Andrea H. Schneider-Braunberger: Miele im Nationalsozialismus. Ein Familienunternehmen in der Rüstungs- und Kriegswirtschaft, 2. Auflage, München: Siedler 2023, 352 S., ISBN 978-3-8275-0188-2, EUR 38,00
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Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einzelner Unternehmen hat nach wie vor Konjunktur und dafür gibt es wissenschaftlich gesehen gute Gründe: Die einzelnen Unternehmen wurden unterschiedlich geführt und produzierten in verschiedenen Branchen mit abweichenden Verfahren. Genauso unterschiedlich waren auch die individuellen Handlungsspielräume, Mitwirkungen, Eigeninteressen in der NS-Zeit. Dass heute zudem öffentlicher Druck zur Aufklärung besteht, ist allgemein bekannt. Dass unternehmensintern mitunter großes Interesse über die eigene, häufig unklare Vergangenheit besteht, ist weniger bekannt - auch wenn dies nicht für alle Unternehmen gilt.
Wer nun aber meint, der Forschungsstand sei mit einigen Unternehmensabhandlungen ausreichend bedient, missversteht die Chancen von Aufarbeitungsstudien. Ähnlich wie in der Biografik sind es gerade die Einzelfallstudien, welche immer weitere Nuancierungen zulassen und damit auch auf der Metaebene die bekannten großen Linien um Erkenntnisse bereichern. So ist es auch im Falle des zu besprechenden Buches über die Unternehmen Miele & Cie. und der Mielewerke A.G.
Die Verfasserin kann als versierte Expertin für Unternehmensgeschichte gelten. Seit fast 30 Jahren ist sie Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, ihre Publikationsliste spricht für sich. Ihr offener Blick nach allen Seiten bei einem gleichzeitig allgemein verständlichen Sprachstil ist Ausdruck ihrer Erfahrung.
Das Buch selbst ist mit seinen knapp 250 Textseiten schnell und flüssig lesbar. Bei allen Möglichkeiten zu Details und Exkursen konzentriert sich die Autorin auf die wesentlichen Punkte und leitet stringent durch ihre Gedanken. Den Hauptteil bilden sechs Kapitel. Ein erstes Kapitel ist eine Art Vorwegnahme übergeordneter Kontextualisierung, in welcher die Rüstungs- und Kriegswirtschaft im Nationalsozialismus kenntnisreich und selbst für Laien verständlich erklärt wird. Eine solche Vorwegnahme der großen Leitlinien der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft ergibt Sinn, um die Entwicklung des Unternehmens in der NS-Zeit einordnen zu können. Denn die einst sehr breite Produktpalette von Miele erlebte im Nationalsozialismus eine rasante Verschiebung zu einer fast ausschließlich Rüstungsgüter produzierenden Ausrichtung. Den Lesenden hierfür in einem ersten Kapitel die notwendigen Grundkenntnisse an die Hand zu geben, erweist sich als hilfreich.
Im zweiten Kapitel wird die Vorgeschichte des Unternehmens dargelegt, welches ausgerechnet in den ersten Jahren der NS-Zeit mit dem Abtritt der Unternehmensgründer einen Generationenwechsel erlebte. Während das Geschäft speziell mit Fahrrädern, Waschmaschinen und weiterem anfangs noch flüssig lief, machte sich ab Mitte der 1930er Jahre die NS-Wirtschaftspolitik immer stärker bemerkbar. Gerade die Rohstoffkontingentierung sorgte für Probleme. Die Lösung wurde schließlich in der Hinwendung zur Produktion von Rüstungsgütern gesehen. Das vierte Kapitel erläutert diese immer rasantere Rüstungsproduktion, die im letzten vollen Kriegsjahr mit einem Anteil von 95 Prozent der Gesamtproduktion ihren Höhepunkt erreichte. Im fünften Kapitel widmet sich die Verfasserin den Themen Arbeit und Zwangsarbeit. Miele hob sich gerade dadurch von anderen Unternehmen ab, dass zwar alle zeittypischen Phänomene von Überstunden bis Kriegsgefangenen vorlagen, doch keine KZ-Häftlinge herangezogen wurden. Das letzte Kapitel befasst sich mit einer viel zu oft schnell abgehandelten Zeitspanne: Kriegsende, Übergang in die Nachkriegszeit und Wiederaufbau. Hier wird insbesondere ersichtlich, wie die Umstellung bei Miele auf die neuen Wirtschaftserfordernisse erfolgte und die Entnazifizierung des Personals ablief. Ein Fazit und ein Anhang von mehr als 100 Seiten inklusive des ausführlichen Fußnotenapparats runden das Buch ab.
