzt werden, sind in zwei ungleiche Teile gegliedert. Während der erste, etwa ein Viertel der Studie umfassende Teil allgemein das Thema Zeit erzählen behandelt, wobei ein Abschnitt darin bereits um "Trauma, Zeit und Erzählung" kreist, bezieht sich der gesamte zweite Teil mit den Kapiteln vier bis neun auf die Analyse von Adlers Roman unter dem Aspekt der Zeitdarstellung. Im ersten Teil entfaltet Menzel die "Theoriegrundlage" (73) ihrer Arbeit, wobei sie sich vor allem auf Paul Ricœurs bahnbrechende, dreibändige Forschungsarbeit "Zeit und Erzählung" (1983-1985) stützt. Während Ricœur den Zusammenhang von Zeit und Erzählen primär "als anthropologische Konstante" (73) versteht, geht es Menzel um die Anwendung der von Ricœur erarbeiteten Ergebnisse auf ihre literaturwissenschaftliche Textanalyse von Adlers Roman. Dabei nimmt sie, gleichsam en passant, auch die noch 2016 von dem Narratologen Ansgar Nünning als Desiderat beschriebene grundlegende Fragestellung "zum Verhältnis von Erzählliteratur und Zeitkulturen" mit in den Blick; eine Fragestellung, die "bisher von literaturwissenschaftlicher Seite kaum gestellt, geschweige denn beantwortet" werde, wie Menzel Nünning zitiert (75). Dafür bezieht sie sich auf einen von Antonius Weixler und Lukas Werner artikulierten Vorschlag für einen analytischen Zugriff auf Zeit, den sie "modifiziert und ergänzt" am Ende des ersten Teils vorstellt (77).
In der Analyse der Zeitdarstellung in Adlers "Eine Reise", die im Zentrum der Studie steht, präsentiert Menzel den auf vielschichtige Weise im Roman behandelten Konnex zwischen Zeit und Erzählen als "unauflöslichen" Zusammenhang (85). Dabei geht sie systematisch vor und untersucht im vierten Kapitel zunächst die doppelte Zeitlichkeit des Erzählten, die von der Literaturwissenschaft traditionell mit dem Unterschied zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit markiert wird. Im Unterschied dazu verhandelt das fünfte Kapitel "Das Jetzt der Figuren" (114), kontrastierend zum "Vergangenheitsbezug der Erzählinstanz" (139). Mit dem Begriff "Zeitfiguren", denen das sechste Kapitel nachgeht, bezeichnet die Autorin den "Effekt des Zusammenwirkens sowohl von Raum und Zeit als auch von Zeit und Figur in der sinnlich wahrnehmbaren Konkretisierung, der Gestaltwerdung von Zeit" (147). Während das siebte Kapitel sich unter dem Begriff der "Zeitdeutung" (201) mit fünf Aspekten der Sinnstiftung durch Formen narrativer Zeitdarstellung beschäftigt, rückt das achte Kapitel die Frage ins Zentrum, auf welche Weise im Roman auf die zeitgeschichtliche Wirklichkeit der Verfolgung und Vernichtung referiert und wie sie dargestellt wird. Im neunten Kapitel, "Narrative Refiguration von Zeiterfahrung", knüpft die Autorin noch einmal an Ricœur und dessen mimesis-Konzeption an, indem sie sich mit der Frage nach der Aufnahme von Adlers Roman durch Leser beschäftigt. Denn ihren vollen Sinn realisiere eine Erzählung nach Ansicht Ricœurs erst in dem Moment, "wenn sie im und durch den Akt der Lektüre 'wieder in die Zeit des Handelns und des Leidens eintritt'" (307).
Dieser bemerkenswert gründlichen Studie gelingt es vor dem Hintergrund einer äußerst informativen Rekonstruktion des für ihren Gegenstand grundlegenden Theoriewerks von Paul Ricœur und unter Einholung des literaturwissenschaftlichen Forschungsstands zum Verhältnis von Zeit und Erzählen, Adlers exzeptionellen Roman neu zu erschließen und dessen herausragende literarische Qualität unter dem Fokus der Zeitdarstellung zu veranschaulichen. Mit dem richtigen Hinweis auf Saul Friedländers integrative Geschichtsschreibung des Holocaust unterstreicht Menzel die große Bedeutung, die auch den fiktiven literarischen Werken von Überlebenden zukommt, um die Stimmenvielfalt der Opfer in der Erinnerung gegenwärtig zu halten. Zu bedauern bleibt allerdings, dass der astronomische Verkaufspreis einer weiten Verbreitung der Arbeit wohl im Wege steht.
Hans-Joachim Hahn