Eine Studie über ein Unternehmen ist per se strukturhistorisch geprägt. Inhaltlich gelingt es der Autorin dennoch, dem Unternehmen Miele Gesichter zu geben: Von der liberalen Gründergeneration, über den mit jüdischer Ehefrau und Kindern auswandernden Nachfolger bis hin zum zwecks Unternehmensschutz in die NSDAP eintretenden Nachfolger. Dabei werden auch immer wieder die Handlungsspielräume diskutiert und vermeintliche Alternativen erläutert. Es zeigt sich, dass Miele anfangs aus zunehmender Alternativlosigkeit hinsichtlich der politisch gelenkten Umstellung von Friedens- auf Kriegswirtschaft aktiv in die Rüstungsproduktion einstieg, aus der es später kein Entrinnen mehr gab, selbst wenn die Unternehmensführung gewollt hätte. Dieser Pfad der Abhängigkeit, welchen die Verfasserin mehrfach hervorhebt, ist in der Unternehmensgeschichte inzwischen Usus.
Zugleich werden die Beweggründe, Strategien und Ziele der beiden Gesellschafterfamilien von der Autorin immer wieder betont. Auch die beiden "Arisierungsfälle" (12) bei Filialen, vermeintlich antisemitische Einstellungen der Unternehmensleitung oder der Versuch entgegenkommenden Verhaltens bei Zwangsarbeitern etwa mit Investitionen in die Sanitäranlagen werden detailliert erläutert.
Eine große Stärke der Monografie besteht im flüssigen und allgemein gut verständlichen Sprachstil. Durch Rekurrieren und Kontextualisieren auf die Metaebene sind sämtliche Ausführungen gar bei kompliziertesten Einzelfragen nachvollziehbar. Das muss ausdrücklich betont werden, leiden doch gerade unternehmenshistorische Studien häufig an einer extremen Fokussierung auf die eigene Disziplin, die zu wenig in das Große Ganze einordnet. Eine derartige Spezialisierung verliert nicht nur den Anschluss an die allgemeine Geschichtswissenschaft, sondern erschwert auch die Lesbarkeit für die interessierte Öffentlichkeit. Die Verfasserin zeigt, dass es anders geht.
Auch mit der enormen Anzahl von Fotos, Bildern, Tabellen, Diagrammen und Schaubildern macht die Verfasserin Daten, Zahlen, Gebäude und Vergleiche nahbarer. Die sogenannte harte Unternehmensgeschichte mag gerade zahlenlastige Tabellen en masse hervorbringen, aber mediale Veranschaulichungen sind vielfach hilfreicher, als es so manchen Kollegen bewusst sein mag.
Insgesamt hat die Autorin eine Studie vorgelegt, die weit über das eigentliche Untersuchungsobjekt Miele hinausgeht. Sie stellt nicht nur die Geschichte von Miele im Nationalsozialismus dar, vielmehr bringt sie den Lesenden auch bedeutende Perspektiven der Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte des 'Dritten Reichs' nahe. Von ihrem hilfreichen Stil und der analytischen Schärfe sollten sich einige Unternehmenshistoriker inspirieren lassen.
Daniel Meis